"Germany's next Topmodel" verkörpert ein Schönheitsideal, das Schlankheit in den Fokus rückt. Vor allem junge Mädchen lassen sich davon stark beeinflussen, wie eine Untersuchung zeigt. Diplom-Psychologe Andreas Schnebel, Sprecher des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE), erklärt, warum die Sendung vor allem für Teenager bedenklich ist.

"Germany’s next Topmodel" gehört bei jungen Mädchen zu den beliebtesten TV-Shows. Darin zu sehen: Superschlanke Teenager, an deren Körpern sowohl die Mädchen selbst, ihre Konkurrentinnen als auch die Juroren um Heidi Klum gnadenlos auch das kleinste Fettpölsterchen identifizieren.

Dass das gefährlich ist, war bisher nur eine Vermutung. Eine Untersuchung des Forschungsinstituts IZI mit Unterstützung des Bundesfachverbandes Essstörungen hat vor kurzem gezeigt: GNTM fördert Magersucht und Bulimie wie keine andere Sendung im deutschen Fernsehen. Zwei Drittel der 241 befragten Menschen mit Essstörungen - vornehmlich Mädchen und junge Frauen - gaben an, dass GNTM ihre Krankheit beeinflusst habe. Die Hälfte davon räumte der Sendung sogar einen "sehr starken Einfluss" ein.

Herr Schnebel, 39 Prozent der Befragten in der IZI-Studie gaben an, ihre Essstörung sei von "Germany's next Topmodel" besonders beeinflusst worden. Würden Sie die Sendung als gefährlich bezeichnen?

Andreas Schnebel: Die Sendung ist sicher gefährlich. Das ohnehin schon problematische Körperbild, das viele Mädchen heutzutage haben, wird noch verstärkt: Mädchen und Frauen können demnach gar nicht dünn genug sein. Es wird die Illusion vermittelt, dass man den Wunschkörper bekommt, wenn nur genügend Sport gemacht wird und man sich entsprechend ernährt. Dass auch Körperbau und Gene eine Rolle spielen, wird dabei außer Acht gelassen.

Kann GNTM eine Essstörung auslösen oder verstärkt es lediglich die Tendenz dazu?

Nach der Untersuchung kann man schon sagen, dass die Entwicklung von Essstörungen durch die Sendung begünstigt wird. Man kann aber nicht sagen, dass sie schuld an Essstörungen ist.

Bei jedem dritten Mädchen zwischen elf und 17 Jahren gibt es Hinweise auf Essstörungen. Ist diese Altersgruppe also besonders gefährdet?

Ja, klar. Das hat auch mit der Pubertät zu tun, in der man stark verunsichert und gleichzeitig immer auf der Suche nach etwas ist, an dem man sich orientieren kann. Genau das bedient ja diese Sendung. Gerade diese Altersgruppe sieht die Sendung besonders gern - und häufig gucken auch die kleinen Schwestern schon mit.

Wie sollten Eltern darauf reagieren?

Es ist nicht sinnvoll, wenn Eltern ihren Kindern verbieten, die Sendung zu sehen. Es wäre aber wichtig, dass man gemeinsam guckt oder die größeren Geschwister mitschauen. Sicher nicht so gut ist, wenn man mehrere zwölf- bis 14-Jährige in ihrer Altersrunde alleine gucken lässt.

Sollten Eltern während der Sendung die darin gezeigten Schönheitsideale entkräften?

Das ist sehr schwierig, weil es bei solchen Themen Generationenunterschiede gibt. Wenn Eltern dabeisitzen und nur herumschimpfen, was das für eine blöde Sendung ist, die blöde Ideale vermittelt, dann werden sie damit nicht viel Erfolg haben. Es ist wesentlich besser, einfach dabei zu sein und übertriebene Verhaltensweisen kritisch zu bewerten. Der Traum, Model zu werden, sitzt bei vielen Mädchen tief. Und in der Sendung wird vorgegaukelt, dass das klappt, wenn man alles so macht, wie es Heidi Klum empfiehlt.

Der Sender ProSieben weist die Kritik, die infolge der IZI-Studie entstanden ist, zurück. Das Format sei "ein klarer Appell, sich gesund zu ernähren und Sport zu machen".

Die Reaktion von ProSieben ist wirklich perfide. Ein Psychiatrieprofessor hatte in der "Bild"-Zeitung "Germany's next Topmodel" als "mörderische Sendung" bezeichnet. Das ist sicher übertrieben. Doch ProSieben hat auf die zum Teil sehr berechtigten Vorwürfe des Kollegen sehr arrogant reagiert und dessen Töchtern Freikarten für die Show angeboten. Das ist absolut stillos.

In der Sendung werden des Öfteren demonstrativ Döner und andere kalorienreiche Dinge verspeist. Zeigt das ebenfalls Wirkung auf jüngere Zuschauer?

Das hat sicher eine eher positive Wirkung. Wobei das natürlich auch eine Alibi-Geschichte ist – nicht nur in dieser Sendung: Auch in Interviews behaupten Schauspielerinnen und Models ja immer, dass sie viel Süßes oder Ungesundes essen. Das machen sie vielleicht ab und zu, aber bestimmt nicht ständig - sonst wären sie ja nicht so dünn.

Mit solchen Aussagen nimmt man Mager-Kritik den Wind aus den Segeln.

Ja, das hat auch ProSieben getan. Der Sender hat ja gesagt, er würde in der Sendung für eine gesunde Ernährung und Sport plädieren. Dabei wird außer Acht gelassen, dass gerade zu Magersucht auch extremes Sportverhalten gehört. Das hat dann nur noch wenig mit Freude zu tun, sondern es geht nur darum, Kalorien abzubauen.

Herr Schnebel, vielen Dank für das Gespräch.

Diplom-Psychologe Andreas Schnebel ist Sprecher des Bundesfachverbandes Essstörungen und Leiter der Beratungsstelle ANAD e.V. in München.