Wir haben mit der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor über die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln gesprochen. Sie warnt vor voreiligen Schlüssen, Stigmatisierung und sieht die deutsche Gesellschaft in Gefahr.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor.

Frau Kaddor, die Debatte über die Silvesternacht in Köln läuft auf Hochtouren. Kann man zum jetzigen Zeitpunkt schon eine Ursache für die Übergriffe ausmachen?

Lamya Kaddor: Zunächst einmal standen die Männer offenbar unter massivem Alkoholeinfluss, der sehr enthemmend wirkt. Dazu kommt eine kriminelle Absicht. Die Kombination aus beidem hat wohl zu den sexuellen Übergriffen geführt. Ob noch weitere Faktoren wie etwa der kulturelle Hintergrund eine wesentliche Rolle spielten, dazu ist der derzeitige Kenntnisstand zu gering.

Aber: Sollten die Täter muslimischen Glaubens sein und/oder aus einem muslimischen Land stammen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass viele von ihnen ein patriarchalisch geprägtes Frauenbild vertreten. Das würde die sexuelle Übergriffigkeit erklären, aber als alleiniger Faktor für die Vorkommnisse in Köln tut ein patriarchalisch geprägtes Bild es nicht. Bei den Übergriffen scheint es nur sekundär eine Rolle gespielt zu haben. Jedenfalls ist ein solches Verhalten unislamisch. Vordergründig – so der Anschein – ging es um Taschendiebstahl und Raub.

Welches Frauenbild herrscht in männerdominierten Gesellschaften arabisch-muslimischer Länder?

Wegen Übergriffen: Kölner Polizeipräsident verliert Posten.

Zunächst einmal möchte ich festhalten: Es gibt nicht DEN Prototypen eines Muslim. Aber es gibt bestimmte muslimische Kulturkreise, die sehr, sehr unterschiedlich geprägt sein können. Natürlich herrscht in muslimischen Kulturen ein weit verbreitetes Frauenbild, das von unserem Rollenverständnis abweicht. Das heißt aber nicht, dass gleich jeder muslimische Mann ein Problem mit Frauen und ein patriarchalisches Frauenbild haben muss.

Dass die Meute in Köln dieses Frauenbild vertritt, ist vermutlich zutreffend. Deshalb aber bestimmte Rückschlüsse auf Muslime zu ziehen, ihnen zu unterstellen, sie hätten per se ein Problem mit der Sexualität der Frau, mit Frauen- und mit Männlichkeitsbildern, halte ich für gefährlich. Wir dürfen sie nicht unter Generalverdacht stellen.

Und erst wenn die Täter ausgemacht sind und es sich herausfinden lässt, welches Rollenbild sie vertreten, sollten wir darüber diskutieren, was da schief gelaufen ist. Weshalb es uns als Gesellschaft nicht gelingt, bestimmte Werte zu transportieren.

Mit Religion haben die Übergriffe also erst einmal nichts zu tun?

Ich sage nicht, die Übergriffe hätten nichts mit dem Islam zu tun. Ein patriarchalisch geprägtes Frauenbild muss aber nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun haben. Der Islam kann, wer ihn so verstehen will, der Frau eine minderwertige Rolle zusprechen, aber dazu gehört auch viel böse Absicht. Ein wirklich frommer Muslim würde dieses Verhalten niemals billigen.

Wie kommt es zu solch einer Interpretation?

Es gibt einen gewissen Interpretationsspielraum in der Theologie. Dieser hängt vor allem von den Bedürfnissen der Menschen ab, wie sie ihren Glauben auslegen. Das ist ein das Problem, das Religion generell hat. Sie lässt sich entsprechend auslegen – und das machen häufig Männer, weil sie ihre Macht durch Gottes Hilfe legitimieren wollen. Nicht nur im Islam.

Köln kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus: Auch heute kommentieren Zeitungen die gewaltsamen Übergriffe der Silvesternacht. Viele sehen in den sexuellen Taten einen Angriff auf die Gesellschaft. Auch Vergleiche zu den Terroranschlägen von Paris werden gezogen.

Religion, Tradition, Kultur, Erziehungsstil etc. – sind für die Sozialisation eines Menschen so stark ineinander verflochten, dass man schlecht sagen kann, was nun für eine Handlung ausschlaggebend war. Es ist deshalb zu diesem Zeitpunkt sehr schwer zu sagen, welcher Faktor wirklich ausschlaggebend für die Übergriffe war. Es ist ein Mix aus all diesen Faktoren.

Wie soll man mit den Vorfällen in der Silvesternacht umgehen?

Es muss um Versachlichung gehen, auch darum ohne Angst die Dinge beim Namen zu nennen – allerdings ohne dabei in Stereotype zu verfallen. Wir dürfen in der Debatte keine Ressentiments befeuern. An aller erster Stelle steht, die Täter auszumachen und diese zu bestrafen, vor allem im Sinne der Opfer.

Anschließend müssen wir darüber diskutieren, wieso es so weit kam. Die Vorfälle müssen lückenlos aufgeklärt werden: Wir müssen herausfinden, ob und wie sich die Männer abgesprochen haben. Wir müssen klären, ob und welche andere Faktoren (Wertvorstellungen, Erziehung, religiöse Bildung etc.) eine Rolle spielen.

Dazu gehört auch zu hinterfragen, ob und warum wir diese Menschen nicht erreicht haben, ob die Integrationspolitik hier gescheitert ist und ob es Integrationsangebote überhaupt gegeben hat. Wie kann es zu solch einer Eskalation kommen? Diese Fragen müssen wir uns stellen – allerdings erst an dritter Stelle.

Was kann man jetzt schon anders machen, ohne zu wissen, was genau schief gelaufen ist?

Wir müssen sehr früh versuchen, Menschen zu erreichen und mit unseren Normen, Werten und Gesetzen vertraut machen. Das betrifft nicht nur die Flüchtlinge, sondern uns alle.

Übergriffe in Köln: Nach und nach werden immer mehr Details bekannt.

Wir sollten unsere Werte vorleben und anfangen, Kinder möglichst früh demokratisch zu erziehen. Auch rechtsstaatliche Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit oder Gleichberechtigung der Geschlechter gilt es zu vermitteln. Es muss für alle klar sein, dass jeder Verstoß gegen rechtsstaatliche Prinzipien geahndet wird.

Ungeachtet woher ein Mensch kommt, welche religiöse Zugehörigkeit er hat, er wird vor dem Gesetz gleich behandelt. Wichtig für unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben ist, dass wir alle auf der gleichen Grundlage miteinander leben. Wer das nicht akzeptiert und ganz bewusst verletzt, muss bestraft werden.

Sollten straffällig gewordene Asylbewerber abgeschoben werden?

Das ist rechtlich ganz schwierig – vor allem hinsichtlich syrischer Flüchtlinge. Ich vermute, das wird aufgrund der Situation in Syrien nicht gehen. Ich denke, sie werden in Deutschland ihre Strafen erhalten und danach eventuell in bestimmten Bereichen Sozialdienst leisten müssen. Denkbar wäre, dass sie diese dann sozusagen "im Dienste der Frau" abzuleisten haben.

Die Informationspolitik der Kölner Polizei nach den Silvester-Übergriffen wird stark kritisiert. Welche Folgen kann das haben? Welche Befürchtungen haben Sie?

Uns fehlen ganz wichtige Informationen, um den Sachverhalt wirklich nüchtern und objektiv zu bewerten. Die Menschen aber haben ein Bedürfnis nach und ein Recht auf Informationen, und je mehr offen bleibt, desto mehr wird spekuliert.

Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft durch solche Spekulationen aus den Fugen gerät, dass der dünne Faden, der sie zusammenhält, reißen wird. Solch chaotische Informationspolitik dünnt den gesellschaftlichen Frieden immer mehr aus.

Diese schleppende Informationszufuhr spielt vor allem den Hetzern in die Hände. Im Netz schlägt einem purer Hass entgegen. Die Medien, die Polizei stehen hier in einer großen Verantwortung. Je weniger Informationen die Menschen haben, desto mehr wird spekuliert und von rechts dieses Vakuum gefüllt.

Wir müssen hier lückenlos aufklären. Wenn uns das nicht gelingt, wird unser Zusammenleben immer problematischer. Es wird dann durch Skepsis und Misstrauen noch weiter geprägt. Wir können uns das gesellschaftspolitisch nicht leisten – gerade hinsichtlich der Flüchtlingsdebatte und der Diskussionen um Integration. Wir brauchen nicht noch mehr Polarisierung, noch mehr Gesellschaftsspaltung. Denn genau da setzen die Rechten an.

Zur Person: Lamya Kaddor ist Tochter syrischer Einwanderer. Die Religionslehrerin und Islamwissenschaftlerin gründete im Jahr 2010 den "Liberal-Islamischen Bund", dessen Vorsitzende sie ist. 2011 wurde sie von der Bundesregierung mit der Integrationsmedaille ausgezeichnet. Bekannt ist sie vielen durch ihr Buch "Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen".