Freier von Zwangsprostituierten müssen künftig in Deutschland mit Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren rechnen. Das sieht ein neuer Gesetzentwurf vor. Es ist ein weiterer Versuch, ein Gewerbe zu regulieren, das oft an der Grenze zur Illegalität große Gewinne erwirtschaftet. Die genauen Zahlen kennt niemand, jedoch skizzieren vorsichtige Schätzungen ein gewaltiges Schattenreich.

1. Wie viele Prostituierte arbeiten in Deutschland?

Schon bei der Frage, wie viele Menschen in Deutschland sich prostituieren, klaffen die genannten Zahlen weit auseinander. Verlässliche Angaben fehlen bis heute.

"Fundierte statistische Daten, wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt, existieren nicht", schreibt das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend im März 2016 auf seiner Homepage.

So mancher Top-Manager stolperte über die eigenen Sex-Eskapaden.

Trotz der fehlenden empirischen Grundlage herrscht in Politik und Medien ein vorsichtiger Konsens, dass in Deutschland mindestens 400.000 Menschen in der Prostitution arbeiten.

Davon sind die meisten Frauen. Aber es gibt auch viele Männer, die zum Beispiel als Stricher oder Callboy anschaffen gehen.

Auch das Statistische Bundesamt rechnet mit einer Gesamtzahl von 400.000 und hat für seine Berechnungen das Rotlicht-Gewerbe in verschiedene Sektionen unterteilt.

In Bordellen arbeiten nach einer Schätzung von vor zwei Jahren rund 89.500 Prostituierte, darunter fallen auch Bars, Clubs, Massagesalons und sogenannte Partytreffs.

Auf dem Straßenstrich vermuten die Experten rund 71.600 Prostituierte, dazu zählen sie auch den Drogenstrich, Gelegenheitsprostituierte und mobile Bordelle in Wohnwagen.

Im Segment der sogenannten Hostessen-Dienste vermutet das Bundesamt rund 60.000 Beschäftige. Zu ihnen zählen auch Callgirls und Callboys, Modell-Wohnungen und käuflicher Sex über Anzeigen in Zeitungen und im Internet.

Alle anderen sexuellen Dienstleistungen fasst das Amt unter "sonstiger Prostitution" zusammen. Rund 179.000 Prostituierte arbeiten nach dieser Schätzung als Sexualassistenz, in Hotels, Table Dance Bars, Sex-Kinos oder beim Telefonsex.

Wie viele Menschen unter Zwang in diesem Gewerbe arbeiten, ist ebenso wenig klar, wie die Gesamtzahl der Prostituierten in Deutschland.

Nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur von dieser Woche schätzt die EU-Kommission, dass zwischen 2010 und 2012 mehr als 30.000 Menschen in Europa Opfer von Menschenhändlern geworden sind. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, glauben die Experten.

2. Wie hoch ist der Umsatz?

Auch zu dieser Frage liegen keine verlässlichen Zahlen sondern lediglich Schätzungen vor. Das Statistische Bundesamt geht von einer Zahl zwischen 14 und 15 Milliarden Euro Umsatz im Jahr aus, die keinesfalls mit Gewinn verwechselt werden darf.

Denn auch Prostituierte haben Kosten, zum Beispiel für Miete, Werbung, Fahrten, Versicherungen. Der geschätzte Umsatz beschreibt nur das Gesamtaufkommen der Zahlungen, die in Deutschland von Freiern an Prostituierte bezahlt werden.

Dabei geht das Statistische Bundesamt nach einem Bericht von "Welt Online" von 5,475 Milliarden Euro Umsatz in Bordellen, 2,738 Milliarden Euro in der Straßenprostitution, 3,65 Milliarden Euro bei Hostessen-Diensten und 2,738 Milliarden Euro für sonstige Prostitution aus.

Der tatsächliche Gewinn wird nur auf ungefähr die Hälfte der Einnahmen geschätzt. Das heißt, zirka 7 bis 8 Milliarden Euro der Einnahmen fließen über Mietzahlungen und andere Ausgaben direkt zurück in den Wirtschaftskreislauf.

3. Verdient der Staat am horizontalen Gewerbe mit?

Es ist dasselbe Paradox wie beim Kampf gegen das Rauchen: Auf der einen Seite erlässt der Staat stetig neue Gesetze, auf der anderen Seite verdient er theoretisch über die Steuern am horizontalen Gewerbe mit.

Wie alle Dienstleistungen ist auch die Prostitution mehrwertsteuerpflichtig. Das heißt, Menschen, die anschaffen gehen, müssten ihren Freiern eigentlich eine Quittung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer ausstellen und diese an das Finanzamt abführen.

Aus naheliegenden Gründen passiert das jedoch meistens nicht, monierten die Prüfer des Bundesrechnungshofs bereits in einem Bericht von 2014.

Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs von 2013 ist "gewerbsmäßige Unzucht" zudem gewerbesteuerpflichtig. Das heißt, die Kommunen, nicht der Bund, regeln die Besteuerung "ihres" Rotlichtmilieus und erhalten auch die Einnahmen.

Theoretisch könnte sich so eine gut laufende Rotlicht-Szene positiv auf das Stadtsackerl auswirken.

In der Praxis stehen die Steuereinnahmen jedoch in einem krassen Missverhältnis zum geschätzten Umsatz. "Obwohl durch Prostitution Einnahmen von mehreren Milliarden Euro jährlich erzielt werden, erlangt der Fiskus daraus keine nennenswerten Steuereinnahmen", heißt es in einem Schreiben des Bundesrechnungshofs von vor zwei Jahren.

Und es gibt keinerlei offizielle Verlautbarungen, dass sich an dieser gigantischen Steuerhinterziehung bis heute irgendetwas geändert hat.