Nach der Insolvenz von Air Berlin will die Lufthansa einen großen Teil der Verbindungen des Konkurrenten übernehmen. Wettbewerbsschützer schlagen Alarm, es droht eine Quasi-Monopolstellung. Ein Experte erklärt, warum Verbraucher besorgt sein sollten.

Die Lufthansa hat sich bereit erklärt, nach der Pleite von Air Berlin die meisten Linienflüge des Konkurrenten und dessen Tochtergesellschaft Niki zu übernehmen.

Bekäme das Unternehmen den Zuschlag, würde es im innerdeutschen Flugverkehr einen Marktanteil von 98 Prozent beherrschen.

Hans-Ingo Biehl vom Geschäftsreiseverband VDR spricht im Interview mit unserer Redaktion über kartellrechtliche Bedenken, steigende Preise und erklärt, warum am deutschen Markt durchaus Platz für eine zweite große Fluglinie ist.

Deswegen verlieren Fluglinien immer häufiger die Koffer ihrer Fluggäste.

Herr Biehl, wäre der Wettbewerb gefährdet, sollte Lufthansa den Zuschlag für die Übernahme von Air Berlin erhalten?

Hans-Ingo Biehl: Für Unternehmen und ihre Geschäftsreisenden bedeutet die Air-Berlin-Insolvenz den Verlust eines Marktteilnehmers, verbunden mit einem verminderten Angebot und höchstwahrscheinlich steigenden Preisen.

Abgesehen von einigen touristisch orientierten Airlines gibt es im gesamten deutschsprachigen Raum nun de facto nur noch den Lufthansa-Konzern.

Mit welchen Folgen?

Auf einigen Strecken wird es künftig eine Marktdominanz und keinen Wettbewerb mehr geben.

Wie sicher ist es, dass dadurch die Preise für deutsche Flugkunden in die Höhe schnellen könnten?

Wir haben beobachtet, dass sich auf Strecken, die nur von einem Anbieter oder verschiedenen Marken eines Unternehmens geflogen werden, mangels Alternativen der Preis diktieren lässt.

Eine wachsende Marktmacht geht erfahrungsgemäß mit steigenden Preisen einher.

Können Sie das angebliche Preisdiktat konkret belegen?

Unsere Mitgliedsunternehmen, insbesondere diejenigen mit einem hohen Anteil an Flugreisenden, analysieren die Preisentwicklungen im Markt sehr genau.

Vergleicht man über einen längeren Zeitraum beispielsweise die Tarife zwischen Frankfurt und London mit den Tarifen von München nach Zürich, kann man deutliche Unterschiede feststellen.

Auf der einen Route herrscht echter Wettbewerb, auf der anderen Route sieht man, dass zwei Marken unterwegs sind, die zu einem Konzern gehören. Der kann dann extrem hohe Preise aufrufen, weil es keine Alternativen gibt.

Ist die Übernahme ein Fall für das Kartellamt?

Wir gehen davon aus, dass die deutschen und europäischen Kartellbehörden sehr genau prüfen werden, inwieweit auf bestimmten Flugrouten eine Monopolsituation entstehen würde.

Zum anderen plädieren wir für Chancengleichheit auf dem Bietermarkt. Das heißt: Alle, die sich für eine (Teil-)Übernahme des Air Berlin-Konzerns interessieren, müssen gleichermaßen die Gelegenheit bekommen, auf denselben Informationsstand zu gelangen und mitbieten zu können.

Gibt es auch mögliche positive Auswirkungen für die Verbraucher?

Als starker Partner der Unternehmen und ihrer Geschäftsreisenden stünde Lufthansa weiterhin für Verlässlichkeit. Wir gehen davon aus, dass sich daran - unabhängig vom Ausgang des Bieterverfahrens - nichts ändern würde.

Wir müssen aber abwarten, welche konkreten Pläne potenzielle Übernahmekandidaten am Ende haben werden. Wichtig ist, dass so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben. Alles andere wird man sehen.

Gibt es realistische Optionen, wodurch eine negative Auswirkung auf den Markt und die Verbraucher verhindert werden könnte? Etwa durch eine andere Übernahmegesellschaft oder den Erhalt von Air Berlin.

Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, wohin die sprichwörtliche Reise geht. Insolvenzverwalter und Gläubiger müssen in jedem Fall dafür sorgen, dass es ein faires Bieterverfahren gibt und dass die Routen gleichmäßig aufgeteilt werden.

Wenn man Air Berlin halbieren oder dritteln würde, gäbe es zumindest auf einigen attraktiven Routen noch Wettbewerb - und die Preise würden dort in einem vernünftigen Rahmen bleiben.

Braucht der deutsche Markt eine zweite große Fluglinie?

Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft. Ich denke, dass der deutsche Markt ausreichend Platz für mindestens eine weitere wettbewerbsfähige Airline bietet - zumal es ja nicht nur um den innerdeutschen, sondern auch um den innereuropäischen Verkehr geht.

Im touristischen Bereich haben wir auf bestimmten Strecken noch ausreichend Wettbewerb, da es hier noch weitere Marktteilnehmer gibt.

Zur Person: Hans-Ingo Biehl ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutsches Reisemanagement e. V. (VDR). Die Organisation vertritt die Interessen von rund 550 deutschen Unternehmen beim Thema Geschäftsreisen.