Ein Beipackzettel des Astrazeneca-Impfstoffes zeigt, dass er abgeschwächte "Schimpansen-Adenoviren" enthält. Einige Beiträge im Internet suggerieren, diese Viren stünden im Zusammenhang mit Affenpocken-Infektionen. Das stimmt nicht – die Erreger haben laut Experten nichts miteinander zu tun.

In sozialen Netzwerken verbreitet sich das Bild eines Beipackzettels, der die Inhaltsstoffe der COVID-19-Impfung von Astrazeneca zeigen soll. Rot unterstrichen sind auf dem Bild unter anderem die Worte "chimpanzee adenovirus" (Schimpansen-Adenovirus). Dazu heißt es: "Wer sich über Affenpocken wundert. Schimpansen Adenovirus im Astrazeneca Impfstoff".

Auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken kursieren Beiträge, die einen Zusammenhang zwischen der COVID-19-Impfung von Astrazeneca und Fällen von Affenpocken suggerieren

Anders als in den Beiträgen suggeriert, gibt es jedoch keinen plausiblen Zusammenhang zwischen dem Adenovirus, das als Trägervirus im Impfstoff von Astrazeneca verwendet wird, und Affenpocken. Laut Stephan Becker, dem stellvertretenden Koordinator für neu auftretende Infektionskrankheiten beim Deutschen Zentrum für Infektionskrankheiten (DZIF), haben "Affenpocken und Adenovirus nichts miteinander zu tun".

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Affenpocken werden durch Pockenviren ausgelöst, im Astrazeneca-Impfstoff stecken völlig andere Viren

Der Impfstoff von Astrazeneca ist ein sogenannter Vektorimpfstoff. Er enthält laut der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) ein Schimpansen-Adenovirus. Auch die restlichen Inhaltsstoffe auf dem abgebildeten Beipackzettel decken sich mit denjenigen, die bei der EMA aufgelistet sind.

Bei der Herstellung des Impfstoffs wird einem für Menschen ungefährlichen Virus ein kleiner Teil der genetischen Information von SARS-CoV-2 eingesetzt, damit der Körper dagegen Abwehrstoffe entwickelt. Das Vektorvirus selbst ist nur ein Träger und kann sich nicht vermehren oder krank machen. Das schrieb uns auch Stephan Becker vom DZIF per Mail.

Das Virus, das im Astrazeneca-Impfstoff verwendet wird, ist ein sogenanntes Adenovirus. Laut einer Informationsseite der Universität Oxford, die an der Entwicklung des Impfstoffes beteiligt war, verursacht es bei Schimpansen eine Erkältung. Affenpocken hingegen gehören laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) zur Gattung der Orthopoxviren und sind mit den Pockenviren beim Menschen verwandt.

Stephan Becker schrieb uns dazu: "Bei Adenoviren handelt sich im Vergleich zu den Affenpocken um eine andere Virusfamilie; beide befinden sich in unterschiedlichen Teilen der infizierten Zellen, das Adenovirus geht in den Zellkern, das Affenpockenvirus vermehrt sich im Zytosol der Zellen." Das Zytosol ist eine Flüssigkeit innerhalb einer Zelle.

Die Krankheit kommt unter anderem bei Nagetieren in Afrika vor

Affenpocken verursachen Fieber, Kopf-, Rücken- und Muskelschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten und Pusteln auf der Haut, die bei schweren Verläufen tiefe Narben hinterlassen können.

Anders als der Name Affenpocken nahelegt, befällt das Virus zudem vor allem Nagetiere, wie das Friedrich-Loeffler-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) und das RKI übereinstimmend schreiben. Wie die Virologin Sandra Ciesek auf Twitter erklärte, wurden Affenpocken zum ersten Mal 1958 in Affenkolonien in Dänemark entdeckt und 1970 erstmals bei Menschen festgestellt. Einen größeren Ausbruch von Affenpocken habe es im Jahr 2003 in den USA gegeben, schrieb Ciesek. Von der amerikanischen Seuchenschutzbehörde wurde der Ausbruch auf den Import von Nagetieren zurückgeführt.

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Karl Lauterbach

Karl Lauterbach: 40.000 Impfdosen gegen Affenpocken sollen im Juni kommen

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach rechnet mit den ersten Impfdosen gegen Affenpocken noch in den ersten beiden Juniwochen. "40.000, also, Einheiten sollen in den ersten beiden Juni-Wochen kommen, dann 200.000 Einheiten danach", sagte der SPD-Politiker am Sonntag in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin. Ein entsprechender Vertrag sei unterzeichnet, man warte nun noch auf die Antwort des Unternehmens. "Aber ich gehe davon aus, dass wir diesen Impfstoff sehr bald haben werden", sagte Lauterbach. (dpa)