Neue interne E-Mails belasten Boeing schwer: Mitarbeiter des angeschlagenen Flugzeugbauers sollen Sicherheitsbedenken bei der Boeing 737 Max heruntergespielt und versucht haben, eine stärkere Kontrolle des Flugzeugs durch die Aufsichtsbehörden zu verhindern.

Mehr Wirtschaftsthemen finden Sie hier

Flugzeugbauer Boeing hat interne Dokumente aus den Jahren 2017 und 2018 zum Problemflugzeug Boeing 737 Max veröffentlicht und gibt damit einen Einblick in den damals laxen Umgang mit Sicherheitsfragen.

So werden in den Mails Sicherheitsbedenken von Mitarbeitern bezüglich des Flugzeugs relativiert und heruntergespielt sowie Behörden, Ansprechpartner der Fluglinien und Boeing-Mitarbeiter verspottet, wie das "Wall Street Journal" berichtet.

Große Probleme bei den Flugsimulatoren der Boeing 737 Max

Aus den Nachrichten geht hervor, dass es teils große Probleme mit den Flugsimulatoren gegeben haben muss. Mitarbeiter beschweren sich darüber, dass nicht genug Zeit gewesen wäre, alle entdeckten Fehler zu beheben. Zudem werden Bedenken laut, ob die Behörden dem Simulator in der damals vorliegenden Fassung überhaupt eine Freigabe erteilen würden.

Wie groß die Probleme anscheinend tatsächlich waren, macht eine Aussage aus dem Februar 2018 deutlich: "Würdest Du Deine Familie in eine Maschine 737 Max setzen, in welcher der Pilot nur das Simulator-Training absolviert hat? Ich nicht."

In weiteren Mails wird deutlich, wie der Boeing-Chefpilot Mark Forkner versucht, Fluggesellschaften vom Simulatortraining ihrer Piloten abzubringen. Die Ausbildung sei "kostenintensiv und völlig unnötig". Nachrichten an Kollegen machen deutlich, unter welchem Druck der Pilot stand, die Behörden und Kunden von einem verpflichtenden Simulatortraining abzubringen. Ein solches Training hätte Boeing "Millionen gekostet" und das wäre ihm "alleine angekreidet worden".

Diese Aussagen sind deswegen brisant, da Boeing bislang ein rein computergestütztes Lernverfahren für die 737 Max als ausreichend erachtet hat, diese Meinung aber erst vor wenigen Tagen verwarf. Sollten die amerikanische Flugsicherheitsbehörde FAA das Flugzeug wieder freigeben, empfiehlt Boeing nun ein zusätzliches Training im Flugsimulator. Inzwischen seien alle Probleme erkannt und bearbeitet.

Hohn und Spott für Behördenmitarbeiter und Boeing-Angestellte

Weiter zeigen die Mails den toxischen Umgangston innerhalb des Unternehmens: So werden Behördenmitarbeiter in einer Nachricht wegen des verlangten Einbaus bestimmter Displays in die 737 Max als "Trottel" bezeichnet, über Indiens obersten Luftfahrt-Regulierer heißt es, er sei "anscheinend noch um ein Vielfaches dümmer".

Doch der Spott trifft nicht nur Externe, auch intern spart man nicht mit Häme. In einer Mail heißt es demnach im Wortlaut: "Dieses Flugzeug ist designt von Clowns, die beaufsichtigt werden von Affen."

In einer Stellungnahme hat Boeing auf die Dokumente reagiert. Darin bedauert das Unternehmen den Umgangston in den Mails und den Umgang mit Sicherheitsbedenken: "Diese Kommunikationen spiegeln nicht das Unternehmen wider, das wir sind und sein müssen, und sie sind vollkommen unakzeptabel", heißt es in der Mitteilung. Der Flugzeugbauer habe inzwischen Maßnahmen eingeleitet.

Boeing steht nach zwei Abstürzen seines bis dahin bestverkauften Flugzeugmodells 737 Max erheblich in der Kritik. Das Unternehmen wird verdächtigt, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Boeing weist dies zwar zurück, hat aber Fehler und Pannen eingeräumt.

Bei Unglücken starben im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen. Die 737 Max ist seitdem mit Startverboten belegt.

Verwendete Quellen:

  • wsj.com: Internal Boeing Documents Show Cavalier Attitude to Safety
  • Material der Deutschen Presseagentur (dpa)
  • Pressemitteilung Boeing: Boeing Statement on Employee Messages Provided to U.S. Congress and FAA
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.