Von
Christian Bartlau
  • Der Wirecard-Skandal zieht in Österreich weite Kreise: Involviert sind Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden und Politiker. Die Verbindungen reichen bis in die Ibiza-Ermittlungen.
  • Ein skandalumwitterter FPÖ-Parlamentarier und ein Ex-Verfassungsschützer sollen Jan Marsalek bei der Flucht geholfen haben.
  • Wirecard-Chef Markus Braun war Berater und Großspender von Bundeskanzler Sebastian Kurz.

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Es gab eine Zeit, da wollte sich Sebastian Kurz mit Wirecard schmücken: Im Frühjahr 2018 bastelte sich Österreichs Bundeskanzler einen eigenen Think Tank für mehr Innovationsgeist im Land. Mit dabei im Expertenbeirat neben Ex-Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon und "Runtastic"-Gründer Florian Gschwandtner: Markus Braun, gebürtiger Wiener und Vorstandschef des damaligen Fin-Tech-Wunderkindes Wirecard. Er sollte eine Art Glaskugel des Kanzlers sein, erklärte die Instituts-Leiterin Antonella Mei-Pochtler Anfang 2020: Braun biete einen "fundierten Blick in die Zukunft".

Eine Einschätzung, die nicht besonders gut gealtert ist. Ein Jahr später sitzt Braun in Untersuchungshaft, der Wirecard-Skandal ist einer der größten Wirtschaftskriminalfälle in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - und entwickelt sich im Nachbarland zur Staatsaffäre, die bis in die Geheimdienste und auf höchste Polit-Ebenen führt und Berührungspunkte zur Causa Ibiza hat.

Wirecard: Marsaleks heikle Verbindungen

Die zentrale Figur ist Jan Marsalek, wie Braun ein gebürtiger Wiener, seit 2010 Vorstandsmitglied bei Wirecard, ein Mann mit vielen Gesichtern und noch mehr zwielichtigen Verbindungen, vor allem in den österreichischen Sicherheitsapparat. Fast 2 Milliarden Euro Bilanzsumme soll er gefälscht, außerdem Millionensummen in die eigene Tasche gewirtschaft haben. Als sein Bluff im Juni 2020 auffliegt, bricht Wirecard zusammen – und Marsalek verschwindet, wahrscheinlich nach Russland.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat Marsaleks Flucht minutiös recherchiert: Am Abend des 18. Juni trifft er sich mit Vertrauten bei einem Italiener in Münchens Innenstadt, rund 24 Stunden später hebt er in einer Cessna Mustang vom Flughafen Bad Vöslau nahe Wien ab. Den Preis, so die "SZ", habe er in bar gezahlt, 8.000 Euro für einen Flug nach Minsk, Marsaleks letzter gesicherter Aufenthaltsort.

Marsalek hatte nach derzeitigem Ermittlungsstand mindestens zwei Fluchthelfer in Österreich: Den Ex-FPÖ-Parlamentarier Thomas S. und Martin W., ehemaliger Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Beide wurden Anfang der Woche festgenommen, beide sind keine Unbekannten, im Gegenteil.

Ein Schlenker nach Ibiza

Martin W. gilt als Autor eines "Enthüllungsberichtes" über seine eigene Behörde, in dem allerlei Gerüchte über Sexpartys und veruntreute Lösegelder gestreut werden. Das Papier kursiert seit 2017, keine Zeitung will es veröffentlichen, zu dünn ist die Suppe. Doch 2018 veranlasst der FPÖ-Innenminister Herbert Kickl auf Grundlage der Vorwürfe eine umstrittene Razzia beim BVT. Befreundete Dienste sind alarmiert und schneiden die österreichischen Kollegen vorsichtshalber von heiklen Informationsflüssen ab.

Für Marsalek soll W. seit Jahren quasi nebenberuflich heikle Jobs erledigt haben, unter anderem als Privat-Schufa: Für Wirecard soll W. die Bonität von Kunden geprüft haben, darunter Internet-Pornoseiten. Die Verbindungen bleiben deutschen Diensten nicht verborgen, dem Generalbundesanwalt liegen nach eigener Auskunft (PDF) Anhaltspunkte vor, dass Marsalek im BVT als V-Mann geführt wird, was Österreichs Innenministerium dementiert.

Klar ist: BVT-Mann Martin W. hat Marsaleks Flucht geplant, Thomas S. das Flugzeug organisiert. S. rückte 2013 überraschend für die FPÖ ins Parlament, weil gleich drei vor ihm gereihte Kandidaten auf ihr Mandat verzichteten. Die Erklärung liefert eine "Profil"-Recherche: Ein Zeuge behauptet, ukrainische Oligarchen hätten zehn Millionen Euro gezahlt, um einen Sitz für S. zu sichern. Was nach Räuberpistole klingt, deckt sich mit dem Material, das Heinz-Christian Straches Bodyguard im Zuge der Ibiza-Affäre hervorbrachte: Ein Foto, aufgenommen im fraglichen Jahr 2013, zeigt eine Tasche voller Bargeld im Kofferraum von Straches Auto.

Wirecard-Managaer Marsalek hatte Kontakte zu Gudenus

Marsalek hat laut "Financial Times" öfter mit seinen Kontakten zu Geheimdiensten geprahlt, im Sommer 2018 zeigte er einigen Personen in London demnach die Formel für das russische Nervengift Novitschok – die aufgedruckten Strichcodes enthüllten die Herkunft der Dokumente: aus Österreich. Dazu passt, dass ein dritter Mann, der dieser Tage in der Wirecard-Affäre festgenommenen wurde, auch er ein Mitarbeiter des BVT, im Verdacht steht, Informationen an Russland weitergegeben zu haben.

Die Verbindungen zwischen seiner Heimat und Russland pflegte Marsalek auch in der "Russisch-Österreichischen Freundschaftsgesellschaft", der er wie auch Markus Braun im Range eines Senators angehörte, weil Wirecard mindestens 10.000 Euro im Jahr an Beiträgen berappte. In der Gesellschaft lernte Marsalek auch Johann Gudenus kennen, den zweiten Mann auf dem Ibiza-Video neben Heinz-Christian Strache. Die Ibiza-Ermittler hegen den Verdacht, dass Marsalek Gudenus über einen Mittelsmann Informationen aus dem BVT durchstach.

Kurz distanziert sich von Braun

Nicht nur die FPÖ, auch die ÖVP von Sebastian Kurz hat Berührungspunkte zum Wirecard-Skandal. Bei einem Essen der "Russisch-Österreichischen Freundschaftsgesellschaft" traf Marsalek in Moskau auch auf den damaligen ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka, heute Nationalratspräsident und Vorsitzender des Ibiza-Untersuchungsausschusses. Auf Nachfrage konnte sich Sobotka nicht an Marsalek erinnern, auch wenn ein Foto zeigt, dass die Beiden am Tisch nebeneinander saßen.

ÖVP-Kanzler Kurz hat sich nach dem Wirecard-Skandal beeilt, möglichst schnell Abstand zwischen sich und Markus Braun zu bringen, der ihm einst half, ins Bundeskanzleramt einzuziehen: Im Wahlkampf 2017 spendete Braun in zwei Tranchen insgesamt 70.000 Euro für Kurz, kurz danach wurde er in den Think Tank des Kanzlers berufen. Als Braun im Sommer 2020 in Untersuchungshaft kam, hieß es nur knapp: "Seit es die neue Regierung gibt [also seit Januar 2020, Anm. des Autors], ist Herr Braun nicht mehr im Thinktank eingebunden." Es ist nicht mehr die Zeit, sich mit Wirecard zu schmücken.

Lesen Sie auch: Größenwahn des Ex-Chefs Markus Braun: Wirecard wollte Deutsche Bank übernehmen

Verwendete Quellen:

  • Anfrage des Linkspartei-Abgeordneten Fabio de Masi
  • Pressemitteilung Bundesministerium für Inneres: Marsalek keine Vertrauensperson des BVT (30.10.2020)
  • Der Standard (28.01.2021): Staatsschützer soll Staatsgeheimnisse verkauft haben.
  • Süddeutsche Zeitung (30.09.2020): Liebesgrüße aus Bad Vöslau.
  • ft.com: From payments to armaments: the double life of Wirecard's Jan Marsalek
  • news.at: Wirecard-Skandal - Markus Braun in Österreich gut vernetzt
  • profil.at: Parteienfinanzierung – Der Fall des Ex-FPÖ-Abgeordneten Thomas Schellenbacher
  • standard.at: Think Austria: Zweiter Anlauf der Kurz'schen Denkfabrik
  • standard.at: Spione, Sexpartys, Neonazis – ein persönlicher Rückblick auf die BVT-Affäre
  • standard.at: Strache empfing Ex-Wirecard-Manager Marsalek Ende 2017 zu Gespräch