Die Vorstellung, den eigenen Urin äußerlich anzuwenden oder gar zu trinken löst bei den meisten Menschen zunächst Abscheu aus. Unter Befürwortern gilt die eigenwillige Maßnahme als effektiv gegen diverse Leiden. Zu Recht?

Mehr Gesundheitsthemen finden Sie hier

Als letztes Mittel vor dem Verdursten in der Wüste mag das Trinken des eigenen Urins eine Überlegung wert sein, aber als Gesundheitsmaßnahme wirkt die Idee zunächst befremdlich. Doch ist die Eigenurin-Therapie alles andere als neu. Vielmehr reicht ihre Geschichte mindestens bis 1000 v. Chr. zurück: Sogar schon die alten Ägypter behandelten Augenleiden unter anderem mit Urin. Dass man im Spätmittelalter die Eigenharnbehandlung als Heilmittel gegen die Pest empfahl, ist ebenfalls historisch belegt.

Ein Comeback erlebt die exzentrisch anmutende Methode seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auslöser war der britische Autor John W. Armstrong: 45 Tage lang nahm er ausschließlich Wasser und seinen eigenen Urin zu sich. Armstrong berichtete nicht nur über seine Fastenerfolge. Was seine Geschichte weltbekannt machte, war seine Behauptung, die Urinbehandlung habe ihn von einer als unheilbar geltenden Tuberkulose kuriert. Jahrzehntelang widmete sich Armstrong der Forschung an dem Thema. Die Ergebnisse fasste er 1944 in dem Buch "The Water Of Life" zusammen. Der Autor war überzeugt, dass eine Urinkur unabhängig von einer Diagnose nahezu alle Krankheiten heilen könne.

Wie funktioniert eine Urinkur?

Der goldene Saft, dem heilende Kräfte nachgesagt werden, enthält - nüchtern betrachtet - die Ausscheidungsprodukte der Niere. Vor allem Wasser also, aber auch:

  • Mineralstoffe
  • Säuren
  • Endprodukte des Eiweißstoffwechselns
  • Harnstoff.

Letzterer wird in der Alternativmedizin unter anderem als Mittel zur Behandlung von Hautkrankheiten betrachtet. Wer dem goldenen Saft huldigt, verortet darin wertvolle Substanzen wie Hormone, Eisen und Zink, Vitamine, Aminosäuren, Enzyme, Antikörper und Vitalstoffe wie Kalzium und Magnesium. Skeptiker dagegen verweisen auf den Umstand, dass die Niere als "Kläranlage des Körpers" lediglich Stoffe ausscheidet, die der Körper nicht mehr verwerten kann und folgerichtig nicht mehr braucht.

Wie von John W. Armstrong suggeriert, wird die Methode gern in der Alternativmedizin als unspezifische Immuntherapie empfohlen. Neben dieser Praxis zur allgemeinen Anregung der körpereigenen Abwehrkräfte, kommt eine Urinkur aber auch bei spezifischen Erkrankungen zur Anwendung. Das Spektrum reicht von Infektionskrankheiten wie Angina, Mumps und Masern über Hautkrankheiten wie Akne, Neurodermitis und Schuppenflechte bis zu Allergien, Heuschnupfen und Asthma. Auch bei Arthrose, Rheuma und chronischen Darmerkrankungen empfehlen manche Heilkundler die Eigenurinkur. Nicht zu vergessen das Urin-Fasten.

Wie wird der Urin verabreicht?

Grundsätzlich gibt es drei Applikationsformen für die Eigenharnbehandlung: Der eigene Urin wird wahlweise getrunken, per Injektion verabreicht oder äußerlich angewendet. Für die äußerliche Anwendung stehen Einreibungen, Wickel, Packungen, Fußbäder oder auch Gurgeln zur Wahl. Wie im alten Ägypten ist auch das Einträufeln in die Augen praktikabel sowie in Nase oder Ohren. Die körpereigenen keimtötenden Substanzen, welche Befürworter im Urin verorten, sollen zudem zur Wundheilung beitragen, wenn die Flüssigkeit auf die Wundstelle geträufelt wird.

Bei der Injektion wird der Harn in der Regel vorher untersucht und keimfrei gemacht, bevor er per Spritze subkutan verabreicht wird. Zudem gibt es Methoden, bei denen nur die vermeintlich wirksamen Bestandteile aus dem Urin extrahiert und aufbereitet werden.

Für die äußerliche Anwendung bei einer Eigenbehandlung empfiehlt sich der Morgenurin, denn der Harnstoffgehalt schwankt im Tagesverlauf. Morgens ist die Konzentration am höchsten. Zudem soll der sogenannte "Mittelstrahlurin" verwendet werden, also das mittlere Drittel des Urinstrahls beim Wasserlassen, um Bakterien zu vermeiden. Empfohlen wird auch eine Ernährungsumstellung. Viel Obst und Gemüse, wenig Fleisch und Kaffee - das soll den Geruch und Geschmack verbessern.

Ist die Urintherapie nachweislich sinnvoll?

Während die Befürworter den frischen Urin als nahezu keimfrei beschreiben, weisen Skeptiker darauf hin, dass der Körpersaft bereits in der Blase eine Vielzahl von Bakterien transportiert. So kommt eine Untersuchung der American Society for Microbiology zum Ergebnis, dass die untere Harnröhre alles andere als keimfrei sei. Beim Austritt enthalte Urin bis zu 10.000 Keime pro Milliliter, so die Mikrobiologen. Kritiker weisen zudem auf die Gefahr hin, dass Menschen, die bereits unter einer bakteriellen Harnwegsinfektion leiden, durch die Therapie zusätzliche Entzündungen fördern könnten.

Placebo-Effekt oder flüssiges Gold?

Die Eigenurintherapie wird kontrovers diskutiert. Nachdem ein wissenschaftlicher Nachweis für die Wirksamkeit einer Urinbehandlung bis heute aussteht, finden sich die Befürworter der Methode weniger in der klassischen Medizin und eher in der Naturheilkunde und Alternativmedizin. In der Evidenzbasierten Medizin würde man - vereinfacht gesagt - argumentieren: Alles was zählt ist, dass es denjenigen hilft, die davon überzeugt sind. Fest steht: Hippokrates, der als Vater der modernen Medizin gilt, betrachtete Urin als Heilmittel.

Zwar sind weder Nutzen noch Schädlichkeit der Urinkur medizinisch belegt, doch wird auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen - unter anderem bei Herzkreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Auch Schilddrüsenüberfunktion, akute Erkrankungen mit hohem Fieber sowie Harnwegsinfektionen gelten als Kontraindikation. Ebenfalls abzuraten ist von einer Urintrinkkur, wenn man Medikamente einnimmt, denn der Körpersaft kann Reststoffe der Chemikalien enthalten. Man würde den Nieren damit also unnötige Arbeit machen. (tsch)

Verwendete Quellen:

  • Journal of Clinical Microbiology: "Evidence of Uncultivated Bacteria in the Adult Female Bladder"
  • Fachverband Deutscher Heilpraktiker: "Eigenharntherapie"
  • medizin transparent: "Eigenurintherapie: Gesund dank eigener Ausscheidungen?"
  • Urintherapie.com: "Naturheilpraxis Astrosinne"
  • Wikipedia: "Eigenharnbehandlung"
  • Irchelpraxis: "Urintherapie – Anwendungen in der Heilkunde"
  • Focus Online: "Urin trinken: So gesund ist die Eigenurin-Therapie"
  • Gesundheitswissen: "Eigenurin: Das müssen Sie wissen!"
  • t-online: "Eigenurin-Therapie: Kann Urin den Körper stärken?"
  • Süddeutsche: "Harn-Trank"
  • Haiden, C. (2003): "Urintherapie: Eine Alternative zur Schulmedizin?"

So unterschiedlich wirken Medikamente bei Männern und Frauen

Fast jedes Medikament kann Nebenwirkungen haben. Doch die Wirkung der Medikation kann auch zwischen den Geschlechtern variieren. Denn was beim Mann hilft, muss bei Frauen nicht zwingend ähnlich wirken.