Der Streit zwischen dem Schokoladenhersteller Ritter Sport und der Stiftung Warentest hat gezeigt, dass das Wort "natürlich" auf Lebensmittel-Packungen vor allem eine Definitionsfrage ist. Britta Klein ist studierte Agrarwissenschaftlerin und Wissenschaftsredakteurin beim aid-Infodienst für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz. Im Interview erklärt sie, was sich hinter den Angaben zu Aromen auf unseren Lebensmittel-Packungen verbirgt und worauf Verbraucher jetzt achten sollten.

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Frau Klein, in Zusammenhang mit dem heutigen Urteil im Ritter-Sport-Prozess würden wir Sie gerne fragen: Was sind eigentlich natürliche Aromastoffe und Zusatzstoffe?

Britta Klein: Das Lebensmittelrecht unterscheidet zwischen zugelassenen Zusatzstoffen, die in der Regel eine E-Nummer tragen, und Aromen. Aromen werden Lebensmitteln zugesetzt, um ihnen einen besonderen Geruch und/oder Geschmack zu geben. Verbraucher möchten dann immer gerne wissen, wie natürlich ein Aroma ist. Und diese Frage ist schwierig zu beantworten.

Warum?

Weil die Vorstellung von Natürlichkeit eines Verbrauchers anders ist als die der Lebensmittelwirtschaft. Rechtlich sieht es aber so aus: Wenn in der Zutatenlisten Ihres Produktes nur "Aroma" steht, können Sie davon auszugehen, dass es im Labor chemisch hergestellt wurde. "Natürliches Aroma" oder "natürlicher Aromastoff" muss aus einem natürlichen Rohstoff stammen. Das muss aber nicht zwangsläufig ein Lebensmittel sein. Es kann beispielsweise auch aus Schimmelpilzen stammen. Oder aus einem Stoff, den man aus den Zellwänden von Pflanzen gewinnt. Anders sieht es aus, wenn es zum Beispiel heißt "natürliches Erdbeeraroma". Dann muss das Aroma zu mindestens 95% aus der Erdbeere stammen.

Wofür braucht es überhaupt Zusatzstoffe in Lebensmitteln?

Zusatzstoffe sollen die Eigenschaften von Lebensmitteln verbessern, ihren Geschmack beeinflussen, das Aussehen, die Haltbarkeit verbessern oder einfach die technologische Verarbeitung erleichtern. EU-weit sind über 300 Zusatzstoffe zugelassen. Backpulver ist ein typischer Zusatzstoff. Backpulver treibt den Teig und macht auf diese Weise den Kuchen locker. Schaummittel festigen Sahne-, Eiweiß oder Crememassen, zum Beispiel in Backwaren und Süßwaren. Und viele weitere Möglichkeiten wie Färben, Säuern oder Konservieren kommen hinzu.

Müssen Verbraucher sich bei diesen Stoffen Sorgen machen?

Alle diese Stoffe sind in einem aufwändigen Verfahren zugelassen worden. Trotzdem bleiben bei einigen immer noch Fragezeichen und deshalb werden viele von der Lebensmittelsicherheitsbehörde der EU derzeit neu bewertet. Gerade hat man zum Beispiel das vielen bekannte Süßungsmittel Aspartam für unbedenklich erklärt. Auch bei einigen Farbstoffen oder bei Nitraten, die bei Fleischprodukten genutzt werden, wird immer wieder über Risiken gesprochen. Daher sind neue Bewertungen möglich.

Also wenig Grund zur Beunruhigung?

Ich will überhaupt nicht sagen, dass es abwegig ist, sich darüber Gedanken zu machen. Aber letztlich bin ich sicher, dass es viel größere Risiken in der persönlichen Ernährung gibt als Zusatzstoffe und Aromen. Dazu gehören Dinge des persönlichen Lebensstils. Wie viel esse ich? Esse ich viel Gemüse und Obst und weniger Fleisch? Wie viel trinke ich? Wie wähle ich die Lebensmittel aus?

Wann bin ich als Verbraucher in puncto Zusatzstoffen auf der sicheren Seite?

Im Prinzip haben Sie es selber in der Hand, ob Sie sich Gedanken über Zusatzstoffe machen müssen: Essen Sie vielseitig und viele unverarbeitete Produkte! Und wenn Sie verarbeitete Produkte kaufen, gibt es gute Alternativen, die komplett ohne E-Nummern auskommen. Vor allem, wenn Sie Kinder haben, sollten Sie immer wieder mal auf die Zutatenliste schauen und Produkte mit zu vielen Zusatzstoffen stehen lassen. Es gibt für vieles Alternativen, wenn man ein bisschen genauer hinguckt. Bio-Lebensmittel kommen übrigens mit viel weniger Zusatzstoffen aus, hier sind nur etwa 30 Stoffe zugelassen. Auch beim Aromatisieren ist man da deutlich strenger.

Britta Klein ist studierte Agrarwissenschaftlerin und Wissenschaftsredakteurin beim aid-Infodienst für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz in Bonn.
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