Gerade junge Leute scheinen die Gefahr durch das Coronavirus zu unterschätzen oder gar bewusst zu ignorieren. Studien und die Erfahrungen mehrerer Ärzte zeigen: Auch Junge können schwer an COVID-19 erkranken.

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Die Sonne scheint. Es ist T-Shirt-Wetter im Englischen Garten. Eigentlich dürften sich nur wenige Menschen in Münchens größtem Park aufhalten - und wenn, dann auch nur vereinzelt. Doch gerade Jugendliche und junge Erwachsene scheinen die Appelle und die von Bayerns Staatsregierung verordneten Abstandsregelungen zur Unterbrechung der Infektionsketten des Coronavirus zu ignorieren. In Grüppchen sitzen sie auf der Wiese zusammen, trinken Bier, unterhalten sich.

Ähnliches Bild in Berlin, wie ein RBB-Video zeigt: "Jung und ohne Vorerkrankung – wir machen uns da eigentlich relativ wenig Sorgen", sagt darin ein junger Mann, der zusammen mit einer Frau ganz entspannt auf einer Decke sitzt.

Tatsächlich befinden sich unter den Corona-Toten vor allem alte Menschen und jene mit Vorerkrankungen. Allerdings ist es ein offenbar weit verbreiteter Mythos, dass das Virus die jungen Menschen nicht hart oder gar nicht träfe. Studien und die Aussagen mehrerer Ärzte belegen: Auch junge Menschen können schwer an dem durch das Virus verursachten Lungenleiden COVID-19 erkranken.

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SPD-Politiker Lauterbach gesteht Kommunikationsfehler ein

Aus Sicht von SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ist es ein Fehler in der Kommunikation gewesen, zu sagen, das Virus laufe bei jüngeren Menschen oder bei Menschen ohne Risikofaktoren wie eine Erkältung oder eine leichte Grippe ab. In der ARD-Talkshow "Maischberger" betonte er: "De facto wissen wir das nicht".

Lauterbach ist Professor für Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, seit 1996 Gastdozent an der Harvard School of Public Health in Boston. Ihm lägen "beunruhigende Daten" vor, erklärte er: Demnach hatten etwa 20 bis 35 Prozent der Infizierten eine Lungenentzündung.

Dazu würden noch die kommen, die künstlich beatmet werden müssten. Bei beiden Gruppen würde man auch noch nach vier Wochen im Computertomographen Veränderungen im Lungengewebe sehen, die besorgniserregend seien, sagte Lauterbach. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man nicht sagen, ob diese bleibend seien.

"Ich warne junge Leute davor", sagte Lauterbach, mögliche längerfristige Folgen, gerade auch bei weniger dramatischen Verläufen, zu ignorieren.

Klinikchef: "Junge Menschen sind sich der Risiken nicht bewusst"

Auch Ignace Demeyer, Chef eines Krankenhauses im belgischen Aalst, warnt: "Junge Menschen sind sich der Risiken, zum einen für sich selber, aber insbesondere für ihr Umfeld und andere Menschen, Familienmitglieder und Freunde, nicht bewusst."

Demeyer berichtete dem "Spiegel" von mehreren 30- bis 50-Jährigen, die "mit allen Anzeichen und Symptomen einer COVID-19-Infektion in die Notfallambulanz" gekommen seien. Diese Häufung habe das Krankenhaus selbst "überrascht" – auch, weil keiner der Patienten zuvor Lungen- oder Herzprobleme gehabt habe. Alle seien gesund gewesen.

Daten aller belgischen COVID-19-Fälle zeigen: Bisher sind zwar nur über 70-Jährige an der Lungenkrankheit gestorben, aber die meisten bestätigten Infektionen sind bei deutlich jüngeren Menschen aufgetaucht.

Ähnliches Bild in Deutschland: Wie Zahlen des Robert-Koch-Instituts vom Donnerstag zeigen, sind 29 Prozent der Infizierten unter 34 Jahre und 54 Prozent zwischen 35 und 59 Jahre alt. Laut "Zeit Online" war der jüngste verstorbene Patient 67 Jahre alt, der älteste Verstorbene 95.

Studien zeigen, dass Coronavirus auch Junge schwer trifft

Aufschlussreich sind auch Erhebungen aus Italien, dem Land mit den weltweit meisten Corona-Toten. Dort liegt das Durchschnittsalter der an den Folgen einer Coronavirus-Infektion Verstorbenen bei 79,5 Jahren. Wissenschaftler des italienischen Instituts für Gesundheit (ISS) stützten sich bei ihren Untersuchungen auf Daten von 2.003 der in Italien verstorbenen Corona-Patienten. Insgesamt meldete Italien bis Freitag 3.405 Todesfälle durch das Coronavirus.

Nur 17 der an COVID-19 Verstorbenen seien jünger als 50 gewesen, teilte das ISS mit. Fünf dieser Menschen seien unter 40 gewesen. Es habe sich ausschließlich um männliche Patienten im Alter zwischen 31 und 39 Jahren mit schweren Vorerkrankungen gehandelt, erklärte das Institut.

Auch wenn die Erkrankung bei den meisten Infizierten nicht tödlich endet: Ernsthaft am Coronavirus können Menschen aller Altersgruppen erkranken, wie ein aktueller Bericht der US-Gesundheitsbehörde zeigt. Demnach musste jeder Fünfte Corona-Infizierte unter 44 Jahren ins Krankenhaus eingeliefert werden, jeder Zwanzigste musste sogar auf der Intensivstation behandelt werden.

Mit Material von AFP
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