Die humanitäre Hilfe steckt in der Krise: Unterfinanzierung, obwohl es immer mehr bewaffnete Konflikte gibt; immer mehr Menschen, die Hilfe brauchen; immer größere Gefahren für diejenigen, die helfen wollen. Eine traurige Bilanz zum Tag der humanitären Hilfe.

Krieg, Hunger, Armut und Ungleichheit: Jeden Tag sind zahlreiche Menschen auf der Welt Gewalt und Unsicherheit ausgesetzt – ohne dass sie irgendeine Schuld daran tragen. Die Anzahl von bewaffneten Konflikten und Kriegen in unserer Zeit ist seit dem Zweiten Weltkrieg auf einem neuen Höchststand. 2025 gab es laut dem Jahresbericht des Osloer Friedensforschungsinstituts 65 Konflikte in 35 Ländern, an denen staatliche Akteure beteiligt waren.

Je mehr Kriege es gibt, desto mehr Menschen brauchen humanitäre Unterstützung. So die einfache Rechnung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Hilfen werden gekürzt, andere Staaten ziehen sich immer mehr zurück. Die humanitäre Hilfe braucht nun selbst Hilfe.

Ohne Geld wird die humanitäre Hilfe weniger – und Menschen sterben

In den letzten beiden Jahren ist die Finanzierung für internationale humanitäre Hilfe deutlich zurückgegangen. "Die Kürzungen der Hilfsgelder verschärfen die Lage zusätzlich", sagt Christine Kahmann, Sprecherin von UNICEF Deutschland, auf Anfrage unserer Redaktion. "Ausgerechnet in einem Moment, in dem weltweit so viele Kinder wie nie zuvor auf Unterstützung angewiesen sind."

Die US-Regierung unter Trump löste USAID auf, die Behörde für Entwicklungszusammenarbeit. Mehr als 80 Prozent ihrer Projekte wurden gestrichen, darunter die Verteilung von AIDS-Medikamenten oder therapeutischer Zusatznahrung für mangelernährte Kinder. USAID war eine der weltweit größten Organisation für Entwicklungszusammenarbeit. Ihre Auflösung: ein klares Zeichen der Politik.

Auch Deutschland hat die Finanzierung für Krisen deutlich zurückgefahren. Während es 2022 noch 3,28 Milliarden Euro für die humanitäre Hilfe weltweit gab, so wurden 2025 nur 1,06 Milliarden Euro ausgegeben. 2026 wurden sogar nur noch 1,048 Milliarden Euro zugesichert. Der Bedarf steigt immer weiter, während die globale Hilfsbereitschaft sinkt.

Humanitäre Hilfe unter Druck

Auch der Druck auf die humanitären Helferinnen und Helfer steigt. Sie müssen mit immer weniger Mitteln immer mehr Menschen versorgen. So benötigen weltweit 239 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, schätzt die UN. Finanziert ist nur ein Bruchteil.

Dies bestätigte auch Daniel Timme, UNICEF-Sprecher in Afghanistan, im Interview mit unserer Redaktion: "Wir versuchen Leben zu retten, und das mit weniger Geld. Wir können immer weniger Menschen versorgen. Und das bedeutet, dass mehr Kinder sterben werden. So einfach ist das."

Ohne lokale Helfende funktioniert keine humanitäre Hilfe

Besonders wichtig sind für Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten, lokale Mitarbeitende, die selbst aus den betroffenen Gemeinden kommen. "Unsere lokalen Kolleginnen und Kollegen sind das Rückgrat der UNICEF-Hilfe für Kinder in Not", sagt Christine Kahmann. "Vor allem bringen sie etwas mit, das unersetzlich ist: fundiertes Wissen über die lokalen Gegebenheiten und Vertrauen in den Gemeinden." Das sei vor allem in Krisenzeiten unerlässlich, um Kinder und Familien zuverlässig zu unterstützen und sie überhaupt zu erreichen.

Dass humanitäre Hilfe unter so schwierigen Bedingungen wie im Krieg oder nach Umweltkatastrophen überhaupt funktioniert, liegt laut Kahmann vor allem an "Erfahrung, Vorbereitung, enger Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden und guter Koordination".

UNICEF habe in den Projektländern ein starkes Netzwerk. "Wir arbeiten eng mit lokalen Partnern zusammen – mit Krankenhäusern, Schulen, zivilgesellschaftlichen Organisationen – und stimmen uns mit Behörden und anderen Hilfsorganisationen ab."

Humanitäre Hilfe wird immer gefährlicher

Die Krise ist nicht nur finanzieller Art. Helfende sind immer wieder das Ziel von Angriffen und können ihrer Arbeit nicht nachgehen, weil es zu gefährlich ist. "Gerade in Konfliktgebieten geraten humanitäre Teams bei ihrem Einsatz zunehmend ins Kreuzfeuer", sagt auch Kahmann. "Sie werden angegriffen, verletzt oder sogar getötet, Fahrzeuge attackiert, Krankenhäuser und Schulen zerstört."

In umkämpften Gebieten wie der Stadt Al Obeid im Sudan wird es immer schwieriger, die Menschen noch zu erreichen. Die Folgen lassen sich leicht erschließen: Wenn Kinder in diesen Gebieten kein sauberes Wasser, keine medizinische Versorgung oder therapeutische Zusatznahrung bekommen, schwebt ihr Leben in Gefahr.

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Früher, so sagt auch der Globale Humanitäre Direktor bei Plan International in London der dpa, hätte es gereicht, eine weiße Flagge am Fahrzeug mitzuführen oder das Logo des Roten Kreuzes. Heute ist dies kein Sicherheitsgarant mehr.

Allein im vergangenen Jahr wurden 350 humanitäre Helferinnen und Helfer im Einsatz getötet – und das in deutlich gekennzeichneten Konvois und bei Einsätzen, die mit Behörden koordiniert waren, sagt Tom Flechter, Direktor der Nothilfeorganisation OCHA vor dem UN-Sicherheitsrat, laut dpa.

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"Humanitäre Hilfe braucht in Zukunft vor allem Schutz, Zugang und politischen Willen", macht Christine Kahmann von UNICEF deutlich. "Wer humanitäre Hilfe angreift oder internationales Recht verletzt, sollte nicht straflos bleiben."

Verwendete Quellen