• Das Bolschoi-Theater in Moskau ist eines der bekanntesten der Welt.
  • Es blickt auf eine lange Tradition zurück und ist der Traum zahlreicher Tänzer.
  • Rund um das Theater gibt es allerdings reichlich Skandale. Denn der Konkurrenzkampf ist enorm - und manch einer zerbricht daran.

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Die ersten Schauspieler waren Leibeigene des Fürsten Pjotr Urussow. Das war 1776, im Jahr der Gründung. Heute, fast 250 Jahre später, gehört das Moskauer Bolschoi-Theater zu den berühmtesten Bühnen der Welt. Doch der Weg zum Bolschoi-Star ist steinig, mancher zerbricht daran, einer griff gar zur Schwefelsäure.

Kaiserin Katharina die Große war es, die dem Fürsten das Alleinrecht verliehen hatte, in Moskau Schau- und Singspiele aufzuführen. Zunächst fanden die Vorführungen in einem Privathaus statt, wenige Jahre später schon wurde gebaut. Der 1780 bezogene Theaterbau befand sich schon am heutigen Standort, brannte aber 25 Jahre später ab. Er wurde neu aufgebaut, doch drei Jahrzehnte später stand die Inneneinrichtung in Flammen.

Nun schlug die Stunde des italienischen Architekten Alberto Camillo Cavos: Er stattete den Nachfolgebau im Stil des russischen Klassizismus aus und machte das Theater so zu einem der schönsten der Welt. Diesen Rang hat sich das Bolschoi-Theater bewahrt. Es wurde zwar von 2005 bis 2011 intensiv renoviert (geschätzte Kosten: fast eine Milliarde Euro, nach offiziellen Angaben nur die Hälfte). Doch verändert hat es sich nicht mehr.

Während anfangs vor allem italienische Opern aufgeführt wurden, gelang später auch wichtigen russischen Komponisten der Durchbruch am Bolschoi-Theater. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden hier unzählige russische Opern aufgeführt.

Werke von Tschaikowski, Mussorgsky, Rimski-Korsakow und vielen anderen standen auf dem Programm. Mit der kommunistischen Revolution wurde zwar auch eine Schließung des Theaters diskutiert – doch der Ruhm des Hauses verhinderte diese Maßnahme, das Bolschoi durfte weiterhin für "großes Theater" sorgen.

Bolschoi-Absolventen steht die Welt offen

Katharina die Große war es übrigens auch, die die Ballett-Akademie des Bolschoi-Theaters gründen ließ, die bis heute Stars der internationalen Ballettszene hervorbringt. Zehn Jahre alt sind die Kinder, die hier aufgenommen werden, längst nicht alle halten bis zum Schluss durch. Drill gehört zur Ausbildung, aber viele nehmen das gerne in Kauf – wer am Bolschoi mit 17 oder 18 Jahren den Abschluss schafft, dem stehen die Bühnen der Welt offen.

Den Unterricht bei berühmten ehemaligen Tänzern und die Karriereaussichten lassen sich auch viele Ausländer einiges kosten. Während der Unterricht für Russen kostenlos ist, zahlen Ausländer 17.000 Euro – pro Jahr.

Neben der körperlichen Anstrengung sind es aber auch die Intrigen und Tragödien, die gerade das Ballett des Bolschoi-Theaters immer wieder in die Schlagzeilen bringen. Dass dereinst eine Ballerina kurz vor der Premiere das Handtuch warf, weil sie nicht für die erste Besetzung ausgewählt worden war, ist da noch eine der kleineren Affären.

Säureanschlag aus Rache

Für ganz große Schlagzeilen sorgte dagegen ein Anschlag am 17. Januar 2013: Sergej Filin, der damalige Künstlerische Direktor des Bolschoi-Theaters, wurde vor seinem Haus von einem zunächst unbekannten Maskierten mit Säure angegriffen und schwer verletzt. Filin wurde in Moskau und später in der Augenklinik von Aachen behandelt, mehr als 20 Operationen waren nötig, um seine schweren Augenverletzungen - er verlor teilweise seine Sehkraft - und die Verätzungen in seinem Gesicht zu behandeln.

Beim Anstifter des Attentats handelte es sich um Pawel Dmitritschenko, damals Solotänzer beim Bolschoi-Ballett. Der 29-Jährige wollte sich an Filin rächen, weil sowohl er als auch seine Freundin Anshelina Woronzowa nicht die erstrebten großen Rollen bekommen hatten.

Zwei Bekannte Dmitritschenkos führten den Anschlag aus, er soll ihnen dafür 50.000 Rubel (etwa 1.250 Euro) bezahlt haben. Als der Anstifter vor Gericht stand, zeigte sich, dass durchaus nicht alle Ensemblemitglieder seine Tat verurteilten – einige standen auf der Seite des Angeklagten. Der Prozess enthüllte, dass Führungsstil und auch die "Besetzungspolitik" des damals 42-jährigen Filin höchst umstritten waren.

Eine Reihe von Affären und gegenseitigen Beschuldigungen hatte zu einer tiefen Spaltung des Theaters geführt. Der Anstifter Dmitritschenko wurde schließlich zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, der Attentäter zu zehn und dessen Fahrer zu vier Jahren. Dmitritschenko kam wegen guter Führung 2016 frei, 30 Monaten vor dem regulären Haftende.

Sergej Filin war einst selbst Tänzer am Bolschoi, später wurde er Künstlerischer Direktor des legendären Theaters. Im Jahr 2013 wurde er Opfer eines Säureattentats, das ihm teilweise das Augenlicht raubte.

Eine Absetzung mit politischen Hintergründen?

Zum vorläufig letzten Mal geriet das Bolschoi-Theater heftig in die Schlagzeilen, als 2017 der derzeitige Generaldirektor Wladimir Georgijewitsch Urin eine Ballettproduktion über den Tänzer Rudolf Nurejew drei Tage vor der Premiere absetzte. Urin machte künstlerische Gründe geltend, doch hielten sich Gerüchte über politische Zensur, weil das Stück auch auf Nurejews Privatleben und seine (im homophoben Russland verbotene) Homosexualität Bezug nahm.

Die spektakulären Vorfälle schadeten dem Ruf des Bolschoi-Theaters jedoch nicht – eher halfen sie dabei, den Mythos vom geheimnisvollen Theatertempel zu festigen.

Das Bolschoi verfügt heute über 1.800 Zuschauerplätze und beschäftigt etwa 900 Schauspieler. Die großen Stars sind zwar nur selten in Moskau zu sehen, weil sie oft im Zuge von Tourneen auf der ganzen Welt unterwegs sind. Trotzdem gehört ein Besuch des berühmten Hauses nach wie vor zum Pflichtprogramm der meisten Moskau-Touristen.

Nicht nur das Ballett ist lohnend, auch die Opern- und Konzertproduktionen des Bolschoi-Theaters sind nach wie vor von internationalem Rang. Tickets für die oberen Ränge gibt es schon für weniger als zehn Euro, buchen sollte man aber am besten drei Monate im Voraus, Reservieren kann man zum Beispiel auf der Webseite des Theaters. Die Kartenhändler vor dem Theatereingang sollte man hingegen meiden: Sie verlangen ein Vielfaches der regulären Eintrittspreise.

Verwendete Quellen:

  • Russland-Journal
  • Russland erleben
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