Die Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel ist nach einem schweren Trainingsunfall querschnittsgelähmt. Diese Diagnose bekommen jährlich rund 1.800 Menschen in Deutschland. Für die Betroffenen beginnt ein Leben voller neuer Herausforderungen - körperlich wie seelisch.

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Ein Unfall – und plötzlich ist nichts mehr wie zuvor: Das hat die Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel erlebt. Seit sie beim Training Ende Juni in Cottbus einen schweren Unfall hatte, ist die 27-Jährige querschnittsgelähmt.

Ihr Rückenmark wurde am siebten Brustwirbel durchtrennt. Von der Brust abwärts spürt die Sportlerin ihren Körper nicht mehr. Nach Operation, künstlichem Koma und vier Wochen auf der Intensivstation lernt sie inzwischen in einer Reha, mit der veränderten Situation umzugehen. Auch ihr Haus in Erfurt soll behindertengerecht umgebaut werden.

Zu einer Quer­schnitts­läh­mung kommt es, wenn das Rückenmark durch eine Verletzung geschädigt wird. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Quer­schnitt­läh­mung bekommen jedes Jahr in Deutschland rund 1.800 Menschen diese Diagnose, häufig nach Unfällen beim Sport oder im Straßenverkehr.

"Zunächst geht es dann darum, die gebrochene Wirbelsäule zu operieren und sie zu stabilisieren", erläutert Professor Dr. Norbert Weidner, Ärztlicher Direktor des Querschnittzentrums am Universitätsklinikum Heidelberg.

Patienten bekommen psychologische Unterstützung

An die Operation schließt sich in der Regel die Verlegung in ein Spezialzentrum für Quer­schnitts­läh­mungen an. Dort untersuchen Spezialisten, ob es sich um eine komplette Lähmung handelt oder ob Beine oder Füße womöglich doch noch sensibel sind.

"Wenn klar ist, dass eine komplette Lähmung besteht, ist es sehr wichtig, das passend zu kommunizieren", sagt Weidner. Patienten bekommen vom ersten Tag an psychologische Unterstützung, um die neue Situation zu meistern.

Je nachdem, ob ein Patient tatsächlich komplett gelähmt ist oder noch Gefühl in den Beinen hat, wird die Reha angepasst: Ist die Lähmung nicht komplett, lernen Patienten, wieder zu gehen und zu stehen, zum Beispiel am Barren oder mit Gehhilfen.

Bei einer voll ausgeprägten Lähmung hingegen geht es darum, die ausgefallenen Funktionen des Körpers zu kompensieren. "In der Regel passiert das mit einem Rollstuhl", sagt der Neurologe. Dabei ist es wichtig, einen passenden Rollstuhl zu finden, da sonst Druckstellen und auch heftige Verspannungen auftreten können.

Blase und Darm werden entlastet

Außerdem spielen noch andere Bereiche des Körpers eine Rolle: Durch die Lähmung sind unter anderem die Blase und der Darm in Mitleidenschaft gezogen. "Wir suchen gemeinsam mit den Patienten nach der besten Möglichkeit, um die Blase zu entleeren", sagt Weidner. Eine Option dafür ist ein Katheter, der den Urin ableitet.

Ebenso haben Menschen mit einer Quer­schnitts­läh­mung häufig Probleme mit Verstopfungen. Der Darm ist nicht nur durch die fehlende Bewegung des Körpers träge. "Es fehlt auch die Rückkopplung durch die Nerven", sagt Weidner. Dabei helfen den Patienten dann vor allem Medikamente.

Oft fehlt den Betroffenen auch das Gefühl in den Sexualorganen oder es verändert sich zumindest stark. "Das Thema Sexualität ist nach einer Quer­schnitts­läh­mung ganz groß", sagt Weidner. In der akuten Situation ist das meist noch nachrangig, wird aber nach einigen Wochen oder Monaten zum Thema.

Die gute Nachricht: Die Zeugungsfähigkeit bleibt häufig erhalten. Allerdings verändert sich das Lustempfinden und nicht selten benötigen Männer mit einer Quer­schnitts­läh­mung Medikamente, um eine Erektion zu bekommen und zu halten. Nicht immer ist eine Ejakulation möglich, sodass in einigen Fällen eine künstliche Befruchtung notwendig sein kann.

Auch Frauen mit einer Quer­schnitts­läh­mung können in den meisten Fällen durchaus schwanger werden, sagt der Neurologe.

Beruf und Sozialleben sind wichtige Themen

In der Therapie geht es außerdem um das Gesamtbild: Wie lässt sich das Sozialleben mit der Behinderung gestalten? Können Betroffene ihren Beruf weiterhin ausüben?

"Bei einer Tätigkeit am Schreibtisch ist das häufig kein Problem", sagt der Experte. Bei einem handwerklichen Beruf aber kann das schon schwieriger sein. Dann hilft eine Umschulung, so Weidner: "Die meisten Menschen mit einer Quer­schnitts­läh­mung können ganz regulär einem Beruf nachgehen, aber manchmal ist es eben ein anderer als vorher."

Auch das häusliche Umfeld spielt eine Rolle: Das Haus oder die Wohnung muss möglicherweise barrierefrei umgebaut werden. Manchmal wird auch ein Umzug notwendig, damit die Betroffenen zu Hause selbst zurechtkommen und eigenständig sein können.

Außerdem geht es in der Reha darum, sich an den Rollstuhl zu gewöhnen und mit ihm den Alltag zu meistern. Dafür sind Sport und gezieltes Training wichtig. "Man braucht Kraft in den Oberarmen, um den Rollstuhl anzutreiben", sagt Weidner. "Außerdem ist diese Kraft wichtig, um zum Beispiel aus dem Bett oder Auto zu kommen oder vom Boden aus in den Rollstuhl zu gelangen."

Keine Heilung in Sicht

Eine Heilung von Quer­schnitts­läh­mungen ist aktuell nicht in Sicht. "Es gibt vielversprechende Ansätze, um das Rückenmark zu regenerieren", sagt Weidner. Bis daraus aber Therapien entwickelt werden könnten, wird es noch sehr lange dauern.

"In Deutschland legt man zum Glück viel Wert auf Inklusion", sagt Weidner. Dadurch stünden die Chancen gut, mit einer Quer­schnitts­läh­mung ein nahezu normales Leben führen zu können.

"Am wichtigsten ist es meiner Ansicht nach, die Quer­schnitts­läh­mung für sich zu akzeptieren", sagt der Arzt. "Meiner Erfahrung nach hilft das am stärksten, um den Alltag mit der Behinderung gut zu meistern und sein Leben zufrieden zu führen."

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