Hass im Netz: Was kann man dagegen tun?

Der Ton im Netz wird stetig rauer – verbale Attacken und Anfeindungen, "Hate Speech" genannt, mehren sich. Sie richten sich häufig gegen politisch Andersdenkende oder Personen des öffentlichen Lebens. Im Extremfall wird sogar zu Gewalt aufgerufen.
Hasserfüllte Posts, beleidigende Bilder, rassistische Sprüche bis hin zu konkreten Gewaltandrohungen in Internetforen: Einer aktuellen Studie zufolge ist ein Viertel der deutschen Internetnutzerinnen und Nutzer schon auf Hassrede im Netz gestoßen bzw. wurde selbst Opfer davon.

In Summe ist diese Bilanz doch recht erschreckend.

Wer ist von Hate Speech betroffen?

Zielscheibe von Hassrede sind neben Personen, die ihre Meinung oder gesellschaftspolitische Weltanschauung publik machen, besonders häufig Personen des öffentlichen Lebens:

Profisportler etwas trifft es immer wieder hart: So gibt es z. B. in der Fußball-Bundesliga einige Fälle, wo Spieler rassistisch beleidigt wurden. Im Extremfall werden sogar deren Familien angefeindet. Der DFB und die Staatsanwaltschaft gehen nun aktiv dagegen vor und haben laut aktueller Meldung des Redaktionsnetzwerks Deutschland 45 Verfahren wegen Hate Speech eingeleitet.

Auch Politikerinnen und Politiker erleben Hass nicht mehr "nur" live und in Farbe durch physische Übergriffe – so wie etwa im aktuellen Europawahlkampf bereits mehrfach geschehen –, sondern auch über verschiedene Kanäle im Internet. Also im schlimmsten Fall 24 Stunden am Tag.

Und auch, wer es schafft, die Verbalattacken von sich zu schieben: Die Einschüchterungsversuche, ob analog oder digital, sind und bleiben echter Psychoterror.

Wird Publizieren für Journalisten mehr und mehr zur Mutprobe?

Auch Journalistinnen und Journalisten werden für ihre Beiträge bedroht und beschimpft. "Publizieren wird zur Mutprobe" – dies zeigte bereits 2017 die gleichnamige Studie des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

Seitdem ist dieser Trend ungebrochen und dürfte sich auch durch die Corona-Pandemie, sich ausbreitende Verschwörungstheorien und einen erstarkenden politischen Extremismus verschärft haben.

Anonymität senkt die Hemmschwelle

Konstruktive Kritik und ein respektvoller Umgang, so scheint es, ist vielen Menschen abhandengekommen. Ein normaler sachlicher Diskurs ist an vielen Stellen nicht mehr möglich.

Besonders durch die im Netz herrschende Anonymität ist die Hemmschwelle niedriger, verletzende Beiträge zu veröffentlichen. Im realen Leben hingegen werden entsprechende radikale Äußerungen in der Regel vermutlich weniger offen bzw. weniger häufig ausgesprochen. Zu groß die Gefahr, rechtlich dafür belangt zu werden oder gar selbst Opfer eines Gegenangriffs zu werden.

Das Internet bietet also (wie bei Cybermobbing auch) perfekte Voraussetzungen für Menschen, die ihre Aversionen und Feindseligkeit gegen jegliche Andersartigkeit oder eine andere Weltsicht "ausleben" möchten – und dabei unerkannt bleiben wollen.

Und die Spanne an verbalen Anfeindungen ist groß: Vom Fäkal-Emoji über bösartige Verleumdungen bis hin zu Morddrohungen kennt Hate Speech keine Grenzen.

Welches Ziel haben Hater?

Vielen Hatern geht es nicht nur darum situativ "Dampf abzulassen". In Zeiten von Fake News, Verschwörungsmythen und KI-manipulierten Bildern erfolgen die Angriffe häufig auch ganz gezielt.
Sie reichen – wie eben schon erwähnt – von rassistischen Sprüchen bis hin zu Todesdrohungen. Das Ziel der "Hater", also jener Menschen, die ihre Wut im Netz auslassen, ist es, ihre Hassobjekte und Gegner systematisch
  • herabzuwürdigen
  • einzuschüchtern
  • mundtot zu machen

Hass im Netz bedroht demokratischen Diskurs

Effektiv versuchen Haterinnen und Hater mit ihrem aggressiven Vorgehen, demokratische und konstruktive Diskurse zu ersticken. Laut der Studie "Lauter Hass – leiser Rückzug"  bekennt sich mittlerweile mehr als die Hälfte der Befragten im Internet seltener zu ihrer eigenen politischen Meinung und beteiligt sich auch weniger oft an Diskussionen.

Die Verrohung im Netz birgt also ein großes Gefahrenpotenzial für unsere Demokratie. Denn wenn sich immer mehr Menschen aus Angst zurückziehen, leidet auch die Meinungsvielfalt.

Hate Speech – oft unterschwellige Meinungsmache

Nicht jeder Beitrag, der negative Aussagen oder Kritikpunkte beinhaltet, ist direkt als Hate Speech erkennbar. Häufig handelt es sich um subtile Meinungsmache.

Es ist sogar teilweise schwierig, das Ganze klar von schwarzem Humor oder Ironie abzugrenzen – denn nicht selten wird Hassrede als z. B. harmloses Meme (etwa in Form eines lustigen Bilds oder Videos) getarnt – entpuppt sich aber bei genauerem Hinsehen dann doch als radikale Hetze.

Kinder und Jugendliche sind ebenfalls von Hassrede betroffen

Auch Kinder und Jugendliche sind täglich mit Hate Speech im Netz konfrontiert. Im Schnitt kommen sie öfters damit in Berührung als Senioren. Die eingangs genannte Studie des Statistischen Bundesamts weist darauf hin, dass dies natürlich auch daran liege, dass die jüngeren Generationen häufiger auf Social Media unterwegs ist und dadurch auch mehr mit den negativen Seiten des Internets konfrontiert wird.

Und im schlimmsten Fall auch selbst Opfer von Hate Speech werden:

Worte wie Nadelstiche

Kindheit und besonders die Pubertät sind besonders wichtige Lebensphasen zur persönlichen Identitätsfindung und müssen daher vor Hassattacken, Cybermobbing und anderen Auswüchsen geschützt werden. Verletzende Worte und gezielte Hassattacken schüren Angst – auch vor möglichen realen Übergriffen im echten Leben.

Sind Cybermobbing und Hate Speech das Gleiche?

Beide Tatbestände umfassen verachtendes und abwertendes Verhalten im Internet – mit dem Ziel, den Opfern zu schaden. Jedoch gibt es dabei einen Unterschied: Hate Speech zielt häufig eher auf Angehörige bestimmter Personengruppen. Es herrscht meist keine direkte Verbindung zwischen Hatern und Opfern.

Indes ist bei Cybermobbing oft eine Beziehung zwischen Täter/in und dem einzelnen Opfer im analogen und digitalen Leben vorhanden.

Kinder und Jugendliche als Mitläufer

Auch nicht zu unterschätzen: Speziell Kinder und Jugendliche sind potenziell anfälliger, durch Gruppendynamik in Hate-Speech-Aktionen mit hineingezogen zu werden. Sie lassen sich leichter beeinflussen und können auch die möglichen Konsequenzen ihres Handelns noch nicht richtig einschätzen.

Äußert z. B. eine beliebte Influencerin ihre Abneigung gegen eine Personengruppe, schließen sich ihre euphorischen Follower möglicherweise unreflektiert mit bösartigen Kommentaren und Zuspruch via Like-Button an.

Definition von Hate Speech

Es gibt keine offizielle Definition der Hassrede. Jedoch gibt es bestimmte Punkte, anhand derer sich Hate Speech charakterisieren lässt:
  • (Bild-)Sprache wird als Waffe eingesetzt, um Menschen verbal anzugreifen und soll ihnen ihren Wert absprechen. Die Menschenwürde wird missachtet.
  • Es werden diskriminierende Aussagen gemacht.
  • Die verbalen Attacken werden häufig nur subtil angedeutet – z. B. durch scheinbar humoristische Äußerungen. Oft werden sie aber auch sehr eindeutig kommuniziert.
  • In einigen Fällen wird zu Gewalt gegenüber den Betroffenen aufgerufen.

Motive von Hate Speech

Hate Speech wird immer häufiger genutzt, um menschenfeindliche und antidemokratische Botschaften zu verbreiten – und zielt dabei auf Personengruppen mit spezifischen Attributen ab. Die Ursache von Hate Speech ist häufig:
  • Rassismus
  • Hass gegen Religionen oder politische Weltanschauungen
  • Homo-/Transphobie
  • Behindertenfeindlichkeit
  • Sexismus
Dabei werden oftmals auch diejenigen, die jene Personengruppen in Schutz nehmen oder für deren Rechte einstehen, Ziel von Hassrede.

Merkmale von Hate Speech

Typisch für Hassrede sind:
  • Verallgemeinerungen
  • Stereotypisierungen
  • Abstruse Gleichsetzungen, z. B.: Homosexualität = Pädophilie
  • "Wir"/"die"-Sprache zur Abgrenzung

Richtig auf Hassrede reagieren

Es ist unabdingbar, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und sich und andere dafür zu sensibilisieren. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen muss verstärkt Aufklärung geleistet und gezeigt werden, wie man fair miteinander umgeht und kommuniziert. Im echten wie im digitalen Leben.
Aber welche konkreten Möglichkeiten gibt es, mit Hate Speech umzugehen?

1. Anzeige erstatten

Hate Speech ist kein festgelegter Begriff, der juristisch definiert ist. Jedoch gibt es Paragrafen im Strafgesetzbuch, um gegen Hetze vorzugehen. Unter bestimmten Bedingungen kann Hate Speech also auch strafrechtlich verfolgt werden, z. B. wenn Gewaltaufrufe oder Drohungen enthalten sind oder der Straftatbestand der Volksverhetzung gegeben ist. In solchen Fällen können Sie Hate Speech (auch anonym) bei der Polizei anzeigen. Je nach Bundesland auch online bei der Internetwache.
 
Anmerkung: Hierbei ist es sinnvoll, die diskriminierenden Posts mit Screenshots zu dokumentieren. Wichtig sind Infos über die Webseite, Datum und Uhrzeit, und vor allem die URL des Profils und Posts.

2. Dem Online-Dienst/Netzwerk melden

Bei den meisten Social-Media-Plattformen können Sie entsprechende Inhalte direkt und unkompliziert melden – das erfordert lediglich ein paar Klicks. Und seit 2022 sind die Betreiberinnen und Betreiber der sozialen Netzwerke dazu verpflichtet, nicht nur die gemeldeten Hassdelikte binnen 24 Stunden zu löschen, sondern sie auch an das Bundeskriminalamt weiterzuleiten. Sie selbst haben zusätzlich auch noch die Möglichkeit, solche Inhalte hier zu melden.

3.  Mit Gegenrede neue Perspektiven eröffnen

Mit der sogenannten Counter Speech ergreifen Sie aktiv das Wort gegen Hass und Hetze im Netz. Dabei sollten Sie jedoch Vorsicht bei der Wortwahl walten lassen: Auf Hass mit Hass zu reagieren, ist wie Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Stattdessen sollten Sie mit sachlichen Argumenten kontern und Ihre Beiträge in sachlichem bzw. neutralem Ton formulieren, damit für Diskriminierung kein Platz bleibt.

Dabei geht es nicht unbedingt darum, die Haterinnen und Hater umzustimmen – dies wird Ihnen vermutlich auch nicht gelingen. Vielmehr geht es geht darum, das Ganze auf eine sachliche Basis zu stellen und gegebenenfalls Fürsprecher zu finden.

Ebenfalls wichtig: Indem Sie sich sachlich einmischen, zeigen Sie den Betroffenen, dass sie nicht allein sind. Solidarität und Empathie sind hier das Stichwort.

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2023/12/PD23_470_63.html Stand: 15.05.2024
https://www.focus.de/sport/hate-speech-im-internet-halt-besser-dein-unqualifiziertes-maul-sane-und-mueller-wehren-sich_id_194563127.html  Stand: 15.05.2024
https://www.rnd.de/panorama/dfb-und-staatsanwaltschaft-leiten-45-verfahren-wegen-hass-im-netz-ein-56JO7343X5MUHD6SUIRSJ53VNE.html Stand: 15.05.2024
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/matthias-ecke-spd-spitzenkandidat-absolviert-ersten-oeffentlichen-auftritt-nach-pruegel-attacke-a-a35c1d18-e296-498c-8c76-0d677e4cbb8b Stand: 15.05.2024
https://www.vielfalt-mediathek.de/material/hass-im-netz/leitfaden-fuer-journalist_innen-im-umgang-mit-hate-speech-im-netz Stand: 15.05.2024
https://www1.wdr.de/nachrichten/studie-hass-im-netz-demokratie-100.html Stand: 15.05.2024
https://www.das-nettz.de/publikationen/forsa-befragung-hate-speech-2020 Stand: 15.05.2024
https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/studie-mehr-menschen-von-hassrede-im-internet-betroffen-als-noch-vor-zwei-jahren-2022-08-29 Stand: 15.05. 2024
https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__130.html Stand: 15.05.2024
 
 
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