Die unkonventionelle Lebensweise der 9-jährigen Shiloh Jolie-Pitt provoziert immer wieder Diskussionen. Wie geht man mit Kindern um, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht unwohl fühlen?

Vor neun Jahren war die Welt entzückt über die Geburt von Shiloh, der Tochter des Schauspieler-Paares Angelina Jolie und Brad Pitt. Heute nennt sich Shiloh lieber John, spielt gerne Fußball und versteht sich offensichtlich eher als Junge denn als Mädchen. Angeblich sollen sich ihre Eltern deshalb Rat bei einem Trans-Gender-Experten geholt haben. Doch wie dramatisch ist es, wenn ein Kind nicht die von ihm erwarteten Rollenklischees erfüllt?

Beim Thema Geschlechtsidentität gehen die Meinungen weit auseinander. Bereits Begrifflichkeiten werden infrage gestellt. So sprechen Transmenschen, also Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht nur zum Teil oder gar nicht identifizieren, nicht gemeinhin von Geschlechtsumwandlung, sondern von Geschlechtsangleichung. "Maßgeblich ist das Identitätsgeschlecht, also das, was ich fühle", begründet Mari Günther von der Berliner Beratungsstelle Queerleben die abweichende Formulierung.

"Behandlungsbedürftiger Zustand"

Die Geschlechtsidentität, darin ist man sich eher einig, lässt sich lange vor der sexuellen Orientierung feststellen: Erstere entsteht etwa im Kleinkindalter, die sexuelle Orientierung erfolgt deutlich später. Alexander Korte, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik München, schränkt jedoch ein: "Eindeutig ist die Geschlechtsidentität erst, wenn körperliche Reife und psychosexuelle Entwicklung abgeschlossen sind. Aber letztere kann nicht frühzeitiger abgeschlossen sein als die somatosexuelle Entwicklung." Korte rät deshalb, körperverändernde Eingriffe erst nach der Pubertät in Erwägung zu ziehen.

Doch das könnte für viele Heranwachsende zu spät sein, fürchtet Therapeutin Günther. "Man entscheidet sich nicht, transsexuell zu sein. Wenn Kinder in ihrer Identität nicht unterstützt werden, besteht für sie eine sehr große Gefahr, suizidal zu werden." Hilfe und Zeit verschaffen, können pubertätsverzögernde Maßnahmen wie Hormonabgaben und eine begleitende Psychotherapie. In wieweit Transsexualität eine psychische Störung darstellt, ist umstritten. Sicher ist, sie gilt als "medizinisch behandlungsbedürftiger Zustand".

Zusätzliche Geschlechtsoption?

Nicht nur die Medizin, auch die Politik beschäftigt sich mit dem Thema. So hat der Europarat im April eine wegweisende Resolution gegen die Diskriminierung von transsexuellen Menschen verabschiedet – mit Unterstützung der Bundesregierung. Darin heißt es, die formelle Änderung des Geschlechts auf Ausweis, Reisepass und Geburtsurkunde, solle kurzfristig und ohne größeren Aufwand möglich sein. Die Staaten sollten außerdem überlegen, ein drittes Geschlecht als zusätzliche Geschlechtsoption in Ausweisdokumenten anzubieten.

Doch wann liegt – insbesondere bei Kindern – die Diagnose Transsexualität überhaupt vor? "Den Begriff wenden wir ausschließlich auf Postpubertäre oder Erwachsene an", erklärt Mediziner Korte und fährt fort: "Erst wenn zwei Kriterien erfüllt sind, liegt eine Geschlechtsidentitätsstörung vor: Zunächst muss eine vehemente Ablehnung der eigenen primäre Geschlechtsmerkmale vorliegen und, zweitens, der Wunsch, dem anderen Geschlecht zuzugehören". Viele Geschlechtsidentitätsstörungen können laut Korte im Laufe der Zeit auch wieder verschwinden. Studien zufolge soll ein Großteil der betroffenen Kinder sich später nicht als trans-, sondern homosexuell herausgestellt haben. "Die Akzeptanz des Geburtsgeschlechts war wieder gegeben."

Geschlechtswahl ist Menschenrecht

Aus ihrer Erfahrung mit Selbsthilfegruppen weiß Günther hingegen, dass "die meisten sich auch nach Jahren immer noch als trans definieren". Außerdem, gibt sie zu bedenken, dass das Zustandekommen von Studienergebnissen immer auch kritisch zu bewerten sei.

Am Ende zählen jedoch weder Zahlen noch Begriffe, sondern Bedürfnisse. Korte empfiehlt, "Kinder in ihrem Geburtsgeschlecht zu bestätigen, ohne geschlechtsatypisches Verhalten in irgendeiner Form zu sanktionieren". Günther rät zu Gelassenheit, wenn Kinder sich anders verhalten, als erwartet. "Aber man sollte sich frühzeitig informieren und sich gegebenenfalls Unterstützung holen."

Um das Kindeswohl nicht zu gefährden, darin sind sich beide Seiten einig, ist Akzeptanz unumgänglich. So sehen es offenbar auch die Jolie-Pitts und leben vor, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Dass es ein Menschenrecht ist, sich seine Geschlechtsidentität selbst aussuchen zu können. Egal, in welchem Alter.