• Die hohen Gaspreise treiben nun auch die Stromkosten in die Höhe.
  • Schuld daran ist das Merit-Order-Prinzip, das die beiden aneinanderkoppelt.
  • Was steckt dahinter und welche Entlastungen plant die Bundesregierung?

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Als ob die Gaspreise nicht schon belastend genug wären, explodieren nun auch die Stromkosten. Kein Zufall. Denn die beiden sind durch das sogenannte "Merit-Order-Prinzip" aneinander gekoppelt.

Ausschlaggebend für den Preisanstieg ist der russische Überfall auf die Ukraine. Die dadurch entstandene Verknappung beim Gas sorgte für eine extreme Preiserhöhung. Und diese jagt wiederum auch den Strompreis in ungeahnte Höhen. Ein Zusammenhang, der im ersten Augenblick überraschend sein mag. Und doch zeigt, wie komplex die wirtschaftlichen Verflechtungen sind. Aber warum ist das so?

Strom wird wie eine Ware gehandelt – in Deutschland passiert das an der Strombörse in Leipzig. Dabei stammten im Jahr 2021 circa 40 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Dazu kamen 19 Prozent aus Braunkohle sowie 12 Prozent Atomstrom. Die Stromerzeugung aus Gas macht also einen relativ geringen Anteil am Kuchen aus.

Merit-Order-Prinzip: So funktioniert der Handel an der Strombörse

Der Preis an der Strombörse richtet sich jedoch nach dem jeweils teuersten Anbieter. Dieses Verfahren – "Merit-Order-Prinzip" genannt – funktioniert so: Vereinfacht gesagt werden zuerst die günstigsten Stromanbieter an den Markt gebracht. Das sind Solar-, Wind- und Wasserkraft. Dann bekommt der zweitgünstigste den Zuschlag. Reicht das nicht, werden weitere Kraftwerke zugeschaltet, bis der komplette Strombedarf gedeckt ist.

Die Kosten beim teuersten Anbieter bestimmen schließlich den endgültigen Börsenpreis für alle. Die zurzeit mit Abstand teuerste Stromquelle ist Gas. Die Preisexplosion beim Gas sorgt also für eine Preisexplosion beim Strom.

Und die hat es in sich: Am 26. August 2022 betrug der Strompreis an der Leipziger Energiebörse 995 Euro pro Megawattstunde. Das entspricht einer Steigerung von über 1.000 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

So setzt sich der Strompreis zusammen

Vor allem die Produzenten von günstigem Strom, also Solar-, Wind- aber auch Kohlestrom, freuen sich über extrem profitable Margen. Denn sie erzeugen zwar günstig, kassieren aber trotzdem den hohen Gasstrompreis. "Windfall Profits" nennt sich dieser Effekt.

Was das wiederum für Verbraucher bedeutet, rechnet das ZDF-Magazin "WISO" vor. Im August 2021 kostete die Kilowattstunde Strom 30,4 Cent. 2022 sind es bereits 42 Cent. Bei einem Verbrauch von 4.000 Kilowattstunden für eine vierköpfige Familie ergeben sich 464 Euro an Mehrkosten.

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Aber wie setzt sich der Endverbraucherpreis für den Strom eigentlich zusammen? Der Börsenpreis ist hierbei nur ein Teil des Ganzen. Die Bundesregierung definiert auf ihrer Website drei Kostenblöcke:

  • Kosten für Stromerzeugung, Transport und Vertrieb
  • Kosten für die Nutzung der Netze
  • Steuern und Abgaben

Nur der erste Block, also Erzeugung, Transport und Vertrieb ist vom Markt abhängig. Er beträgt ungefähr ein Viertel der Gesamtkosten. Ein weiteres Viertel geht auf Netzentgelte, gut die Hälfte sind sogenannte "staatlich veranlasste Preisbestandteile".

Explodierende Strompreise: So will die Bundesregierung gegensteuern

Und genau hier konnte der Staat bisher gegensteuern – durch den Wegfall der EEG-Umlage oder die Senkung der Strom- und der Mehrwertsteuer. Das Merit-Order-Prinzip jedoch treibt die Preise nun wieder nach oben.

Deshalb will Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck den Strommarkt grundlegend reformieren. Das berichtete das "Handelsblatt" (kostenpflichtiger Inhalt) mit Bezug auf eine Ministeriumssprecherin. Mit der Reform wolle man die Entwicklung der Endkundenpreise für Strom vom steigenden Gaspreis entkoppeln. So sollen Stromkunden davon profitieren, dass erneuerbare Energien "so günstig produzieren".

Eine Entkoppelung sei jedoch derzeit nicht machbar, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einem Interview der Sendung "heute". Denn dazu müsse man den europäischen Strommarkt reformieren. Kurzfristige Maßnahmen seien eher gefragt.

Wird es also weitere Entlastungspakete geben? Gut möglich. Die Schwierigkeit dabei ist, dass selbst Experten kaum Prognosen stellen können, wie sich die Situation am Markt entwickeln wird. Oder in welche ungeahnten Höhen die Strompreise noch klettern werden.

Verwendete Quellen:

  • Bundesregierung.de: So setzt sich der Strompreis zusammen
  • Spektrum.de: Merit-Order-Prinzip: Warum das teure Gas auch den Strompreis mit nach oben reißt
  • ZDF: "WISO" vom 29. August 2022
  • Handelsblatt.com: Strommarkt. Habeck will Strompreis vom Gaspreis entkoppeln (kostenpflichtiger Inhalt)
  • ZDF: "heute" 19:00 Uhr vom 28. August 2022
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