• Der Essener Virologe Ulf Dittmer fordert Kontrollen aller Reisenden aus China und warnt vor einer Ausbreitung der dortigen Corona-Welle auf ländliche Regionen.
  • Ein Interview über die aktuelle Situation in China, seine Kolleginnen und Kollegen in Wuhan und die paradoxe Impfstrategie im Land.
Ein Interview

Nach dreijähriger Abschottung wegen der Corona-Pandemie hat China seine Grenzen am 8. Januar 2023 wieder geöffnet. Das Ende der "Null-Covid-Politik" habe für den wirtschaftlichen, kulturellen und intellektuellen Austausch große, überwiegend positive Auswirkungen, schreibt das britische Magazin "The Economist". Zunächst aber werde die Situation schrecklich werden: "In China wütet das Virus."

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Nach Angaben der chinesischen Gesundheitsbehörden seien in der letzten Dezember-Woche 35.000 Corona-Fälle aufgetreten. Diese Zahlen unterscheiden sich dramatisch von den inoffiziell durchgesickerten Angaben, die das Wissenschaftsmagazin "Science" nennt: Allein in den drei Wochen zuvor hätten sich rund 250 Millionen Menschen in China angesteckt, das entspricht in etwa 18 Prozent der Bevölkerung im Land. Auch die staatlich verbreiteten Angaben zu den Todesfällen, angeblich täglich im einstelligen Bereich, haben wohl nichts mit der Realität zu tun. Berechnungen des Londoner Datenunternehmens "Airfinity" gehen von täglich mehr als 16.000 Corona-Toten aus. Bis Ende April könnten es 1,7 Millionen werden.

China hat in den letzten Jahren mit seiner Null-Covid-Politik die Ausbreitung des Virus im eigenen Land zwar eindämmen können. Doch zu einem sehr hohen Preis: Die Bevölkerung litt unter den drakonischen Maßnahmen und muss jetzt mit nur mäßigem Immunschutz und relativ unvorbereitet eine Virus-Welle über sich ergehen lassen, die sehr viele Opfer fordern wird.

Kaum ein deutscher Virologe hat so gute Kontakte nach China wie Ulf Dittmer vom Institut für Virologie an der Uniklinik Essen. Seit mehr als 15 Jahren arbeiten er und sein Team mit Kolleginnen und Kollegen der Universitäten in Wuhan und Shanghai zusammen. In der Vergangenheit ging es dabei hauptsächlich um das Humane Immundefizienz Virus (HIV) und Hepatitisviren.

Besonders zu Beginn der Pandemie tauschte sich das Essener Virologenteam jedoch intensiv mit ihren chinesischen Kollegen auch über das Coronavirus aus, planten gemeinsame Forschungsprojekte und veröffentlichten wissenschaftliche Studien über genesene Covid-19-Erkrankte aus Wuhan. Doch die Zusammenarbeit litt unter der Pandemie, offene Gespräche gab es immer weniger, Videokonferenzen wurden anscheinend überwacht, nur von der Regierung abgesegnete Informationen wurden weitergegeben. "In China ist Corona sehr politisch, noch politischer als bei uns", sagt Dittmer im Gespräch mit dem RiffReporter Themenmagazin "Immun".

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in China ein, Herr Dittmer?

Verlässliche Zahlen aus China gibt es momentan leider nicht. Die Meldungen, dass die Erkrankungshäufigkeit nach dem Peak Anfang Dezember zurückgegangen sei, stimmt definitiv nicht. Die Chinesen haben ihr Meldesystem verändert, testen weniger und Ärzte müssen bei Todesfällen direkt nachweisen, dass das Virus die Todesursache ist. In vielen Fällen ist das unmöglich.

In China gibt es kein Hausarztsystem, so wie wir es kennen. Jede oder jeder, die oder der sich krank fühlt, muss eine Klinik aufsuchen. Wegen der extrem hohen Ansteckungszahlen ist die Lage in einigen Krankenhäusern im Land zurzeit aber sehr angespannt. Sehr schwierig für die Menschen dort auszuhalten ist – meiner Ansicht nach – der aktuelle Informationsnotstand.

Die Bevölkerung hat über fast drei Jahre eingetrichtert bekommen, Covid-19 sei sehr gefährlich. Vor Ende der strikten Maßnahmen wurde sie kurz darüber informiert, dass die Omikron-Variante angeblich kaum schwere Krankheitsverläufe auslöse. Dann wurden über Nacht die Teststationen abgebaut, weitere Informationen? Fehlanzeige.

China ist zwar weltweit der größte Produzent von Corona-Schnelltests. Doch im eigenen Land setzten die Verantwortlichen hauptsächlich auf die PCR-Untersuchung. Die bekommt man jetzt nur, wenn man sich krank in der Klinik vorstellt und getestet wird.

Wie häufig sind schwere Covid-19-Erkrankungen in China?

Im Vergleich zu Europa ist Chinas Bevölkerung nicht ganz so alt. Covid-19 verläuft bei den Jüngeren meist mittelschwer bis harmlos. Die Impfquote im Land beträgt zwar gut 90 Prozent. Sie wurde jedoch mit Impfstoffen erzielt, die nur zu 60 bis 70 Prozent vor schweren Verläufen schützen und eine Infektion mit Omikron überhaupt nicht verhindern können. Große Sorgen bereitet die Situation der älteren Menschen. Hier ist die Impfquote mit Abstand am schlechtesten.

Woher kommt das?

Die Impfstrategie in China sah komplett anders aus als bei uns. Zuerst erhielten die zwei Millionen Soldaten im Land eine Immunisierung mit den im eigenen Land entwickelten und hergestellten Totimpfstoffen. Danach impfte man alle arbeitenden Menschen. Dann erst kamen die über 65-Jährigen an die Reihe. Allerdings gab es keine richtigen Impfprogramme für diese Personengruppe.

Viele von ihnen waren inzwischen misstrauisch der Impfung gegenüber, weil sie sie ja bisher nicht erhalten hatten. Omikron kann diesen ungeimpften älteren Menschen durchaus gefährlich werden. Das wissen wir aus den USA, wo in manchen Staaten bei der ersten Omikron-Welle 40 Prozent nicht gegen Corona geimpft waren und einige von ihnen nach der Infektion schwer an Covid-19 erkrankten.

Warum hat die chinesische Regierung bei ihrer Covid-Strategie so plötzlich umgeschwenkt?

Ich glaube, die öffentlichen Proteste waren nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Während der gesamten Phase der schweren Lockdowns ist vielmehr eine Art Übereinkunft zwischen Regierung und Volk immer stärker ins Wanken geraten, die es seit Jahrzehnten in China gibt. Die Regierung fordert vom Volk: "Ihr stellt uns nicht infrage!". Bei Einhaltung dieser Forderung bekommt das Volk eine Gegenleistung: "Dafür geht es euch finanziell und gesundheitlich von Jahr zu Jahr immer besser."

In den Jahren vor der Pandemie ist genau das eingetreten, das System war stabil. Während der schweren Lockdowns dagegen ging es der Bevölkerung nicht mehr immer nur besser, es ging ihnen deutlich schlechter. Die Leute durften vieles nicht mehr und fragten sich zunehmend: "Was macht die Regierung da eigentlich?"

Die Unzufriedenheit war wegen der Einschränkungen und wirtschaftlichen Probleme im Land schließlich riesig. Natürlich hat auch das Ende der meisten Maßnahmen hier noch keinen Umschwung bringen können, im Gegenteil. Weil so viele Menschen wegen Covid-19 gerade ausfallen und nicht arbeiten können, lief es im Dezember wirtschaftlich noch schlechter als im Vormonat November.

Was mich total wundert, ist, dass die Regierung nicht bereits im letzten Sommer die Strategie verändert und die Maßnahmen heruntergefahren hat. Man hätte RNA-Impfstoffe, genügend Medikamente beschaffen und Impfprogramme aufsetzen können.

Die 27 EU-Staaten hatten sich Anfang Januar auf ein koordiniertes Vorgehen mit Reisenden aus China geeinigt. Deutschland und einige andere Länder fordern einen negativen Corona-Test vor Reiseantritt in China. Welche Maßnahmen halten Sie in der gegenwärtigen Situation für angebracht?

Bisher ging die Reiseaktivität nach und von China quasi gegen Null. Das ändert sich nun schlagartig. Das könnte zu einem massiven Vireneintrag nach Europa führen. Wir bekommen mit, wie unseren Kolleginnen und Kollegen an den chinesischen Universitäten gesagt wird, ihr könnt jetzt wieder reisen.

Wenn wir jetzt ohne Kontrollen alle Reisenden aus China willkommen heißen, wäre das grob fahrlässig, weil es hierzulande einen massiven Viruseintrag geben könnte. Wenn Reisende bei einem positiven Test schon in China bleiben müssten, würden hier bei uns schon bei weitem weniger Positive ankommen. Sollten die Reisenden dann an hiesigen Flughäfen doch positiv getestet werden, wäre ich schon dafür, diese Menschen zunächst zu isolieren.

Wie groß ist die Gefahr, dass durch die Welle in China neue und womöglich auch gefährlichere Virusvarianten entstehen und sich ausbreiten?

Drei Faktoren spielen eine wesentliche Rolle dabei, wie es weitergehen wird. Zum einen: Je mehr Infektionen es gibt, desto mehr Mutationen können auftreten. Bei 1,3 Milliarden Einwohnern ist in China allein die schiere Anzahl an möglichen Infektionen enorm groß, die Wahrscheinlichkeit für Mutationen steigt.

Der zweite Punkt: Rund 91 Prozent der Chinesen sind mindestens zweimal gegen Corona geimpft. Das verhindert aber keine Infektion mit der Omikron-Variante. Erzeugt dennoch einen gewissen Immundruck auf das Virus, das versucht, sich nach der Ansteckung im Körper zu vermehren. Diesem Immundruck versucht es mithilfe von Mutationen zu entkommen. Dadurch könnten neue Varianten entstehen.

Der dritte Faktor, durch den noch einmal eine besondere Dynamik in das Infektionsgeschehen kommen wird, ist das chinesische Neujahrsfest am 22. Januar. In der Vor-Corona-Zeit waren da in jedem Jahr mehr als 500 Millionen Menschen unterwegs. Häufig reisen die jungen Menschen, die in den großen Städten leben, zum Feiertag aufs Land zu ihren Verwandten.

Der Hotspot der Corona-Welle liegt zurzeit noch in den großen Metropolen. Spätestens am Neujahrsfest wird sich das Virus dann sehr stark auch in den ländlichen Regionen ausbreiten, wo mehr ältere Menschen leben und die Gesundheitsversorgung zum Teil sehr schlecht ist.

Verwendete Quellen:

  • The Economist: How China’s reopening will disrupt the world economy
  • Science.org: China is flying blind as pandemic rages
  • Uniklinik Essen: Institut für Virologie: Ulf Dittmer
  • Europäische Kommission: COVID-19: EU-Staaten einigen sich auf Empfehlungen zum Umgang mit Reisenden aus China
Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.