• In anderen Ländern werden Kinder längst gegen Corona geimpft, nun haben auch Experten der EMA den Weg dafür freigemacht.
  • Sollten Eltern ihr Kind jetzt schnellstmöglich impfen lassen?
  • Die wichtigsten Fragen im Überblick.

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Die Zahlen steigen, die Corona-Lage spitzt sich auf eine Art zu, wie es die Wenigsten für möglich gehalten hätten. Am Donnerstag kam nun endlich die Nachricht, auf die viele Eltern angespannt gewartet haben: Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat grünes Licht für die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Kinder ab fünf Jahren gegeben.

Es wird der erste Corona-Impfstoff, der in der EU für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen wird. Offiziell muss die EU-Kommission nun noch zustimmen - das aber gilt als Formsache. Und jetzt? Schnell impfen lassen oder nicht? Was Eltern jetzt wissen sollten.

Impfungen bei Kindern ab fünf Jahren: Wie gut schützen sie und welche Nebenwirkungen sind typisch?

Welche Menge soll an Kinder verimpft werden? Darum ging es in Phase eins der Studie von Biontech/Pfizer, die im "New England Journal of Medicine" beurteilt wurde. Das Ergebnis:

  • Bei Erwachsenen liegt die Menge pro Dosis bei 30 Mikrogramm, für Kinder unter zwölf Jahren entschied man sich nach Abschluss der Testreihe für zehn Mikrogramm.
  • Außerdem sollen sie zwei Dosen im Abstand von drei Wochen bekommen.

Die Studienphasen zwei und drei umfassten 2.268 Kinder zwischen fünf und elf Jahren. Zwei Drittel von ihnen bekam je zwei Dosen des Impfstoffs, ein Drittel ein Placebo. Die Immunantwort wurde einen Monat nach der zweiten Dosis gemessen.

Die Autoren sahen "ein günstiges Sicherheitsprofil", es seien "keine schweren impfbedingten Nebenwirkungen beobachtet worden". Beobachtet wurden nur "milde und vorübergehende Reaktionen" wie:

  • Fieber
  • Schmerzen am Einstich
  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen

Die Impfung sei sicher und effektiv, lautet das Fazit. Drei der geimpften Kinder erkrankten in der Beobachtungszeit an COVID-19, in der Kontrollgruppe waren es 16.

  • Die Forscher beziffern die Wirksamkeit des Impfstoffs auf 90,7 Prozent.

Die einzigen drei schwereren Schäden im Beobachtungszeitraum hatten nach Ansicht der Autoren keinen Zusammenhang zur Impfung - in einem Fall war es ein gebrochener Arm. Herzmuskelentzündungen, wie sie nach breiterer Impfung von über Zwölfjährigen vereinzelt vorkamen, wurden in dieser - recht kleinen - Probandengruppe nicht festgestellt.

Reichen die vorliegenden Daten aus, um die Impfung von Kindern zu beurteilen?

Die Entscheidung der EMA heißt aber nicht, dass nun auch die Impfung von Kindern empfohlen wird. Das müssten nationale Regierungen beziehungsweise Gesundheitsbehörden entscheiden, betont die EMA. In Deutschland wird zunächst ein Gutachten der Ständigen Impfkommission (Stiko) erwartet.

"Was Sie in der Zulassungsstudie nicht sehen, sind Risiken, die seltener auftreten als es statistisch in einer so kleinen Gruppe zu erwarten ist," erklärt Fred Zepp, Mitglied der Stiko. Bei der Zulassungsstudie haben nur rund 1.500 Kinder den Impfstoff erhalten. "Sehr seltene Nebenwirkungen kann man da nicht erkennen", sagt Zepp. Herzmuskelentzündungen zum Beispiel habe man bei jungen Männern erst nach breiterer Anwendung des Impfstoffs entdeckt.

Der Stiko geht es auch darum, Daten zu seltenen Impfkomplikationen aus anderen Ländern zu bekommen. In den USA etwa werden kleinere Kinder bereits seit November mit dem geringer dosiertem Vakzin geimpft, nach Regierungsangaben haben bisher rund 2,6 Millionen Fünf- bis Elfjährige die erste Spritze bekommen. Die dortige Lage und der Gesundheitszustand der US-Kinder gelten aber nicht als 1:1 vergleichbar mit Deutschland.

Stiko-Empfehlung abwarten oder nicht?

"Wir plädieren dafür, zunächst abzuwarten, was die Stiko sagt", sagte der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske. "Es wäre nicht ratsam, dass die Politik die Impfung empfiehlt, solange es keine Empfehlung des Gremiums gibt, das die Politik berät." Natürlich stiegen die Infektionszahlen und damit der Druck, mit allen Mitteln gegenzusteuern. "Aber die Politik sollte nicht schon wieder unnötig Druck auf Eltern und Kinder machen."

"Wir wollen eine sichere Impfung und das wollen ja auch die Eltern", sagte Maske. Kinder infizierten sich, dass sie schwer erkranken, sei aber die absolute Ausnahme. Die Nutzen-Risiken-Abwägung müsse bei Kindern daher eine andere sein als bei Erwachsenen: "Weil das Risiko sehr klein ist, muss der Nutzen sehr groß sein." Daher müssten für mögliche Nebenwirkungen noch viel strengere Kriterien gelten. "Wenn die Krankheitslast sehr gering ist, muss die Impfung noch viel sicherer sein."

Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, äußerte Verständnis für Eltern, die noch skeptisch sind, und pflichtete Maske bei: "Das kann ich sehr gut verstehen, und es entspricht im Grunde auch dem Problem, vor dem die Stiko mit ihrer Empfehlung steht - nämlich dem Abwägen von Nutzen und möglichen 'Restrisiken' bei den Kindern in dieser Altersgruppe", sagte Mertens der "Schwäbischen Zeitung".

Wann wird die Stiko entscheiden?

Die Stiko will ihre Empfehlung zur Corona-Impfung für Kinder von fünf bis elf Jahren vor Jahresende abgeben. Man bereite die Entscheidung über eine Empfehlung vor, so Mertens. Stiko-Mitglied Zepp zufolge könnte eine Entscheidung abhängig vom Zeitpunkt der Zulassung sogar noch im November fallen, sagte der Mainzer Kinderarzt.

Er persönlich hält es für möglich, dass es eine Empfehlung zunächst für Kinder mit einem erhöhten Risiko aufgrund von Vorerkrankungen geben könnte, wie das auch zunächst bei Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige der Fall war.

Dürfen Kinderärzte auch vor der Stiko-Empfehlung schon impfen?

Ja, erklärt Jakob Maske: "Das ist eine freie ärztliche Entscheidung." Sogar vor der Zulassung des Impfstoffs für diese Altersgruppe ist es nicht illegal, kleinere Kinder zu impfen - der Fachbegriff dafür lautet Off-Label-Use. Maske hält die Zahl der Kinderärzte, die bisher unter Zwölfjährige geimpft haben, für klein.

Wenn die EMA-Zulassung vorliegt, werden sich mehr Kinderärzte dazu bereit erklären, die Impfung anzubieten, glaubt Maske. Das könnte zu Diskussionen in den Praxen führen. "Aber dafür sind wir ja da", sagt Maske. Eltern sollten sich also direkt beim Kinderarzt erkundigen.

Was halten Kinderärzte von COVID-Impfungen für Kinder?

Kinder gegen eine Infektionskrankheit zu impfen, die sie meist unkompliziert und ohne Komplikationen überstehen, sei immer "eine schwierige Entscheidung", sagt Kinderarzt und Stiko-Mitglied Zepp. "Man muss die Risiken einer SARS-CoV-2 Infektion den möglichen seltenen Risiken einer Impfung gegenüberstellen."

Dabei müsse auch berücksichtigt werden, dass man unterschiedliche Gruppengrößen vergleicht: "Wenn ich alle Kinder einer Altersgruppe impfe, setze ich alle zunächst dem sehr geringen Risiko einer Impfnebenwirkung aus. Die Risiken einer COVID-19-Erkrankung sind größer, aber wir wissen nicht, wie viele Kinder sich tatsächlich infiziert hätten und erkrankt wären."

Was spricht für das Impfen jüngerer Kinder?

Autoren der Studie im "New England Journal of Medicine" argumentieren mit einem direkten und einem indirekten Nutzen: Eine Impfung schütze Kinder vor einem - wenn auch seltenen - schweren Verlauf oder Spätfolgen einer COVID-Erkrankung. Indem man sie schütze, schütze man auch Menschen in ihrem Umfeld, die ein Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf hätten. Ungeimpft könne diese Altersgruppe Überträger werden auch für neu entstehende Varianten des Virus.

In der Debatte gibt es Zepp zufolge verschiedene Parameter. Das eine sei die Krankheitslast des einzelnen Kindes, das andere der Nutzen für die gesamte Gesellschaft. Möglicherweise sei es in einer Pandemie auch sinnvoll, Kinder zu impfen, um für die Gemeinschaft mehr Teilhabe, eine bessere Lebensführung zu ermöglichen. Hingegen hat die Impfung von Kindern nur einen geringen Effekt auf die Übertragung des Virus zwischen Erwachsenen.

Man dürfe nicht vergessen: "Ein großer Teil unseres Problems sind ungeimpfte Erwachsene. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder eine Stellvertreter-Diskussion zum Nachteil von Kindern haben", sagt Zepp. Die wichtigste Maßnahme zur Überwindung der Pandemie bleibt unverändert, möglichst viele, am besten alle Erwachsenen durch Impfung zu schützen." (dpa/af/ff)

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