• Juckende Augen, triefende Nase, Atemwegsprobleme: Laut der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann werden in Zukunft immer mehr Menschen unter Pollenallergien leiden.
  • Im Interview erklärt sie, wie sich Heuschnupfen und Co. verhindern lassen und wieso der Klimawandel ein entscheidender Faktor für die Verbreitung von Allergien ist.
Ein Interview

Frau Traidl-Hoffmann, wieso reagieren manche Menschen allergisch auf umherfliegende Pollen?

Claudia Traidl-Hoffmann: Diese Frage stellen sich Forscherinnen und Forscher immer noch. Sie lässt sich nämlich bisher nicht eindeutig beantworten. Was wir bisher wissen: Das Immunsystem vertut sich, wenn Menschen allergisch reagieren. Es sieht Pollen als Gefahr und reagiert dementsprechend mit einer Abwehrreaktion. Und dabei täuscht sich das Immunsystem nicht nur, sondern reagiert auch falsch. Allergien sind ein Toleranzverlust gegenüber Umweltfaktoren, denn die normale Reaktion wäre eine Toleranz. Fast die Hälfte der 20- bis 30-Jährigen reagiert allergisch auf Pollen. Bei den Allergien kommen viele Faktoren zusammen. Umweltfaktoren machen einen Großteil aus: Durch Umweltverschmutzung wird die Haut "undicht" und ermöglicht es dem Immunsystem dadurch erst, mit Pollen in Kontakt zu kommen.

Lässt sich dementsprechend schlussfolgern, dass immer mehr Menschen eine Pollenallergie entwickeln?

Ja, wir erwarten, dass immer mehr Menschen allergisch reagieren. Der Grund: Es gibt eine Zunahme der Hautkrankheit Neurodermitis. An Neurodermitis erkrankt man bereits im Kindesalter. Zu den Symptomen zählen starker Juckreiz und Barriereschäden der Haut. Die Erkrankung gilt als Türöffner für allergische Reaktionen auf Pollen.

Sie haben erklärt, dass vor allem Umweltfaktoren zu allergischen Reaktionen beitragen. Erhöht sich das Risiko einer Pollenallergie durch den Klimawandel?

Absolut! Der Klimawandel trägt nicht nur zu mehr Pollenallergien bei, sondern verschlechtert auch die Symptome. Durch ihn kommt es zu längeren Pollenflugzeiten, mehr Pollen pro Tag und die Pollen selbst werden auch aggressiver. Umweltverschmutzung führt zu Veränderungen des Ökosystems. Außerdem verbreiten sich neue Allergene in Europa, zum Beispiel Ambrosia, das Beifußblättrige Traubenkraut.

Bei vielen Menschen entwickeln sich Allergien im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Weshalb in diesem Alter?

Wenn 20- bis 30-Jährige Pollenallergien entwickeln, sind die Weichen dafür schon viel früher gestellt worden. Wir haben einen Durchschnitt der Augsburger Population gemacht und dabei festgestellt, dass ältere Menschen über 70 Jahren weniger Allergien haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass Allergien im Alter zurückgehen. Stattdessen hatten Menschen, die mittlerweile über 70 Jahre alt sind, damals andere Umweltbedingungen. Bedingungen, die zum Teil sogar noch vor Allergien geschützt haben.

Und heute?

Bei Kindern, die jetzt geboren werden, führen die Umweltbedingungen dazu, dass sie bereits ab 13 oder 14 Jahren – der Großteil mit Anfang 20 – Allergien entwickeln. Am Anfang steht immer die Barrierestörung der Lunge und der Haut, die durch genetische Veranlagung und vor allem Umweltfaktoren entstehen. Bei den 20- bis 30-Jährigen, die nun Allergien entwickeln, spielten also die Umweltbedingungen auch schon eine große Rolle.

Heißt das im Umkehrschluss, dass Menschen über 30 Jahren aus dem Schneider sind?

Nein, ganz und gar nicht. Wegen der Umweltbedingungen kommt es vor, dass auch 50- oder 60-Jährige noch Allergien entwickeln. Dabei spielen auch Lebensbedingungen und Lebensstilfaktoren eine Rolle.

Können wir durch einen entsprechenden Lebensstil verhindern, eine Allergie zu bekommen?

Genau das ist unser Ziel: Wir wollen eine Primär-Prävention betreiben, sodass Menschen gar nicht erst Allergien entwickeln. Einige unterstützende Maßnahmen haben wir bereits entwickelt. Zum Beispiel ist es entscheidend, Kinder mit Neurodermitis schnell und effektiv zu therapieren. Wenn wir das tun, können wir tatsächlich verhindern, dass sie später Allergien entwickeln. Auch durch eine sehr diverse Ernährung im ersten Lebensjahr lassen sich Allergien vorbeugen. Unsere Bestrebungen als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich der Allergologie sind, zu verstehen, wie wir Allergien verhindern und das Immunsystem in die richtige Richtung bewegen können. Bislang wissen wir, dass das erste Jahr das entscheidende ist, in dem sich die Weichen stellen.

Folglich können Eltern Allergien ihrer Kinder gezielt vorbeugen?

Ja. Ein erster Schritt ist, während der Schwangerschaft nicht zu rauchen und zu versuchen, möglichst wenig Stress ausgesetzt zu sein. Auch die Ernährung ist wichtig: Sie sollte möglichst frei von Schadstoffen sein. Also lieber einen Fisch aus der regionalen Fischzucht ums Eck genießen als belasteten Fisch. Wenn möglich, sollten Mütter ihre Babys die ersten drei Monate nach der Geburt stillen und danach ausgewogen und nährstoffdeckend ernähren. Um die Hautbarriere zu stärken, sollten Eltern ihre Kinder regelmäßig eincremen. Mehr dazu ist in unserer Leitlinie zu finden.

Wer unter einer Pollenallergie leidet, greift womöglich auch zu Medikamenten. Außerdem können Betroffene eine spezifische Immuntherapie (SIT) machen. Wie weit ist die Forschung bislang? Gibt es bald neue Möglichkeiten?

Ich empfehle jeder Patientin und jedem Patienten, sich ärztliche Hilfe zu holen und sich diagnostizieren zu lassen: Welche Allergien liegen vor? Für ganz viele kommt eine spezifische Immuntherapie infrage. Durch sie lassen sich Allergien heilen. Zunächst ist es aber wichtig, Symptome durch einen Facharzt abklären zu lassen. Bei einer unserer Studien zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten ihre Allergien bagatellisieren – Männer mehr als Frauen. Es ist dramatisch, wenn Menschen die Anzeichen nicht ernst nehmen.

Warum?

Die Aussage "Ist doch nur eine Allergie" ist schlichtweg falsch, denn Allergien können sogar tödlich verlaufen. Selten – aber es kommt vor. In Europa kosten uns Allergien 151 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind sozioökonomische Kosten: Menschen, die stark betroffen sind, können nämlich in Pollenflugzeiten gar nicht arbeiten. Es ist wichtig, Allergikerinnen und Allergiker zu behandeln. Das gilt genauso für Kinder, die bereits unter Einschränkungen durch ihre Allergien leiden.

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Eine spezifische Immuntherapie dauert drei Jahre. Gibt es denn keine schnellere Methode?

Die spezifische Immuntherapie ist eine Art von Impfung – wobei man eine Impfung ja schon vor Ausbruch einer Krankheit verabreicht. Aber daran wird bereits geforscht: Impfungen, die verhindern, dass man überhaupt eine Allergie bekommt. Bis dahin versuchen wir, Allergien durch Prävention und Aufklärung vorzubeugen.

Zur Expertin: Univ.-Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann leitet die Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und das Institut für Umweltmedizin (IEM) bei Helmholtz Munich. Die Umweltmedizinerin beschäftigt sich mit Grundlagenforschung und translationalen Forschung zur Umwelt-Mensch-Interaktion mit dem Schwerpunkt auf allergischen Erkrankungen und den Folgen des Klimawandels.

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