Unter den Corona-Reizthemen ist die Maskenpflicht im Schulunterricht ein besonders großes. Die Maske stört und manche Kinder belastet sie auch. Doch Fachleute fragen zu Recht: Was ist die Alternative?

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Die Stadt München hat sie nach zwei Tagen wieder abgeschafft, die Maskenpflicht für Grundschüler im Unterricht. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte sich ausrechnen lassen, wie groß der Anteil der Grundschulen am Infektionsgeschehen ist, es waren fünf Prozent. Andernorts gilt die Unterrichts-Maskenpflicht indes auch in den Grundschulen weiter, etwa in Ingolstadt.

Die Regelung hat Kritiker, so wie die Maskenpflicht im Unterricht generell. Zum Beispiel den Leiter des Gesundheitsamtes in Aichach-Friedberg, Friedrich Pürner. Er halte die Regel für nicht sinnvoll, sagte er der "Süddeutschen Zeitung", weil die Wirksamkeit dieser Maßnahme nicht nachgewiesen sei und weil sie manche Kinder verstöre. "Wir hatten schon weinende Eltern am Telefon, deren Kinder von Lehrern gerügt wurden, weil sie sich nicht an die Corona-Regeln gehalten haben und gefragt wurden: Willst du, dass Oma und Opa sterben?"

Auch der Landesschülersprecher von Baden-Württemberg, David Jung, äußerte jüngst Kritik an der Maskenpflicht im Unterricht. Die Maske hindere die Schülerinnen und Schüler daran, optimal lernen zu können, sagte er der Tageszeitung "Die Welt". Manche Lehrer seien schwierig zu verstehen, wenn sie die Maske aufhaben. Und: Haben Schüler nur eine Maske im Unterricht, sei dieser Mund-Nasen-Schutz schnell durchweicht und dann nicht mehr so wirksam. Wenige Schüler hätten drei oder vier Masken dabei.

Diskussionen mit Eltern

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kennt die Argumente gegen den Mund-Nasen-Schutz im Unterricht - und ist trotzdem dafür. Sätze wie "Willst du, dass Oma und Opa sterben?" gehören dabei nicht zu seinem Instrumentarium, Kindern die Corona-Regeln näherzubringen. Dass so etwas Kinder erschreckt, dürfte klar sein.

Den Eindruck, dass sie von der Maskenpflicht generell verstört wären, hat Meidinger aber nicht. "Nach allem, was ich von unseren Lehrerinnen und Lehrern höre, gibt es in den Grundschulen mit der Maskenpflicht am wenigsten Probleme", sagte Meidinger im Gespräch mit unserer Redaktion. Die meisten Kinder nähmen die Erklärung der Regel gut auf, zudem würden mitunter Pausen gemacht, in denen die Masken abgesetzt werden.

Natürlich gebe es mit einigen Eltern aber auch Diskussionen um die Maskenpflicht. Ihre Hauptargumente: Alltagsmasken bringen nichts, die Kinder leiden zu sehr darunter, Schulen spielen beim Infektionsgeschehen kaum eine Rolle.

Welchen Anteil haben Schulen am Infektionsgeschehen?

Zum letztgenannten Punkt hat das Robert Koch-Institut (RKI) vergangene Woche eine Analyse vorgestellt, wonach Schulen und Kitas als Infektionsherde tatsächlich eine kleinere Rolle spielten als private Zusammenkünfte, Alten- und Pflegeheime sowie der Arbeitsplatz.

RKI-Präsident Lothar Wieler betonte jedoch, die Schulen seien zwar bislang kein "Treiber" der Pandemie, so wie sie es beispielsweise bei Influenza-Wellen eindeutig der Fall sei. Aber es sei klar, dass bei mehr Infektionen insgesamt auch mehr Fälle in den Schulen auftreten würden. Man habe bereits mehrere hundert Ausbrüche in Schulen gesehen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam ein Lagebericht der Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen, allerdings fanden hier immerhin rund elf Prozent der Infektionsketten ihren Anfang in Schulen und Kitas. Auch die Schulschließungen im Sommer in Israel deuten darauf hin, dass Schulen für die Verbreitung des Virus nicht unbedeutend sind.

Die Frage, welchen Anteil Schulen am Infektionsgeschehen haben, lässt sich im Moment also offensichtlich nicht klar beantworten - zumal die Nachverfolgung mit steigenden Infektionszahlen immer schwieriger wird. In Bayern betrug der Inzidenzwert am Mittwochmorgen 96,06. Laut der Website des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege müssen Städte und Landkreise mit einem Wert über 35 verordnen, dass Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse auch im Unterricht eine Maske tragen müssen. Ab 50 würde das auch Grundschüler betreffen.

Balance zwischen Zahlen und Bedürfnissen: Mimik ist wichtig für Grundschüler

Nun hat die Stadt München bei einem 7-Tage-Inzidenzwert von mehr als 77 pro 100.000 Einwohner diese Regel aber außer Kraft gesetzt. Das ging, weil der 7-Tage-Warnwert nicht allein ausschlaggebend ist. In die Bewertung fließt auch das Infektionsgeschehen an einer konkreten Schule ein. Das heißt: Gibt es an einer Schule keinen einzigen oder nur vereinzelt Fälle, kann die Maskenpflicht wegfallen, auch wenn der 7-Tage-Inzidenz-Wert in der Umgebung hoch ist.

Bayern ist nicht das einzige Bundesland, das es so macht. Auch in Berlin nehmen die Gesundheitsämter der Bezirke, die gemeinsam mit den Schulämtern darüber entscheiden, wann welche Schüler wo Masken tragen müssen, mehrere Werte in Augenschein: das Infektionsgeschehen an einer konkreten Schule und das im Bezirk.

Was wirkt wie ein "Maßnahmen-Flickenteppich", soll dazu dienen, die Maskenpflicht gewissermaßen "zu verteilen". Denn: In Grundschulen müssen die Zahlen höher sein, damit ein Mundschutz im Unterricht Pflicht wird.

Die Entscheidungsträger versuchen also durchaus, die Bedürfnisse der Schüler zu berücksichtigen. Denn sie wissen, dass zum Beispiel Grundschüler stärker darauf angewiesen sind, die Mimik ihrer Lehrer zu sehen. "Gerade in den 1. Klassen ist es entscheidend, dass die Schülerinnen und Schüler beim Lernen von Wörtern und Buchstaben den Lehrkräften auf den Mund sehen können", erklärt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann.

Hat die Lehrkraft eine Maske auf, kann dies das Lernen erschweren. Zudem komme es bei jüngeren Kindern eher vor, dass sie beim konzentrierten Arbeiten selbstvergessen die Maske abnehmen oder daran zupfen - was Maskennutzer eigentlich nicht tun sollten, weil der Mund-Nasen-Schutz möglichst dicht am Gesicht sitzen sollte.

Keine Gefahr durch Pilze

Das Zupfen ist auch deswegen ungut, weil so über die Hände Erreger an die Maske kommen und somit auch in Mund, Nase oder Augen gelangen können. Diese Empfehlung, die Maske nicht anzufassen, hat übrigens nichts mit den über einige soziale Netzwerke verbreiteten Horrormeldungen zu tun, dass Kinder wegen des Tragens einer Maske erkrankt oder gar gestorben seien. Solche Fälle sind nicht belegt.

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ingeborg Krägeloh-Mann, sagte dem ZDF, dass das Tragen von Alltagsmasken und eines Mund-Nasen-Schutzes für gesunde Kinder und Jugendliche ungefährlich sei. Mit Blick auf die Meldungen, wonach sich Kinder durch die Masken mit Pilzen infiziert haben sollen, sagte sie: "Masken werden ja unter anderem dazu eingesetzt, eine Exposition bezüglich Keimen oder auch Pilzen zu verringern. Es leitet sich daraus also ein Schutz und keine Gefährdung ab."

Schwierige Suche nach einer Ideallösung

Die Frage der Maskenpflicht in Klassenzimmern ist - wie so oft in der Coronakrise - ein Balanceakt zwischen größtmöglicher Sicherheit und größtmöglicher Freiheit. Einen 1,5- bis Zwei-Meter-Abstand in den Schulräumen zu schaffen und somit auf die Masken zu verzichten, ist jedenfalls offenbar nicht möglich. "Meine Ideallösung wäre Unterricht in halber Klassenstärke. Aber dafür fehlen uns nicht nur in Bayern die Lehrer", sagt Lehrervertreterin Simone Fleischmann.

Auch der Hygieniker Ernst Tabori kann sich in der Theorie idealere Lösungen als Masken im Unterricht vorstellen. "Den Unterricht zu entzerren und den Lehrplan zu verschlanken, könnte dazu führen, dass in den Klassenzimmern mehr Abstand möglich und eine Maskenpflicht nicht mehr so bedeutsam wäre", sagte Tabori im Gespräch mit unserer Redaktion.

Da das in der Praxis aber oft nicht umsetzbar und Präsenzunterricht von den meisten Beteiligten gewünscht sei, blieben Masken ein wichtiges Mittel, um Übertragungen des Virus zu vermeiden. "Sie bieten keine hundertprozentige Sicherheit. Aber bei richtiger, konsequenter Anwendung sind sie vor allem als Fremdschutz wirksam."

Richtig ist die Anwendung vor allem dann, wenn die Maske über Mund, Nase und Wangen platziert wird und an den Rändern möglichst eng anliegt; wenn sie - einmal aufgesetzt - nicht nochmal angefasst wird (außer an den Bändern); und wenn eine durchfeuchtete Maske umgehend abgesetzt und durch eine neue ersetzt wird.

Es sei "seit Jahrzehnten gängige und gute klinische Praxis, im Operationssaal zum Schutz der Operationswunde und der sterilen OP-Instrumente, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen", erklärt Ernst Tabori.

Noch ein Problem: Der Weg in die Schule

Darüber hinaus werde durch das Tragen einer Maske auch der Ausstoß von Aerosolen reduziert. Aerosole sind jene Tröpfchen, über die das Virus als Schwebeteilchen in der Luft auch über größere Distanzen als 1,5 bis zwei Meter transportiert werden kann. Sie haben eine Halbwertszeit in der Luft von über einer Stunde.

Der Hygiene-Facharzt sagte weiter, er persönlich maße sich nicht an, über die Köpfe aller Beteiligten hinweg zu entscheiden, ob eine Maskenpflicht für Kinder jeden Alters gleichermaßen zumutbar sei. "Aber jeder, der die Maskenpflicht an Schulen generell kritisiert oder verteufelt, muss – wenn er es aufrichtig meint mit der Empathie für die Kinder – eine mindestens gleichwertige und ebenso praktikable Alternative für den sicheren Präsenzunterricht anbieten können."

Selbstverständlich seien viel Abstand zueinander und die generelle Kontaktvermeidung wesentlich wirksamere Maßnahmen zur Risikovermeidung. "Aber wenn das Homeschooling nicht gewollt wird, bleibt neben den AHA-L-Regeln nicht mehr viel." Allerdings, so Tabori, werde die Maskenpflicht in Schulen konterkariert, wenn auf dem Weg zur Schule und nach Hause die Kinder in öffentlichen Verkehrsmitteln und Schulbussen den Abstand nicht wahren können und zu viele Kinder hineingepfercht werden, weil zu wenig Fahrzeuge bereitstehen.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann, und mit dem Ärztlichen Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene, Dr. Ernst Tabori.
  • Robert-Koch-Institut
  • Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie: Corona-Stufenplan für Berliner Schulen
  • dpa
  • tagesschau.de: Regelunterricht geht vorerst weiter
  • süddeutsche.de: Warum München die Maskenpflicht für Grundschüler aufgehoben hat
  • Welt.de: "Viele Schüler kränkeln, weil das Fenster offen ist"
  • Münchener Merkur: Gesundheitsamt-Chef zerreißt Söders Corona-Strategie
  • Rheinische Post: Ämter verlieren fast jede zweite Corona-Spur
  • Bayerisches Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege
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