Im Oktober 1984 wird Maxi Baumeister geboren – mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen. Ärzte und Behörden üben auf die Eltern Druck aus, sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Maxi wird zu einem Mädchen umoperiert, mit weitreichenden Folgen. Heute lebt der Hermaphrodit im Niemandsland zwischen Mann und Frau. Eine Gesetzesänderung soll dem dritten Geschlecht nun gerecht werden.

Zur Hälfte Frau, zur Hälfte Mann – es gibt Menschen, sogenannte Intersexuelle, Hermaphroditen, bei denen die Geschlechtsmerkmale, also zum Beispiel Chromosomen, Hormone und Genitalien, nicht eindeutig ausgeprägt sind. Dabei gibt es verschiedene Varianten: Menschen mit Eierstöcken und Hoden oder mit einem klitoris-ähnlichen Glied; "Mädchen", die zu viel Testosteron und "Jungen", die zu viel Östrogen produzieren.

Im Alter von zwei Jahren kastriert

Maxi Baumeister ist so ein intersexueller Mensch. Vor 33 Jahren war Maxi eigentlich noch Max. "Ich wurde mit uneindeutigem Geschlecht geboren. Die Diagnose war Pseudohermaphroditismus masculinus. Die Chromosomenanalyse hieß: XY – also männlich", erzählt uns Maxi.

Schon während der Schwangerschaft der Mutter habe sich gezeigt, dass mit dem Geschlecht des Babys etwas nicht stimmt. Der Penis war im Ultraschall den Ärzten zufolge "nicht darstellbar". Nach der Geburt stellten sie fest: Statt eines Penis hat Maxi nur eine kleine Hautschürze. "Meine Eltern waren sehr verunsichert. Sie wussten zunächst nicht, was sie machen sollen."

Ängste, Unwissenheit und Vorurteile beherrschten den Familienalltag. "Es war eine andere Zeit", erklärt Maxi. "In den 1980er Jahren war es schwer, sich über das Thema Intersexualität zu informieren. Es gab weder Internet, noch Informationsmaterial und auch keinen Verein, der sich für die Belange Intersexueller eingesetzt hätte."

In der Öffentlichkeit wurde das Thema totgeschwiegen, tabuisiert. "Es gab nur die Ärzte. Und die haben meinen Fall als Störung, Krankheit beziehungsweise Syndrom eingestuft und empfohlen, mich zum Mädchen umzuoperieren."

Die Eltern seien mit der Situation überfordert gewesen. Das Standesamt drängte auf eine Entscheidung, denn nach damaligem Personenstandsgesetz musste der Eintrag auf der Geburtsurkunde entweder männlich oder weiblich lauten. Ein Dazwischen war nicht vorgesehen.

Der Vater sei zuerst gegen den Eingriff gewesen, erzählt Maxi. Die Mutter entschied sich nach zwei Jahren schließlich für eine Operation. "Sie wollte Klarheit schaffen. Meine Mutter ist mit mir in den ersten beiden Jahren von Arzt zu Arzt gegangen, durch ganz Deutschland gereist." Doch alle hätten ihr dasselbe gesagt: "Machen sie ein Mädchen daraus."

"Ich hatte auf jeden Fall männliche Chromosomen und einen Hodenhochstand. Die sind von alleine heruntergekommen und haben die Vorstufe von Testosteron produziert." Maxi wurden die Hoden und der kleine Penis – ein Hautläppchen – entfernt.

Danach passten die Ärzte das Geschlecht soweit es ging weiblich an, formten eine Vagina. "Ich wurde zwangskastriert. Das ist das Schlimmste, was mir passieren konnte", erzählt Maxi mit Kloß im Hals. Wäre nicht operiert worden, könnte Maxi heute zeugungsfähig sein.

"Wie eine Frau in den Wechseljahren"

Die Kastration hatte noch andere Folgen – im sozialen Umfeld. Im Schulalter begannen die Probleme. Es gab Hänseleien. "Ich wurde für mein Anderssein ganz oft als Transe oder Zwitter beschimpft, weil man mich nicht einordnen konnte." Es sei sehr schwer gewesen, damit klarzukommen. "Ich war sehr aufgedreht." Das Unterbewusstsein habe gearbeitet, etwas geahnt.

Maxi ließ sich nicht in das Schema Junge-Mädchen, Hellblau-Rosa pressen. Mit Puppen zu spielen, habe keinen Spaß gemacht. Stattdessen waren Matchbox-Autos und Lego-Steine hoch im Kurs. Kleider zu tragen, war für das umoperierte Mädchen ein Graus. "Es hat sich für mich nie richtig angefühlt und ich habe mich dagegen auch gewehrt. Meine Mutter hat das dann relativ schnell bleiben lassen", erzählt uns Maxi weiter.

Der aufoktroyierten Weiblichkeit musste sich Maxi im Teenageralter schließlich fügen. Die Pubertät wurde im Alter von elf Jahren durch Hormone zwangseingeleitet – weil sie sich den Ärzten zufolge männlich entwickelt hatte. "Ich war eingestellt wie eine Frau in den Wechseljahren", schildert Maxi die Tortur. Auch zu diesem Zeitpunkt: kein Wort über ihr wahres Geschlecht. Im Gegenteil, die Ärzte hätten der Mutter verboten, über die Diagnose zu sprechen.

Ärzte weiten Vagina

Dass sie keine Kinder bekommen könne, sei nichts Schlimmes. Auch andere Frauen hätten das Problem. Weshalb sie die Hormone wirklich bekam, blieb lange im Dunkeln. Die Mutter schwieg, und auch Maxi sprach nicht über ihr Gefühl, dass da irgendetwas anders ist.

"Wie redet man über etwas, wovon man nichts weiß?", fragt Maxi nachdenklich. Der Gedanke, im falschen Körper gefangen zu sein, sei aber nie gekommen.

Im Alter von 18 Jahren erklärten ihr die Ärzte schließlich, was los ist. "Sie haben das als Krankheit abgetan", sagt Maxi. Weil die Genitalien nicht richtig entwickelt seien, wäre eine Operation nötig. Nach dem Eingriff kam es zu schmerzhaften Entzündungen, weitere Eingriffe wurden nötig. Anschließend wurde die Vagina unter Schmerzen mehrfach mit sogenannten Bougierstäbchen geweitet.

Erst mit Anfang 20 begann Maxi sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Damals lernte sie eine andere intersexuelle Person kennen. Der Weg führte zu einer Selbsthilfegruppe. "Erst da habe ich richtig begriffen", sagt Maxi.

Regierung ändert Gesetz

Für das, was Maxi ist – ein drittes Geschlecht – soll es nun bald einen Namen geben. Im Geburtenregister soll künftig neben "männlich" und "weiblich" auch der Eintrag "divers" möglich sein. So will es das Bundeskabinett, das den neuen Gesetzentwurf zum dritten Geschlecht am 15. August beschloss. Bisher durfte das Datenfeld, wo der Eintrag des Geschlechts erfolgt, freigelassen werden.

Damit setzt die große Koalition eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2017 um, das die geltende Regelung als Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes gewertet hatte.

Etwa 27 Prozent der Deutschen befürwortet Statista zufolge die Einführung eines dritten, gesetzlich anerkannten Geschlechts. 24 Prozent sind tendenziell dafür. 11 Prozent lehnen es voll und ganz ab.

Bereits das Jahr 2013 war für Intersexuelle bahnbrechend. Seitdem ist es möglich, einen Nichteintrag in der Geburtsurkunde zu erhalten. Zuvor gab es nur männlich oder weiblich. "Ich habe auf jeden Fall gewonnen, als das Personenstandsgesetz damals geändert wurde. Seitdem habe ich ein X im Reisepass stehen, bin damit weder männlich noch weiblich", erzählt Maxi.

Generell hat sich in den letzten Jahren für Intersexuelle viel getan. Das Thema ist immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Tabus wurden gebrochen. Maxi findet das gut. "Ich kann jetzt sagen: Hallo, ich bin die dritte Option." Das sei den meisten Menschen heute ein Begriff. Statista zufolge weiß mittlerweile schon jeder fünfte Deutsche ganz gut über das Thema Intersexualität Bescheid.

Etwa genauso viele der Befragten haben der Umfrage zufolge schon einmal davon gehört, wissen aber nichts Genaueres darüber. Neun Prozent gaben an, dass sie von Intersexualität noch nichts gehört haben.

Ein großer Fortschritt im Vergleich zu den 1980er Jahren, als Maxis Eltern mit dem Thema überhaupt nichts anfangen konnten. "Wenn heute ein Kind mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wird, haben die Eltern die Möglichkeit, sich professionell beraten zu lassen", sagt Maxi. Das sei aber noch lange nicht genug. "Das Wichtigste ist ein Operationsverbot."

Auch der Bundesverband Intersexueller Menschen e. V. beklagt, dass in dem neuen Gesetzentwurf ein Operationsverbot fehlt. "An erster Stelle ist hier die Umsetzung der Forderung einer rechtlichen Regelung zu benennen, die intergeschlechtliche Kinder vor kosmetischen Operationen und Entfernen der hormonproduzierenden Organe schützt", heißt es einer Mitteilung des Vereins.

"Ich bin kein Er und keine Sie. Ich bin beides"

Es habe noch Jahre gedauert, bis Maxi die eigene Identität fand. "Ich bin kein Er und keine Sie. Das ist Fakt. Ich bin beides." Maxi hat sein Leben, so wie es ist, angenommen. An sich sei Maxi das Männliche lieber als das Weibliche. Er kleidet sich eher männlich und benutzt die Männertoilette.

"Heute werde ich als Mann wahrgenommen." Das läge zum Teil auch an der Therapie. Maxi hat angefangen, männliche Hormone zu nehmen – nicht, um ein Mann zu werden. "Ich möchte meinem Körper nur das wiedergeben, was er alleine nicht mehr produzieren kann. Testosteron."

Manchmal sorgt das männliche Erscheinungsbild allerdings für Stirnrunzeln. Maxi liebt die Sauna. "Da gehe ich in die Frauen-Umkleide, weil mein Körper eher weiblich aussieht." Manche Frauen schauten dann irritiert und meinten: 'Ja junger Mann, Sie sind hier falsch.' Maxi geht damit sehr entspannt um. "Ich sage dann: Nein, ich bin hier schon richtig. Ich bin beides." Die meisten Menschen würden mit Betroffenheit und Verständnis reagieren.

Auch seine Mutter hat sich mit Maxis wahrer Identität intensiv auseinandergesetzt. 2013 veröffentlichte sie ein Buch darüber: "Mein intersexuelles Kind. Weiblich, männlich, fließend". Mittlerweile sei sie davon überzeugt, dass es ein Fehler war, ihr Kind auf Drängen der Ärzte und des Standesamts operieren zu lassen.

Dass es sich dabei um eine Kastration handelte, der Gedanke sei ihr damals nie gekommen – auch nicht, welche Folgen das haben könnte. "Sie bereut das sehr", sagt Maxi.

Deshalb müsse noch weiter aufgeklärt werden. Nichtwissen betrifft offenbar auch Intersexuelle selbst. "Viele Intersexuelle sind in festen Rollen oder wissen gar nicht, dass sie intersexuell sind." Deshalb sei es wichtig, das Thema noch weiter zu enttabuisieren – und Gesetze entsprechend zu ändern. Vieles hat sich getan – und würde Maxi heute erst geboren, könnte er vielleicht selbst über sein Geschlecht entscheiden.


Info:
In Deutschland leben Schätzungen zufolge zwischen 100.000 und 160.000 Intersexuelle. Verlässliche Zahlen gibt es aufgrund des alten Personenstandsgesetzes von vor 2013 nicht, denn in der Geburtsurkunde musste bis dahin ein Geschlecht eingetragen werden – männlich oder weiblich. Erst seit 2013 darf das Geschlecht offen bleiben.
Intersexualität ist nicht mit Transsexualität gleichzusetzen. Transsexuelle haben ein eindeutiges Geschlecht, fühlen sich aber dem anderen zugehörig und somit als Mensch im falschen Körper.


Verwendete Quellen:

  • Statista.de
  • dpa
  • Intersexuelle Menschen e. V.
  • "Mein intersexuelles Kind" (Transit-Verlag, 128 Seiten, 14,80 Euro)