• Haben Sie schon einmal bemerkt, dass Sie in stressigen Situationen die Zähne aufeinanderpressen oder knirschen?
  • Dann leiden sie wahrscheinlich wie so viele Menschen unter Bruxismus.
  • Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, welche Folgen das für unsere Zähne haben kann.
Ein Interview

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Sei es Corona und die damit verbundene Angst um die Gesundheit, die Isolation im Homeoffice, die Angst und Sorge wegen des Kriegs in der Ukraine oder eine schmerzliche Trennung: Angespannte Lebenssituationen können zu einer seelischen Belastung werden. Einige Menschen reagieren hierauf mit Zähneknirschen beziehungsweise Zähnepressen. Wir haben mit Dr. Romy Ermler, Vizepräsidentin der Bundeszahnärztekammer gesprochen.

Frau Dr. Ermler, warum pressen Menschen die Zähne gegeneinander, was ist der Auslöser?

Dr. Romy Ermler: Das unbewusste Anspannen der Kaumuskulatur mit Knirschen und Pressen der Zähne, der sogenannte Bruxismus, dient dem Körper als Ventil zum Stressabbau. In Studien wurde bei Menschen mit Bruxismus ein erhöhter Stresslevel mithilfe einer Cortisolmessung im Speichel nachgewiesen. Ich habe bei meinen Patienten und Patientinnen beobachtet, dass diese Anspannung der Kiefermuskulatur auch tagsüber sehr oft auftritt, nicht nur nachts.

Welche Auswirkungen hat Bruxismus auf den Körper?

Bruxismus kann verschiedene Auswirkungen auf den Körper haben. Wenn man massiv knirscht, sich den Zahnschmelz regelrecht weg reibt und Schliffflächen auf der Zahnoberfläche entstehen, kann das die Zähne nachhaltig schädigen. Bei stärkerem Bruxismus steigert sich die Empfindlichkeit der Zähne. Diese können schmerzen oder sich im schlimmsten Fall sogar lockern. Davon betroffen sind auch die verschiedenen Arten von Zahnersatz und Füllungen. Auch die Mundschleimhaut und die Kiefermuskulatur können in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Wangen können dabei Bisspuren aufweisen. Teilweise treten auch Zahnabdrücke am Rand der Zunge auf.

Viele Patientinnen und Patienten klagen über eine schmerzende Kaumuskulatur, die sich müde und steif anfühlt. Bei Betroffenen, die schon länger unter Bruxismus leiden, ist eine deutliche Zunahme der Kaumuskulatur zu beobachten. Bruxismus ist dabei ein Risikofaktor für die Entstehung von Funktionsstörungen des Kiefergelenks, welche mit Schmerzen bei der Kieferbewegung und Mundöffnungseinschränkungen einhergehen. Bei der Kaumuskulatur wie auch der Hals-Nacken-Muskulatur kann es infolgedessen zu Verspannungen kommen.

Studien zeigen, dass Menschen mit Bruxismus ein mehr als 3-fach erhöhtes Risiko für Kopfschmerzen haben. Diese treten häufig nach einer unruhigen Nacht morgens beim Aufwachen im Bereich der Schläfen auf. Wo wir gerade beim Thema Schlafen sind: Gehören Schlafstörungen auch zu den möglichen Folgen?

Ja, Schlafstörungen gehören auch dazu. Wobei Schlafstörungen nicht nur eine Folge, sondern auch ein Auslöser von Bruxismus sein können.

Was damit auch im Zusammenhang steht ist Schnarchen. Zum einen verschlechtert Schnarchen die Qualität des Schlafs. Zum anderen kann nächtliches Schnarchen ebenfalls körperlichen Stress verursachen, so dass man zusätzlich noch mit den Zähnen knirscht. Das führt zu einer Art Teufelskreis.

Wie kann man gegen Bruxismus vorgehen? Häufig heißt es beim Arztbesuch, man solle erst einmal die Ursachen bekämpfen?

Genau. Aber das ist natürlich immer leichter gesagt als getan. Gerade wenn man sich aktuell zum Beispiel coronabedingt in einer Stresssituation befindet, können diese Faktoren natürlich nicht einfach so ausgeblendet werden. Man kann allerdings versuchen, etwas gegenzusteuern. Sport kann dazu beitragen, etwas ausgeglichener zu sein. Gehen Sie Joggen oder bauen Sie kleine Spaziergänge in ihren Alltag ein. Hilfreich kann zum Beispiel Autogenes Training sein.

Also ruhige Musik oder entsprechende Entspannungsübungen anhören? Wie wichtig ist in dem Zusammenhang eine ordentliche Schlafhygiene?
Sehr wichtig. Betroffene sollten darauf achten, abends nicht ewig vor dem Fernseher zu sitzen und vor allem vor dem Schlafen gehen keine negativen Nachrichten mehr zu konsumieren. Auch das Smartphone sollte rechtzeitig weggelegt werden. Keine News, kein Social Media. Vermeiden sie unnötige Stressoren.

Gibt es einen Trick, um den Kiefer tagsüber zu entspannen?

Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten, eine Selbstbeobachtung anhand des Dreipunktesystems durchzuführen. Man nimmt sich dazu drei Markerpunkte oder kleine Post-Its und klebt sie an die Stellen, auf die man häufig einen Blick wirft. Das kann beispielsweise das Handy, die Fitnessuhr oder der Computerbildschirm sein. Immer wenn man auf diesen Punkt blickt, sollte man sich aktiv überlegen: "Was mache ich jetzt gerade mit meinen Zähnen und meinem Kiefer?" Das soll dazu beitragen, sich selbst zu beobachten und bestimmte Situationen herauszufiltern, in denen man besonders stark mit den Zähnen presst. Dann kann man versuchen, seinen Kiefer explizit zu entspannen oder Lockerungsübungen durchzuführen.

Während des Schlafs ist diese Methode nicht möglich. Um die Zähne zu schützen, empfiehlt es sich daher, sich einer Funktionsanalyse zu unterziehen. Im Anschluss kann der Zahnarzt oder die Zahnärztin eine Aufbissschiene, auch Okklussionsschiene genannt, verschreiben. Sie schützt die Zähne und kann zur Entspannung des Kiefers beitragen.

[Redaktioneller Hinweis: Die Aufbissschiene wird von der Krankenkasse bezahlt, die Funktionsanalyse allerdings meist nicht. Hier sollten Patientinnen und Patienten am besten vorab mit der Krankenkasse zwecks einer Kostenübernahme sprechen.]

Was, wenn Bruxismus sich über Monate hinzieht?

Bei Schülern und Schülerinnen oder Studierenden tritt Bruxismus häufig vor Prüfungen auf und verschwindet danach wieder von selbst. Was können Menschen tun, wenn diese Angespanntheit schon über Monate hinweg vorherrscht?

Das Problem schildern mir meine Patientinnen und Patienten häufiger. Die Coronapandemie zieht sich jetzt auch schon sehr lange hin. Die Frage ist allerdings nicht so einfach zu beantworten. Wir Zahnärzte behandeln die Symptome, die auftreten und versuchen, Folgeschäden so gut es geht zu vermeiden. Wenn aber von den Präventionsmaßnahmen wirklich nichts hilft, sollte man über eine therapeutische Behandlung nachdenken, bei welcher dann gezielt versucht werden kann, das Problem im Ansatz zu lösen. Physiotherapeutinnen und -therapeuten wiederum behandeln die verspannte Muskulatur und geben Hinweise zu speziellen Übungen. Diese Übungen sollten zuhause dann auch wiederholt werden.

Können auch Kinder von Bruxismus betroffen sein?

Natürlich. Kinder haben die letzten Monate massiv unter Corona gelitten. Dieses ganze Homeschooling, der Ausfall der sportlichen Aktivitäten, die soziale Isolation. Bei Kindern kann man allerdings keine Zahnschiene verschreiben, da sich der Kiefer und die Zähne noch im Wachstum befinden. Hier liegt es stark an der Ursachenforschung. Eltern müssen versuchen, deren Stresssymptome zu lindern, Ruhe in die Kinderseele zu bringen. Auch hier können Autogenes Training und Entspannungsübungen weiterhelfen.

Über die Expertin:
Dr. Romy Ermler ist seit Januar 2005 niedergelassene Zahnärztin in ihrer eigenen Praxis in Potsdam mit den Tätigkeitsschwerpunkten Zahnersatz und Parodontologie. Sie ist zudem seit 2009 Gutachterin für Zahnersatz und Parodontologie und seit Juni 2021 Vizepräsidentin der Bundeszahnärztekammer.
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