Im Mordprozess gegen Oscar Pistorius ist Johan Stander, der Hauptzeuge der Verteidigung, befragt worden. Er glaubt an die Unschuld Pistorius' und sagt: "Ich sah und spürte an diesem Morgen die Wahrheit. Pistorius hatte alles versucht, damit sie am Leben bleibt." Stander war zum Zeitpunkt des Todes von Reeva Steenkamp der Manager des Silverwoods Estates - dem Wohngebiet, in dem sich Pistorius' Haus befand.

Nach einer zweiwöchigen Pause geht der Mordprozess gegen Oscar Pistorius in die entscheidende Phase. Am Montag rief die Verteidigung Johan Stander und dessen Tochter Carice Viljoen in den Zeugenstand - die wohl wichtigsten Zeugen für Pistorius. Stander ist der ehemalige Manager der Wohnanlage von Pistorius' Haus und war mit seiner Tochter die erste Person, die am Tatort eintraf.

Pistorius hatte Stander mitten in der Nacht, kurz nach den tödlichen Schüssen auf seine Freundin, kontaktiert. "Um 3.19 Uhr rief mich Herr Pistorius an. Er sagte: Bitte, bitte, bitte, kommen Sie zu meinem Haus. Ich habe Reeva erschossen. Ich dachte, sie sei ein Einbrecher", berichtet Stander. Danach fuhr Stander mit seiner Tochter Carice Viljoen, die später ebenfalls aussagte, zu Pistorius' Haus. "Als wir ankamen, stand die Tür leicht offen. Meine Tochter ging vor mir her, öffnete die Tür - und wir sahen Herrn Pistorius die Treppe herunterkommen. Er trug Reeva in seinen Armen."

"Schmerz, Trauer und Verzweiflung" in Pistorius' Blick

Seine Tochter habe Pistorius gebeten, Steenkamp auf den Boden zu legen, sagt Stander. Pistorius sei sehr aufgelöst gewesen. "Herr Pistorius weinte und bat uns, ihm zu helfen. Er wollte, dass wir Reeva ins Auto laden und sie ins Krankenhaus fahren. Wir haben versucht, ihn zu beruhigen. Er brach zusammen. Er schrie, er weinte, er betete." In Pistorius' Blick habe er "Schmerz, Trauer und Verzweiflung" gesehen.

Stander wirkt während der Vernehmung mitgenommen, seine Stimme sackt immer wieder ab. Richterin Thokozile Masipa fordert ihn wiederholt auf, lauter zu sprechen.

Stander beschreibt, wie Pistorius Gott angefleht habe, dass Steenkamp überleben soll. "Ich sah und spürte an diesem Morgen die Wahrheit. Pistorius hatte alles versucht, damit sie am Leben bleibt", bekräftigt Stander die Version Pistorius', er habe Steenkamp versehentlich erschossen.

Stander beunruhige allerdings, dass Dr. Johan Stipp, Pistorius' Nachbar, damals zu ihm sagte, dass er zunächst vier Schüsse und danach Schreie gehört habe. Es folgten Moment der Stille und danach erneut vier Schüsse. "Man kann nicht acht Mal auf jemanden schießen. Nicht einmal auf einen Einbrecher", sagt Stander.

Zeugen oberflächlich mit Pistorius befreundet

Auf die Frage von Staatsanwalt Gerrie Nel, wie die Beziehung zwischen ihm und Pistorius ausgesehen habe, sagt Stander, man habe sich oberflächlich angefreundet. Nel testet mit der Nachfrage zum Grad der Freundschaft die Glaubwürdigkeit des Zeugen.

Später wird auch Standers Tochter Carice Viljoen in den Zeugenstand berufen. Sie beschreibt, wie Pistorius nach dem Krankenwagen geschrien, zu Gott gebetet und zu Steenkamp gesagt habe: "Bleib bei mir, Liebste." Als die Ärzte eintrafen, sagte Pistorius ihnen, "sie sollten alles tun, was sie können, um ihr Leben zu retten." Vlijoen selbst habe Angst gehabt, dass Pistorius sich umbringen würde, als er ins obere Zimmer lief. Pistorius hatte dort aber nur Steenkamps Personalausweis geholt.

Da die Verteidigung keine weiteren Zeugen für den Montag vorladen konnte, wird der Prozess nach nur gut drei Stunden vertagt.

Ursprünglich sollte das Urteil im Mord-Prozess gegen Oscar Pistorius Ende März fallen. Nun wird der 16. Mai als Tag der Urteilsverkündung anvisiert.