Im Dezember 2022 fragte der im US-Bundesstaat Massachusetts ansässige Senator Ed Markey von der Demokratischen Partei bei 20 Autoherstellern an, ob sie bei den Radios ihrer Autos planen, die Möglichkeit zu kostenlosem Mittelwellen-Empfang einzustellen. Die Anfrage umfasste explizit auch die Elektroauto-Modelle der entsprechenden Hersteller. Hintergrund der Anfrage ist, dass der US-Rundfunk-Wirtschaftsverband National Association of Broadcasters (NBA) Mittelwellen-Empfang als das Rückgrat des US-Notfallwarnsystems bezeichnet.

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Langwelle (LW), Mittelwelle (MW/AM), Kurzwelle (KW) und Ultrakurzwelle (UKW): Diese Tasten fanden sich zu Zeiten analogen Radioempfangs auf den meisten Empfangsgeräten. Während in Europa viele Menschen ihre Sender über UKW gehört haben, spielt in den USA mit den viel größeren Distanzen zwischen den einzelnen Sendern Mittelwelle bei Autofahrern bis heute noch eine Rolle. Als Mittelwelle (MW oder auch AM für "Amplitudenmodulation") bezeichnet man elektromagnetische Wellen im Frequenzbereich zwischen 300 und 3.000 Kilohertz, die Wellenlänge beträgt zwischen 1.000 und 100 Meter.

Acht Hersteller wollen raus aus der Mittelwelle

Von den 20 von Ed Markey befragten Autoherstellern antworteten acht, dass sie tatsächlich planen, in ihren Autos keine Möglichkeit mehr zum AM-Empfang anzubieten. Diese acht Autohersteller waren BMW, Ford, Mazda, Polestar, Rivian, Tesla, Volkswagen und Volvo. Zehn Autohersteller wollen weiterhin den Zugang zu Mittelwellen-Empfang ermöglichen. Das sind: Honda, Hyundai, Jaguar/Land Rover, Kia, Lucid, Mitsubishi, Nissan, Stellantis, Subaru und Toyota. Mercedes und GM haben nicht direkt geantwortet, sondern auf ein Statement der Lobbygruppe Alliance for Automotive Innovation verwiesen (AAI). Die Lobbyisten behaupten, dass Mittelwellen-Empfang seine Leistungsfähigkeit verloren hätte – deshalb sei AM nicht mehr relevant. Damit sind Mercedes und GM Teil des Anti-Mittelwelle-Lagers, womit jeweils 50 Prozent der befragten Hersteller für oder gegen einen künftigen Mittelwellen-Empfang sind.

Von den Antworten der Autohersteller alarmiert, hat sich Senator Markey im Mai 2023 mit seinem Senator-Kollegen Ted Cruz von den Republikanern aus Florida zusammengetan und den "AM Radio for Every Vehicle Act" vorgeschlagen. Das noch nicht beschlossene Gesetz schreibt Autoherstellern vor, Technik zum kostenlosen Empfang von Mittelwellen-Frequenzen in jedes Neufahrzeug einzubauen – auch in Elektroautos. Hersteller von Elektroautos geben nämlich zu bedenken, dass der elektrische Antriebsstrang den Mittelwellen-Empfang störe, und dass es schwierig sei, diese Störungen zu umgehen. Zudem betont die AAI, dass eine Warnung der Bevölkerung vor Notfällen auch auf andere Weise möglich sei.

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Ford behält Mittelwelle nun doch

Ford verlässt sich allerdings nicht auf die Lobbyarbeit von AAI und hat seine Entscheidung zurückgenommen, AM-Empfang aus seinen Autos zu verbannen – schließlich hat sich inzwischen der Handels-, Wissenschafts- und Transportausschuss des US-Senats für eine Verabschiedung des Mittelwellen-Gesetzes ausgesprochen. Ted Cruz begründet seine Zustimmung mit dringenden Hinweisen von FEMA-Agenten, dass Mittelwellen-Empfang als wichtiges Notfall-Kommunikationsmittel unverzichtbar sei. FEMA steht mit Federal Emergency Management Agency für die nationale Koordinationsstelle der Vereinigten Staaten für Katastrophenhilfe – sie ist dem United States Department of Homeland Security unterstellt. Außerdem begrüßt Cruz den AM Radio for Every Vehicle Act, weil er davon ausgeht, dass besonders viele konservative Amerikaner Mittelwellen-Radio schätzen. Die Unterstützung für diese klassische Art der Nachrichten-Übertragung geht allerdings über die Parteigrenzen hinweg: Im Repräsentantenhaus sollen sich bereits 68 demokratische und 70 republikanische Senatoren für das Gesetz ausgesprochen haben.

Mittelwelle für die Landbevölkerung

Die demokratische Senatorin Amy Klobuchar aus dem US-Bundesstaat Minnesota sieht in der Initiative eine Chance, Mittelwellen-Radio wieder zu stärken. Sie betont, dass von den 4.000 in den USA aktiven AM-Radiostationen 1.500 Nachrichten, Wetter- und Sportinformationen sowie Musik für Landwirte und Viehzüchter senden. Insgesamt gibt es in den USA aktuell mehr als 15.445 lizenzierte Radiosender. Bei 331,9 Millionen Einwohnern gibt es also 21.489 Einwohner pro Sender. Zum Vergleich: In Deutschland mit seinen 83,2 Millionen Einwohnern senden 464 Radiostationen – macht 179.310 Einwohner pro Sender. Radio ist in den USA also sehr populär. Senatorin Amy Klobuchar sieht allerdings aktuell die Übertragung per Mittelwelle auf dem Prüfstand – mit dem neuen Gesetz möchte sie die AM-Sendungen für die Landbevölkerung retten und somit einen Beitrag zum Schutz der ländlichen Gemeinschaften leisten.

Eine Abstimmung zum AM Radio for Every Vehicle Act im US-Senat ist für September 2023 geplant.  © auto motor und sport

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