Die Fußgängerzonen der Innenstädte sind wieder gefüllt, Restaurantbesuche wieder erlaubt, Kontaktbegrenzungen reduziert. Werden wir durch die Lockerungen zu leichtsinnig? "Ja, einige. Und das ist gefährlich", sagt Sozialpsychologe Rolf van Dick und erklärt die Gründe für die Verhaltensänderungen. Dabei spielen auch die Autoritäten eine Rolle.

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Wir dürfen es wieder: Durch die Einkaufszonen schlendern, Museen besuchen, Hallensport betreiben. In vielen Bundesländern aufgehoben oder gelockert: Bestimmungen für Treffen mit Personen aus anderen Haushalten, die 800-Quadratmeter Begrenzung für Geschäftsöffnungen, das Besuchsverbot in Pflegeheimen.

Noch kann nicht von Normalität die Rede sein – zu sehr erinnern Maskenpflicht, Corona-Sondersendungen und die Arbeit im Homeoffice an die Ausnahmesituation. Aber das Verhalten ist bei vielen Bürgerinnen und Bürgern bereits in den Modus "Schranken auf“ geschaltet.

Nach Lockerungen: Handhygiene reduziert

Das hat auch der Sozialpsychologe Rolf van Dick von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main beobachtet. "Ja, einige Menschen werden definitiv zu leichtsinnig. Und das ist gefährlich!", warnt er. Mit der Befragung von 1.000 Deutschen zu zwei Zeitpunkten – kurz nach den Ausgangsbeschränkungen und kurz nach den Lockerungen – hat der Forscher herausgefunden, in welchen Bereichen die Menschen ihr Verhalten geändert haben.

"Die Menschen treffen sich wieder häufiger mit Freunden, versuchen nicht mehr so stark, Kontakte auf das Minimum zu reduzieren und meiden öffentliche Plätze nicht mehr so stark", bilanziert van Dick.

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Das sei alles in Ordnung, denn es sei Ziel der Lockerungen, so etwas wieder zu ermöglichen. "Was viel bedenklicher ist: Die Befragten geben an, dass sie sich weniger gründlich die Hände waschen und den Mindestabstand zu anderen Personen seltener einhalten", berichtet der Experte. Dabei seien Abstand und Hygiene nach wie vor das Nonplusultra in der Eindämmung des Virus.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Die Illusion, das Virus zu kennen

Doch woher kommt die Leichtsinnigkeit? Der "Westdeutschen-Allgemeinen-Zeitung" sagte der Psychologe Jürgen Margraf (Bezahlinhalt) von der Ruhr-Universität Bochum: "Jetzt haben wir etliche Wochen hinter uns, und jetzt haben wir alle die Illusion: Das kennen wir langsam."

Nach mehreren Wochen der Ausnahmesituation sei das Virus nicht mehr so unheimlich und unbekannt wie zu Beginn. "Wir werden ungeduldig, warten sehnsüchtig auf Lockerungen. Kommt dann so ein Signal, kommen Hoffnung, Ungeduld und nachlassende Angst zusammen."

Auch Experte Rolf van Dick warnt: "Wir sind immer noch in einer schlimmen Krise. Die beschriebenen Verhaltensänderungen erfolgen zu Unrecht und decken sich nicht mit der Gefahreneinschätzung durch Experten." Denn die Bedrohung durch das Virus hat sich nicht signifikant geändert: Noch immer gibt es keinen Impfstoff, Spätfolgen und die genauen Übertragungswege sind unzureichend erforscht.

Unterschiedliche Botschaften der Autoritäten

Van Dick sieht noch weitere Gründe, die die Leichtsinnigkeit vieler Bürgerinnen und Bürger erklären: "Die Politiker sprechen nicht mehr so sehr mit einer Stimme, wie es bei der Verhängung der Kontaktbegrenzungen der Fall war. Dadurch nehmen die Bürgerinnen und Bürger unterschiedliche Botschaften der Autoritäten wahr und sind verunsichert, ob sie sich überhaupt noch an etwas halten müssen, oder nicht", erklärt der Experte.

Während von Kanzlerin und Ministerpräsidenten zu Beginn der Beschränkungen noch gleichförmig zu vernehmen war, dass wir uns in einer bedrohlichen Krise befinden und uns deshalb an die strengen Regeln halten müssen, habe sich das Blatt nun gewendet.

"Schon in der Diskussion um die Lockerungen waren sich Ministerpräsidenten und Kanzlerin nicht mehr ganz einig. Mittlerweile gibt es erste Landkreise, die 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschreiten und sich trotzdem weigern, schnelle Ausgangssperren zu verhängen", erinnert van Dick.

Maske wiegt viele in Sicherheit

Dazu zählen beispielsweise die Stadt Rosenheim (Bayern), wo es in einem Asylbewerberheim zu einem Corona-Ausbruch kam, ebenso der Landkreis Greiz (Thüringen), der Kreis Sonneberg (Thüringen) und der Kreis Steinburg (Schleswig-Holstein). Flächendeckende Maßnahmen in Reaktion auf die Neuinfektionen blieben aus.

"Auch die Maskenpflicht spielt eine Rolle, warum die Menschen leichtsinniger werden", ist sich Experte van Dick sicher. "Sie fühlen sich durch die Maske sicherer, als es tatsächlich der Fall ist."

Somit würden sie sich in falscher Sicherheit wiegen und auf andere Hygienemaßnahmen verzichten. Tatsächlich schützt eine Maske vor allem andere, unterschiedliche Masken bieten außerdem unterschiedlichen Schutz.

Novartis-Chef dämpft Corona-Impfstoff-Hoffnungen

Weltweit forschen Wissenschaftler an einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Der Chef des Schweizer Pharmakonzerns Novartis hat die Hoffnungen auf einen schnellen Erfolg jetzt gedämpft.

Zu guter Letzt liegt unsere Leichtsinnigkeit auch darin begründet, wofür auch schon die Hamsterkäufe Symptom waren: Der Mensch ist ein Herdentier. "Wir lassen uns in unseren Verhaltensweisen, Einstellungen und Meinungen sehr stark davon leiten, was andere tun. Wir sehen, dass in einigen Städten tausende Menschen auf die Straßen gehen und protestieren, wie Fußgängerzonen wieder sehr voll sind und Menschen sich nicht an die Abstandsbestimmungen halten. Das führt dann auch bei uns dazu, dass wir die Situation als weniger problematisch und bedrohlich wahrnehmen", erklärt van Dick.

Auch der Blick ins Ausland liefert uns Bilder, die zur Nachahmung anregen: Beispielsweise sind die Maßnahmen in Schweden von Anfang an deutlich lockerer gewesen als hierzulande.

Es ist wie mit dem Zähneputzen

Was also tun, um dem Leichtsinn keinen Einzug zu gewähren? "Selbst weiterhin Vorbild sein“" rät van Dick. Er erinnert auch: "Das Vernachlässigen etwa des Händewaschens passiert nicht abrupt, sondern schleicht sich ein."

Die Situation sei vergleichbar mit dem Zahnarztbesuch: "Danach putzt man sich oft einige Tage besonders gründlich die Zähne, Stück für Stück fällt man dann aber wieder in den Ausgangszustand zurück." Kontinuierliche Disziplin ist also gefragt. Man solle sich die Bedrohung durch das Virus auch weiterhin bewusst machen, rät van Dick.

Auch wenn das nicht immer leicht sei, wäre es "hilfreich, wenn nicht so viele sich widersprechende Botschaften kommuniziert würden", meint der Experte. Zwar sei das nachvollziehbar, wenn es sich etwa um regionale Unterschiede der Infektionszahlen handele, das müsse dann aber stets mit Zahlen, Daten und Fakten begründet werden.

Coronakrise von Interessensgruppen ausgenutzt

"Teilweise hat man den Eindruck, dass die Politiker sich aufgrund einer eigenen Profilierung abgrenzen wollen – beispielsweise von der Kanzlerin oder der Mehrheitsmeinung", analysiert van Dick. Das sei nicht in Ordnung und werde von Interessensgruppen ausgenutzt. So fordern wirtschaftsnahe Gruppen etwa schnellere Lockerungen als Gruppen aus der Medizin und Gesundheitsversorgung.

"Die Vertreter beziehen sich dann jeweils auf die Politiker, die ihrer Meinung am nächsten kommen und stellen dies als absolute Wahrheit dar", kommentiert van Dick. Die Bürger würden durch so unterschiedliche Interpretationen der Realität verunsichert: "Dann handeln viele so, wie sie es bei ihren Nachbarn sehen – und das kann genau falsch sein."

Über den Experten: Prof. Dr. Rolf van Dick studierte Psychologie an der Philips-Universität Marburg und promovierte an den Schnittstellen von Sozial-, Arbeits- und Gesundheitspsychologie. Seit 2006 ist er Professor für Sozialpsychologie an der Goethe-Universität. Dort ist er einer der Direktoren des "Center for Leadership and Behavior in Organization“, in dem Kolleginnen und Kollegen aus Ökonomie, Soziologie und Psychologie gemeinsam forschen und die Ergebnisse der Forschung in die Praxis vermitteln.

Verwendete Quelle:

  • Waz.de: Corona-Leichtsinn? Experte: "Wer keine Angst hat, ist dumm!"