Die Wirtschaft schwächelt, der Euro strauchelt – die Nervosität an den Märkten ist groß. Was tun gegen den drohenden Finanzcrash? Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat im Frühjahr eine Parallelwährung für Griechenland vorgeschlagen, den Geuro. Andere Experten fordern hingegen eine eigene Währung für die starken Euro-Länder. Doch Zweitwährungen gibt es schon längst – mitten in Deutschland.

So sieht ein 2-Steintaler-Schein aus: Den Steintaler gibt es als Zweitwährung in Brandenburg und Sachsen/Anhalt.

Chiemgauer, Havelblüte oder Sterntaler: Was wie Apfelsorten klingt, wandert in Rosenheim, Potsdam und Berchtesgaden als Zahlungsmittel über die Ladentheken. Rund 50 Regionen und Gemeinden in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben ein eigenes Zahlungsmittel. Meist sind Vereine die Träger. Das sogenannte Regiogeld soll die Kaufkraft an die Region binden und so die lokale Wirtschaft stärken. Das Besondere daran: Das Geld verliert an Wert. Die Chiemgauer oder Sterntaler sollen also nicht gespart, sondern schnellstmöglich in der jeweiligen Region ausgegeben werden. So können zum Beispiel auch Spekulationen verhindert werden.

Das Prinzip dieser sogenannten Umlaufsicherung geht auf den Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862-1930) zurück. In einigen Regionen werden auch zinsfreie Regiogeld-Mikrokredite vergeben. Ersetzen sollen die Zweitwährungen den Euro aber nicht – nur ergänzen. Rechtlich gesehen können sie ihm auch gar nicht in die Quere kommen, weil sie eigentlich Gutscheine sind. Da die verschiedenen Regiogelder unterschiedlich funktionieren, stellen wir Ihnen hier drei im Detail vor.

Chiemgauer

Der Chiemgauer ist wohl das bekannteste und erfolgreichste Regiogeld Deutschlands. Er wurde 2003 von dem Wirtschaftslehrer Christian Gelleri und Schülern der Waldorfschule Prien am Chiemsee ins Leben gerufen. Für einen Euro bekommen Mitglieder des Trägervereins einen Chiemgauer, mehr als acht Millionen Euro wurden in den rund 40 Ausgabestellen bisher eingetauscht. Bezahlen kann man damit in rund 600 Geschäften in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein. Wer Chiemgauer im Geldbeutel hat, sollte sie so schnell wie möglich ausgeben, denn alle drei Monate verliert das Geld zwei Prozent seines Werts. Wenn es einmal so weit gekommen ist, können die Verbraucher jedoch Wertmarken kaufen und den Wert wieder aufstocken. In Euro zurücktauschen können sie die Regionalwährung jedoch nicht – das dürfen nur Unternehmen, allerdings mit einer besonderen Auflage: Fünf Prozent der Summe werden als Gebühr abgezogen und gehen an den Trägerverein Chiemgauer e.V. und andere gemeinnützige Einrichtungen, die die Verbraucher bestimmen können.

Havelblüte, Urstromtaler und Steintaler

Um ihr Netzwerk zu vergrößern, haben sich die drei Regionalwährungen Havelblüte (Potsdam und Umgebung), Urstromtaler (Sachsen-Anhalt) und Steintaler (Fläming) 2010 zusammengetan. In Brandenburg und Sachsen-Anhalt kann man seither mit dem Regio bezahlen. Das System ist etwas komplizierter, denn anders als der Chiemgauer ist der Regio leistungsgedeckt. Das funktioniert so: Unternehmen decken das Regionalgeld mit ihren Produkten oder Dienstleistungen. Die Firmen haben dann verschiedene Möglichkeiten, die Scheine in den Umlauf zu bringen – zum Beispiel als Rabattmarke, Lohnauszahlung oder Zahlungsmittel. Es gibt jedoch nicht beliebig viel Regionalgeld: Jedes Unternehmen erhält ein bestimmtes Kontingent. Die sogenannte Akzeptanzquote legt zusätzlich fest, in welchem Umfang – etwa bestimmte Produkte oder zu bestimmten Uhrzeiten – das Geld von den Firmen als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Verbraucher können bei den teilnehmenden Geschäften Euro in Regio umtauschen oder per Lastschrift einen bestimmten Regio-Betrag auf ein extra eingerichtetes Konto überweisen lassen. Ein Rückumtausch in Euro ist nicht möglich. Strenggenommen sind Havelblüte und Co. jedoch eher ein Marketinginstrument als eine Regionalwährung.

Sterntaler

Im Großen und Ganzen funktioniert der Sterntaler wie sein Nachbar, der Chiemgauer. Doch im Berchtesgadener Land gibt es noch eine Drittwährung. In dem Genossenschafts-Kooperationsring "Midanand" werden Leistungen und Waren ausgetauscht, bezahlt wird mit den sogenannten Talenten. Nach der Zahlung einer Genossenschaftseinlage bekommen Privatpersonen 300 Talente als Startkapital, Unternehmen 1.000. Auf einer Online-Plattform können die Mitglieder ihre Angebote und Gesuche inserieren. Sind sich zwei Tauschpartner einig, fallen drei Prozent Gebühr an. Zudem verlieren die Talente pro Quartal ein Prozent an Wert.