• So nah und doch so fern: Kulturelle Unterschiede prägen deutsch-französische Beziehungen.
  • Das fängt bei "Tatort" und Osterhasen an und hört bei Nackten in der Sauna auf.
  • "Schockierend!", findet das ein Franzose, der mit einer Bayerin verheiratet ist.

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Das Essen, natürlich das Essen. "Immer muss es Baguette zum Essen geben. Und dann wird es nicht mal gegessen, sondern neben dem Teller zerkrümelt", sagt Verena von Derschau, gebürtige Deutsche, die seit Jahren mit einem Franzosen verheiratet ist. François Dumas, ein Pariser, der schon lange mit einer Deutschen zusammenlebt, stöhnt hingegen beim Gedanken an deutsche Traditionsgerichte auf: "Maultaschen! Klöße! Da kann ich gar nichts mit anfangen."

Kurz vor dem 60. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags am 22. Januar ergibt eine nicht repräsentative Umfrage, dass deutsch-französische Paare sich auch nach Jahren noch über Eigenarten ereifern, die sie als typisch für die Nationalität ihres Partners empfinden. Viele davon betreffen die Nahrungsaufnahme.

"Dem deutschen Essen fehlt es an Leichtigkeit", klagt Roland, ein Franzose, der mit einem Deutschen verheiratet ist. "Sie haben noch immer Schwierigkeiten, sich von Kohl und Kartoffel zu befreien". Er spottet über die "typisch deutsche" Art, das Essen im Restaurant oftmals mit einem Salatblatt und einem Stück Tomate als Garnitur zu servieren. "Da ist nicht mal Vinaigrette dran, was soll das?"

Franzose: "Die Deutschen kleiden sich fürchterlich"

Julika Herzog, die aus Bayern stammende Frau von François Dumas, findet vor allem das Essen auf Festen anstrengend. "Französische Hochzeiten mag ich nicht. Da gibt es nur 'Apéro' bis 22:00 Uhr, dann ist man schon betrunken, weil man nichts Richtiges gegessen und viel Champagner getrunken hat. Um 1:00 Uhr gibt es endlich Nachtisch, und dann soll man noch tanzen", beschreibt sie eine "typisch französische" Feier.

Auch bei der Kleidung halten sich viele Klischees hartnäckig. Zwar gibt es mittlerweile Birkenstock-Läden im schicken Pariser Marais, aber die Sandalen mit Fußbett stehen auch immer noch für "typisch deutsche" Bequemkleidung.

"Die Deutschen kleiden sich fürchterlich, Hauptsache bequem. Überall sieht man diese grässliche Wolfstatze", meint Roland, der seinen Nachnamen nicht nennen will, in Anspielung auf eine bekannte Outdoor-Marke. "Dabei habt Ihr doch Lagerfeld und Schiffer. Aber es sieht immer nach Sport- oder Regenkleidung aus", sagt er lachend.

Sein Mann Achim moniert seinerseits, dass es in Frankreich noch immer einen gewissen Hang zur Bestechlichkeit gebe. "Wenn in der Verwaltung etwas nicht klappt, dann nimmt man eben den halblegalen Weg", sagt er.

Als er einmal mitten im August keinen Zahnarzttermin bekommen habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich an seinen Schwager zu wenden, erzählt er. "Der hat dann jemanden angerufen, den er kannte. So ist das hier, man muss dazugehören, damit es funktioniert".

Deutsch gilt als schwere Sprache

Dann ist da natürlich noch die Sprache. Und da sinkt in Frankreich das Interesse spürbar. Obwohl Deutschland der wichtigste Partner Frankreichs ist, entscheiden sich nur noch etwa 15 Prozent eines Jahrgangs für Deutsch als zweite Fremdsprache, 1995 waren es noch 23 Prozent. In diesem Schuljahr konnten 70 Prozent der Deutschlehrer-Stellen nicht besetzt werden. Weniger Schüler bedeuten weniger Lehrer, es ist eine Abwärtsspirale.

"In Frankreich gilt Deutsch immer noch als schwer", meint Cyprien, der Deutsch an der Elite-Uni Sciences-Po lernt. "Es heißt, wer Deutsch spricht, bekommt einen guten Posten", sagt er. Deshalb sei es eine "typische Elternstrategie", Kinder zum Deutschunterricht zu bewegen - die diese aber nicht unbedingt überzeuge. Cyprien entschied sich aus emotionalen Gründen zum Deutschlernen: "Mich hat die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland dazu gebracht", erzählt er.

Verspätete Züge in Deutschland und Nackte in der Sauna

Wenn deutsch-französische Paare Kinder bekommen, dann fallen die Unterschiede erst richtig auf. "Es gibt keine Osterhasen, sondern Glocken", erklärt Verena von Derschau. "Und auch keinen Laternenumzug zu Sankt Martin und keine Nikolaus-Stiefel - aber wir haben das trotzdem immer gemacht", sagt sie. Sie habe sich inzwischen auch daran gewöhnt, dass die Weihnachtsbäume schon Anfang Dezember aufgestellt werden. "Typisch französische", bunt-blinkende Beleuchtung komme ihr allerdings nicht an den Baum.

Auch der Stundenplan der Kinder sieht je nach Land höchst unterschiedlich aus. "Mir tun die Kinder immer leid, weil sie so wahnsinnig lange Tage haben", meint Julika Herzog. "Sie haben kaum Zeit, einfach daheim zu spielen."

Wenn die Familie dann im Urlaub in Deutschland ist, geht ihrem Mann wiederum einiges auf die Nerven: "In Deutschland kann man oft nicht mit Karte zahlen", bemängelt François Dumas. Außerdem hätten die Züge stets Verspätung. Zudem gingen die Leute nackt in die Sauna - das sei "schockierend".

"Und schließlich muss man am Sonntagabend 'Tatort' gucken, so eine mittelmäßige, langweilige Serie. Das habe ich noch nie verstanden", fügt er mit deutlichem Entsetzen in der Stimme hinzu.

Was wird am 22. Januar gefeiert?

Warum nun - auch mit zahlreichen Veranstaltungen - die deutsch-französische Freundschaft auf politischer Ebene gewürdigt wird: Vor genau 60 Jahren unterzeichneten Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) im Pariser Elysée-Palast den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit. Er gilt als bedeutendster Schritt auf dem Weg zur Aussöhnung der einstigen Kriegsgegner. Heute gelten Frankreich und Deutschland als die wichtigsten Partner in Europa.

Drei Kernbereiche prägen den Vertrag: Die Vertragspartner schrieben einen verbindlichen Konsultationsmechanismus fest, wonach sich Regierungsvertreter beider Staaten in regelmäßigen Abständen treffen sollten. Zudem wurden Absprachen zur Außen-, Europa- und Verteidigungspolitik vereinbart und eine enge Zusammenarbeit in der Kultur- und Jugendpolitik beschlossen. (AFP/af)

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