Nach komplexen mathematischen Methoden zusammengeschaltete Elektronik hat nun Beethovens unvollendete 10. Symphonie "vollendet" - und Menschen haben sie in Bonn spektakulär und werbewirksam uraufgeführt.

Rolf Schwartmann
Eine Kolumne
von Rolf Schwartmann
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Ist das ein schönes Geschenk zum bevorstehenden 251. Geburtstag eines Genies, dessen vollendete Seele ein unvollendetes Werk hinterlassen hat?

Ein Experiment an der Seele Beethovens?

Wissenschaftler haben den Algorithmus so trainiert, dass er die vielen unvollendeten Passagen nach Beethoven-Art ergänzt hat. Das ist nicht nur ein Experiment mit KI, sondern auch mit der Seele eines Verstorbenen.

Das Experiment soll keine Kunst ersetzen und ein Debattenbeitrag zu den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz und ihrem "Zusammenwirken" mit dem Menschen sein. Das ist es zweifellos. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist es aber auch ein postmortaler Übergriff auf eine Persönlichkeit, deren Schöpfungen ihren Tod überlebt haben.

Tote kann man nicht mehr fragen

Franz Kafka war ein sensibler Mensch, der viel geschrieben aber nicht veröffentlicht hat. Weltliteratur wurden seine Werke nach seinem Tod gegen seinen letzten Willen. Was hätte ein Mensch wie er dazu gesagt, wenn nicht ein Mensch, sondern Mathematik und Algorithmik ein von ihm unvollendetes Werk "vollendet" hätte?

Schwer zu glauben, dass es ihm recht gewesen wäre. Zumindest hätte er – ethisch betrachtet – zu Lebzeiten einwilligen müssen. Muss man sich nicht zurückhalten, wenn es an einer Einwilligung fehlt?

Tote haben keine Rechte

Verstorbene sind nicht mehr von dieser Welt und insofern wehrlos und rechtlos. Beethovens Werk ist längst nicht mehr urheberrechtlich geschützt. Hätte er noch Persönlichkeitsrechte, dann wäre die "Vollendung" des Fragments ein massiver Eingriff in diese Rechte.

Beethoven mit KI zum Zombie gemacht

Verdient nicht auch das, was von Beethoven geblieben ist, Schutz davor, dass Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz die Originalität des Schöpfers verfälschen und das "Vollendung" nennen? Zweifellos kann KI ein Segen für die Menschheit sein. Ihr kann man keinen Vorwurf machen.

Wohl aber dem Menschen, wenn er KI ethisch und oder rechtlich fragwürdige Berechnungen vollziehen lässt, die Ergebnisse haben, die für Menschen nicht beherrsch- und korrigierbar sind. Wenn man so will, haben Menschen Beethoven per moderner Technik zum Zombie gemacht. Zugegeben, es gibt immer schlimmere Fälle. Aber bei aller Freude am Experimentieren wirft auch die "Vollendung" der 10. Symphonie Fragen auf.

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