• Schulen in Deutschland hinken in vielem hinterher: bei der Digitalisierung oder einer modernen und hygienischen Ausstattung der Räumlichkeiten.
  • Hinzu kommt ein zweites großes Problem: der Lehrermangel.
  • Wir zeigen, welche Versäumnisse es an den Schulen gab und gibt.

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Corona legt die bestehenden Defizite des Bildungssystems in Deutschland offen. Schulen sind nicht ausreichend auf Distanz- und Wechselunterricht vorbereitet. Auch jetzt, fast ein Jahr nach den ersten Schulschließungen und bei erneutem Distanzunterricht, scheinen die meisten Probleme weiterhin zu bestehen.

Versagen bei der Digitalisierung

Die Versäumnisse der Schulpolitik in der Vergangenheit sind durch die Corona-Krise deutlich zu Tage getreten. Vor allem die Defizite in der digitalen Entwicklung hat die Pandemie gnadenlos offengelegt. Online-Unterricht funktionierte im ersten Lockdown nur in den seltensten Fällen reibungslos. Viele Kinder hatten wochenlang keinen Kontakt zu Lehrern oder ihrer Schule.

"Eine bessere Förderung geht eben nur mit mehr Personal, in kleineren Gruppen und mit der Möglichkeit, sich auch zeitweise räumlich aufzuteilen. Digitalisierung gelingt nur mit der entsprechenden Ausstattung für die Räume, die Schülerinnen und Schüler und auch die Lehrkräfte. Zudem benötigen diese entsprechende Fortbildungen," sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung.

Dass Online-Unterricht so schnell in so großer Zahl funktionieren muss, damit hatte im Frühjahr letzten Jahres keiner gerechnet. Mitte März 2020 kam es zu ersten Schulschließungen, und viele Schüler und Lehrer waren plötzlich zuhause und wussten nicht, wie sie lernen und unterrichten sollten. Digitale Lernplattformen bereiteten technische Probleme, es fehlte an Leih-Laptops für Homeschooling und Fortbildungen für Pädagogen und Pädagoginnen.

"Versäumnisse der letzten Jahre nicht innerhalb weniger Monate aufholbar"

Mittlerweile sind Geräte für Schüler und Lehrer zwar nachgerüstet worden, die Nutzung der Software und die Wartung der Computer bereitet aber weiterhin Probleme.

"Die Versäumnisse der letzten Jahre können nicht innerhalb weniger Monate aufgeholt werden", sagt Beckmann gegenüber unserer Redaktion. Das einfachste sei noch, die Ausstattung mit digitalen Endgeräten voranzubringen, was ja auch mit Hochdruck versucht werde. "Hier sehen wir auch deutliche Fortschritte, wenngleich wir von einer flächendeckenden Ausstattung noch weit entfernt sind." Schwieriger sei es jedoch, die notwendigen Fortbildung ad-hoc durchzuführen.

Mangelhafte hygienische Zustände an Schulen

Eine weitere Herausforderung, um Präsenzunterricht während der Pandemie möglich zu machen, ist die hygienische Grundausstattung in den Schulen. Saubere Sanitäranlagen sollten eine Selbstverständlichkeit sein, doch auch hier gibt es an vielen pädagogischen Einrichtungen seit Jahren Nachholbedarf. Regelmäßiges Händewaschen gehört zu den AHA-Regeln und ist eine der wichtigen Schutzmaßnahmen vor Coronaviren.

Gerade dort, wo sich viele Menschen aufhalten und wo viele Menschen die gleichen Türklinken anfassen, ist Händewaschen auf den Toiletten oder nach den Pausen und vor dem Essen besonders wichtig. Aber häufig teilen sich an den Schulen hunderte Kinder eine Toilette und ein Waschbecken.

Seife, Handtücher und Desinfektionsmittel sind teils Mangelware. Sogar warmes Wasser gibt es nicht überall, und nur wenige Klassenräume verfügen über ein zusätzliches Waschbecken für das Händewaschen zwischendurch.

Ungeeignete Räumlichkeiten

An der frischen Luft sinkt das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, deutlich, darüber sind sich Forscher mittlerweile einig. Die höchste Ansteckungsgefahr besteht immer dann, wenn sich viele Menschen auf längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten, also zum Beispiel im Schulunterricht in Klassenräumen. Gerade in alten Schulgebäuden sind die Räume aber oft klein und bieten keine Möglichkeit, für ausreichend Abstand zwischen den Tischen zu sorgen.

Die Lösung, damit Unterricht unter möglichst sicheren Hygienebedingungen stattfinden kann: mehrmaliges Stoßlüften innerhalb einer Schulstunde, damit ausgeatmete Aerosole nach draußen transportiert werden und sich mögliche Viren-Partikel in der Luft zerstreuen. Auch Luftreiniger können Abhilfe schaffen.

Doch auch hier gibt es Hürden in den Schulgebäuden: Fenster, die sich nicht öffnen lassen, oder fehlendes Budget für Lüftungsanlagen.

"Bis heute fehlen an den meisten Schulen Raumluftfilteranlagen, bis heute haben die Bundesländer den Lehrern keine ausreichende Anzahl an FFP2-Masken zur Verfügung gestellt. Und so, wie es aussieht, werden auch bei den Impfungen die Lehrkräfte bis weit in die Jahresmitte hinein noch warten müssen, bis sie drankommen," beklagt auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes im Interview mit n-tv.

Lehrermangel sorgt für Doppelbelastung

Eine weitere Belastung, die den Schulen zwar schon länger zu schaffen macht, aber die Lage aktuell verschärft, ist der Lehrermangel. Gerade in der Coronakrise, wenn einige Lehrkräfte etwa aufgrund schwerer Vorerkrankungen nicht unterrichten können, machen sich die Lücken bemerkbar. Schulstunden, auch digitale, fallen häufiger aus, Unterricht kann nicht nachgeholt werden und angeheuerte Aushilfslehrer verfügen oft nicht über eine vergleichbare Qualifikation wie qualifizierte Lehrer.

"Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Lehrkräftemangel unser größtes Problem ist. Wir haben während des Wechselunterrichts gesehen, was es für positive Auswirkungen hatte, sich den Kindern endlich einmal in der Ruhe einer kleinen Lerngruppe widmen zu können. Die Lehrkräfte berichteten davon, dass sie weniger Stress in der Unterrichtssituation empfunden hätten. Die Kinder wiederum spiegelten zurück, dass sie sich gesehener fühlten, besser gefördert fühlten und dass es zu weniger Konflikten in den Lerngruppen komme. Das ist unser Reden seit vielen Jahren. Doch gerade aufgrund des Lehrkräftemangels, der über allem schwebt, wurde jahrelang der Klassenteiler nach oben geschraubt," sagt Beckmann.

Über den Experten: Udo Beckmann ist seit 2009 Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Er studierte Lehramt an Grund- und Hauptschulen in den Fächern Physik, Mathematik und Biologie und war als Lehrer und Schulleiter an verschiedenen Schulen tätig. Der VBE vertritt als parteipolitisch unabhängige Gewerkschaft die Interessen von Pädagoginnen und Pädagogen in allen Bundesländern.

Verwendete Quellen:

  • Deutscher Lehrerverband: Gemeinsamer Appell von Kinder- und Jugendärzt/inn/en und Lehrkräften: Schulen zu sicheren Orten für Schüler und Lehrkräfte machen, Schulschließungen vermeiden und die Lebenschancen von Kindern wahren
  • n-tv: "Alle Kultusminister haben großen Fehler gemacht"


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