• Erschreckend viele Mütter erleben während der Geburt psychische oder physische Gewalt.
  • Nicht alle Ärztinnen, Ärzte und Hebammen haben ein Bewusstsein für das Problem.
  • Im Interview erklärt eine Expertin, was Frauen alles erleben und warum es zu Gewalt in der Geburtshilfe kommt.
Ein Interview

Für die meisten Frauen ist die Geburt des eigenen Kindes eine der prägendsten Erfahrungen im Leben. Doch nicht immer sind es schöne Erfahrungen: Die Gebärenden erleben, dass medizinische Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden, oder, dass unnötig viele oder schmerzhafte Untersuchungen an ihnen vorgenommen werden. Expertin Christina Mundlos erklärt, warum Frauen Gewalt im Kreißsaal erleben und wie schlimm die Situation für das Personal ist.

In Ihrem Buch "Gewalt unter der Geburt" schreiben Sie, fast jede zweite Frau hat übergriffige oder gewalttätige Vorfälle im Kreißsaal erlebt. Eine erschreckend hohe Zahl. Können Sie konkrete Beispiele nennen, was den Frauen passiert?

Christina Mundlos: Diese hohen Zahlen ergeben sich aus dem Abgleich der Qualitätsberichte zur klinischen und zur außerklinischen Geburtshilfe in Deutschland mit den Vorgaben von der Coalition for Improving Maternity Services. Dort kann man ablesen, wie viele Dammschnitte oder Kaiserschnitte aus medizinischer Sicht nötig sind, und wie viele tatsächlich durchgeführt werden. Bei den Dammschnitten ergibt sich eine Abweichung von 15 Prozent. Bei weiteren 20 Prozent der Frauen werden unnötige Kaiserschnitte durchgeführt.

Insgesamt werden also bei rund 30 Prozent der Geburten Interventionen vorgenommen, die keinen medizinischen Nutzen haben. Dazu kommen dann noch die Geburten, bei denen es zu brutalen vaginalen Untersuchungen kommt, zu ungewolltem Dehnen des Muttermundes oder zur Verweigerung oder zur ungewollten Gabe von Schmerzmitteln. Auch psychische Gewalt - nicht ernst nehmen, auslachen, allein lassen, beleidigen - spielt eine Rolle.

Die Rechte der Mütter werden verletzt und die Widersprüche der Frauen ignoriert. Allein deshalb kann man von Gewalt sprechen. Wie bei anderen medizinischen Eingriffen auch, haben die Frauen das Recht, über jeden Eingriff aufgeklärt zu werden und ihre Zustimmung zu geben.

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Oft ist in diesem Zusammenhang von sogenannten "unnötigen Interventionen unter der Geburt" die Rede. Was ist damit gemeint?

Unnötig sind Interventionen dann, wenn sie für Mutter und Kind keinen Nutzen bringen. Dann stellt sich die Frage, warum diese Dinge überhaupt gemacht werden. Das hat zum einen finanzielle Gründe und zum anderen liegt das an dem Druck, in einer bestimmten Zeit, eine bestimmte Anzahl von Geburten durchzupeitschen. Es gibt Zahlen, die zeigen, dass in einer Klinik nur knapp 9 Prozent der Geburten länger als 12 Stunden dauern. Bei außerklinischen Geburten sind es aber rund 30 Prozent. Das liegt daran, dass viele Maßnahmen ergriffen werden, um Geburten zu beschleunigen, wie die Gabe von wehenfördernden Mitteln. Das sind aber keine medizinisch notwendigen Gründe. Momentan laufen nur rund fünf Prozent aller Geburten ohne Eingriffe von außen ab.

Selten laufen Geburten wie geplant, manchmal werden Kaiserschnitte, Dammschnitte, Medikamente usw. nötig – Muss das medizinische Personal in brenzligen Situationen nicht einfach schnell handeln können?

Einer Mutter zu sagen, dass man einen Notkaiserschnitt machen muss, weil es dem Kind schlecht geht und sie um ihre Einwilligung zu bitten, dauert ja nur Sekunden. Die Zeit muss da sein und sie ist auch da.

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Die Frauen um Einwilligung bitten: Ist eine Frau, die in den Wehen liegt, dazu in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen?

Das Argument, Frauen in den Wehen könnten nicht mehr klar denken, kommt häufig. Aber das medizinische Personal kann nicht einfach entscheiden, die Frauen zu entmündigen, denn um nichts anderes geht es. Wenn es tatsächlich so wäre, dass Frauen unter der Geburt nichts mehr entscheiden könnten, müsste man sich auf ihre generelle Entmündigung einigen. Aber diese Situation haben wir zum Glück rechtlich nicht.

Wie hängt die hohe Kaiserschnittrate von etwa 30 Prozent mit all dem zusammen, was Sie gerade geschildert haben?

Eine natürliche Geburt ist ein unkalkulierbares Unterfangen. Man weiß nicht, ob sie drei oder 13 Stunden dauern wird und man weiß nicht, wann die Gebärende eintreffen wird. Man müsste für eine optimale Versorgung genügend Personal vorhalten. Es kann vorkommen, dass drei Hebammen im Dienst sind, aber keine Gebärende da ist. Kliniken versuchen Geld zu sparen, indem sie diese Vorhaltekosten so gering wie möglich halten. Deshalb kommt es dazu, dass eine Hebamme vier oder fünf Frauen gleichzeitig betreuen muss. Neben der eigentlichen Betreuung muss die Hebamme auch noch Dokumentationspflichten erfüllen, Materialien besorgen und den Kreißsaal putzen. Angesichts dieses Stresses kommen viele Hebammen und Ärzte gar nicht mehr auf die Idee, den Frauen irgendwas zu erklären. Denn das raubt weitere Zeit.

Dann werden Geburten per Kaiserschnitt beendet, obwohl dieser medizinisch gar nicht notwendig ist?

Genau. Ein Kaiserschnitt ist viel besser planbar. Es ist kein Zufall, dass statistisch gesehen die meisten Geburten an einem Freitag stattfinden. Also kurz vor dem Wochenende, bevor die Personalkosten steigen und die Personaldecke dünner wird, kommen mehr Kinder zur Welt. Damit haben die Klinik die Kontrolle darüber, wann die Frauen wieder aus dem Kreißsaal entlassen werden können.

Nicht alle Ärzte und Hebammen haben ein Problembewusstsein

Die Personalsituation ist schwierig – Wären die Übergriffigkeiten weniger, gäbe es mehr Personal?

Personalmangel ist auf jeden Fall ein Faktor. Wenn sich allerdings gewaltfördernde Strukturen gebildet haben und dort Personal arbeitet, das jedes Maß verloren hat, kann man die Gewalt nicht allein durch mehr Personal zurückdrängen.

Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle bei der Gewalt in der Geburtshilfe?

Die Beschäftigten müssen sensibilisiert werde, etwa in Fortbildungen. Was auch nicht zu unterschätzen ist: Selbst Hebammen sind traumatisiert. Sie berichten von derart brutalen vaginalen Untersuchungen, dass sie sie als Vergewaltigungen empfunden haben. Das muss aufgearbeitet werden.

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Was sagen Hebammen und Ärzte zu dem Thema? Gibt es da ein Bewusstsein?

Das ist sehr unterschiedlich. Für mein Buch habe ich Hebammen und Hebammenschülerinnen interviewt. Viele dieser Frauen finden es schrecklich, wie es derzeit abläuft und sie würden gerne etwas ändern. Aber Hebammen befinden sich auch in Abhängigkeitsverhältnissen, beispielsweise einem Arzt gegenüber. Wenn der einen Dammschnitt anordnet, müssen die Hebammen das auch machen, auch wenn sie wissen, dass das gerade nicht sinnvoll ist. Diese Hebammen sind Zeuginnen, Mittäterinnen und Mitopfer. Je jünger die Hebammen sind, desto verbreiteter ist dieses Bewusstsein. Je länger die Hebammen im Dienst sind, desto häufiger treten typische Traumatisierungssymptome, wie Verdrängung auf. Und natürlich gibt es auch Hebammen, die von all dem nichts wissen wollen.

Bei den Ärzten ist das Bild ebenfalls heterogen. Ich habe eine Nachricht eines Chefarztes bekommen, der das Thema zunächst für übertrieben gehalten hatte, dann aber Dammschnitte an seiner Klinik nur noch bei ganz strenger medizinischer Indikation zuließ. Es gibt aber auch Ärzte, die leugnen das Thema und bezeichnen es als Luxusproblem überempfindlicher Mütter.

Gewalt in der Geburtshilfe: Die psychischen Auswirkungen betreffen alle Beteiligten

Heutzutage haben viele Frauen eine genaue Vorstellung davon, wie die Geburt ihres Kindes ablaufen soll: Ist es clever, sich das so genau auszumalen? Denn die Enttäuschung ist dann ja vorprogrammiert.

Ich halte es für sinnvoll, sich genau mit dem Thema zu beschäftigen. Man muss sich aber auch mit der Realität in deutschen Kliniken auseinandersetzen. Denn mit der Vorstellung von einer Wassergeburt dort aufzuschlagen und dann erst festzustellen, dass das nicht so ohne weiteres geht, kann einen schockieren.

Geburten sind nicht immer eitel Sonnenschein – haben wir einfach ein zu unrealistisches Bild davon?

Auf jeden Fall. Man muss sich nur anschauen, wie Geburten in den Medien dargestellt werden: Eine Frau liegt auf dem Rücken, schreit und zack, ist das Baby da. Vor der Geburt des ersten Kindes war fast keine Frau bei einer echten Geburt dabei. Dieses unrealistische Bild wird verstärkt von anderen Müttern, die nicht ehrlich über die Geburt sprechen.

Welche Auswirkungen haben solche Gewalterfahrungen auf die Frauen?

Sowohl die Mütter als auch die Kinder, Väter und das medizinische Personal sind von den Folgen betroffen. Bei den Müttern können verschiedenste psychische Symptome auftreten, wie Flashbacks, Stimmungsschwankungen, Panikattacken, Still- und Bindungsprobleme. Babys schreien oft vermehrt. Wenn dieser Zustand länger als ein paar Wochen anhält bei den Frauen, rate ich zu professioneller Hilfe.

Wie kann eine Frau im Kreißsaal für sich einstehen? Denn was den Frauen in der Regel fehlt, ist das medizinische Fachwissen.

Am wichtigsten ist, alles, was einem von den Medizinern vorgesetzt wird, zu hinterfragen. Wenn man sich im besten Fall vorher schon informiert hat, kann man solche Aussagen, wie "Die Herztöne des Kindes fallen ab", viel besser einordnen. Man muss nicht zu allem "nein" sagen, aber man kann gewissen Interventionen vorerst widersprechen, um sich Zeit zu verschaffen. Darauf können auch die Partner achten und sie können die Frau erinnern, diesbezüglich ein bisschen Widerstand zu leisten.

Das klingt so, als müssten man dem medizinischen Personal per se misstrauen.

Man muss nicht davon ausgehen, dass es das medizinische Personal böse mit einem meint. Aber die Frauen kennen ihre Körper selbst am besten. Die Beschäftigten haben neben Mutter und Kind noch einen anderen Auftraggeber, nämlich die Klinik. Hebammen und Ärzte arbeiten in ihren eigenen Abhängigkeiten und Strukturen und sie verkünden keine allgemein gültige Wahrheit, sondern sie argumentieren aus ihrer Perspektive.

Was könnte die Politik tun, um die Situation für die Frauen und das Personal zu verbessern?

Die Finanzierung der Geburtshilfe müsste aufgestockt und umverteilt werden. Die Gelder, die die Kliniken bekommen, müssen sich an den tatsächlichen Kosten orientieren. Es darf nicht sein, dass ein Kaiserschnitt für die Klinik günstiger ist, als eine natürliche Geburt. Was den Frauen ebenfalls helfen kann, ist eine professionelle Geburtsbegleiterin, eine sogenannte Doula. Sie ist die emotionale Stütze, die die Hebammen aufgrund des Zeitmangels nicht mehr sein kann. Diese Kosten für so eine Begleitung werden aktuell aber nicht übernommen.

Zur Person: Christina Mundlos ist Soziologin, Doula/ Geburtsbegleiterin und Autorin von sieben Büchern zur Frauen- und Mutterrolle. Darüber hinaus bietet sie Coaching für Mütter an, die von Gewalt in Sorgerechts- und Umgangsverfahren bedroht sind. Weitere Informationen finden Sie unter www.christina-mundlos.de/beratung. Sie ist 39 Jahre alt und kommt aus Braunschweig.

Verwendete Quellen:

  • Ina May Gaskin: Die selbstbestimmte Geburt. Handbuch für werdende Eltern mit Erfahrungsberichten, 9. Aufl., München 2014, S. 328 f.)
  • AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH: Bundesauswertung;
  • Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V.: Qualitätsbericht Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland.
  • Dagmar Becker: Immer weniger Sonntagskinder – Warum die Geburten an Wochenenden deutlich zurückgehen, Jacobs University Bremen. https://www.jacobs-university.de/drupal_lists/archives/pressreleases/07477/index.html