• Der Rücktritt von Bundesministerin Anne Spiegel (Grüne) hat eine Debatte über private Belastungen von Politikern losgetreten.
  • Der Umgang der Ministerin mit der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz hatte zuvor für massive Kritik gesorgt. Dass Spiegel mit ihrer Familie in den Urlaub gefahren war, begründete sie nun mit privaten Details.
  • Psychologe René Paasch erklärt im Interview, was man aus dem Fall Spiegel lernen kann und sollte.
Ein Interview

Anne Spiegel hat am Montag (11.4.2022) ihren Rücktritt als Bundesfamilienministerin erklärt, Hintergrund ist ihr Umgang mit der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz im Sommer 2021. Sie begründete ihre Entscheidung, damals in den Urlaub gefahren zu sein, mit der Krankheit ihres Mannes und Spuren der Corona-Pandemie bei ihren vier Kindern. Damit hat Spiegel ihre Prioritäten neu geordnet. Warum ist das überhaupt wichtig?

René Paasch: Wir sind als Gesellschaft in eine Situation geraten, die wenig mit uns als Individuum zu tun hat, und zu viel mit Leistungsoptimierung. Wir haben alle sehr früh gelernt, dass von uns Multitasking-Fähigkeit erwartet wird. Das kann aber schnell zu Überforderung, gedanklicher Eingenommenheit bis hin zu einem Burn-out führen. Man sollte nur die Dinge tun, die man wirklich leisten kann. Prioritäten zu setzen heißt deshalb, zu fragen: Kann ich meine Vorstellungen und Wünsche umsetzen? Das wird allerdings schwieriger, je mehr man als Objekt gesehen und somit fremdgesteuert wird. Das Unterdrücken des inneren Kompasses führt dann dazu, dass Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zeigte sich bewegt vom Rücktritt und sagte: "Anne Spiegel ist durch eine extrem harte, persönlich unglaublich schwere Zeit gegangen." Sie sprach von einer "Mahnung für uns alle in der Politik." Woran merkt man, dass man seine Prioritäten falsch gesetzt hat?

Ein Warnsignal ist, wenn man sich nicht mehr wohlfühlt und destruktiv-gedanklich in einer Spirale kreist. Dabei spielen Sinnfragen eine tragende Rolle: Mache ich noch das, was ich überhaupt möchte? Tue ich nur Dinge für andere, oder auch für mich? Kann ich mich als Person ausreichend einbringen? Erhalte ich Wertschätzung und pflege ich positive Beziehungen? Viele Menschen gehen zur Arbeit, um Geld zu verdienen – und nicht, weil sie eine Leidenschaft für die Tätigkeit haben. Wenn man aber sehr viel Energie braucht, um eine Arbeit überhaupt leisten zu können, brennt man viel schneller aus.

Spiegel war bereits Familienministerin in Rheinland-Pfalz, als sie im Januar 2021 zusätzlich Umweltministerin wurde. Das scheint zu viel gewesen zu sein. Wie hätte sie richtig Prioritäten setzen können?

Es ist allgemein wichtig, bei Entscheidungen viele Perspektiven einzunehmen: Was bedeutet sie für Partnerschaft, Familie, Beruf und Freizeit? Man sollte sich auch fortlaufend immer wieder fragen: Fühlt sich das gut an, was ich tue? Stehe ich mit einem guten Gefühl auf? Bei seinen verschiedenen Aufgaben und Ansprüchen, muss man auch ehrlich zu sich sein in der Frage, ob die Prioritäten miteinander vereinbar sind. Das heißt im Fall von Frau Spiegel: Kann ich eine Spitzenpolitikerin sein und gleichzeitig eine tolle Mutter, gute Ehefrau und Freundin?

Und, kann man dem gerecht werden?

Nur, indem man immer wieder Entscheidungen trifft. Ich bin mir sicher, Frau Spiegel hat es kräftezehrend versucht – aber man kann eben auch nicht alle Faktoren in einem System steuern. Wenn man dann plötzlich die eigenen Kollegen*innen nicht hinter sich hat, Fehlentscheidungen sichtbar werden, einen kranken Mann zu Hause und Kleinkinder, die die Mutter fordern, ist man rund um die Uhr gefordert. Man kommt nicht mehr zur Ruhe, muss rundum funktionieren und ist enorm körperlich und mental belastet.

Die eigenen Prioritäten kennen

Wie kann man beim Prioritäten setzen also vorgehen?

Eine wirksame Priorisierung setzt voraus, dass man den vollen Aufgabenumfang versteht – selbst die alltäglichsten Aufgaben sollten aufgeschrieben und berücksichtigt werden. Anschließend sollten Sie erkennen, was zählt: Was sind Ihre echten Ziele? Die wichtigen Aufgaben dann hervorheben und Prioritäten setzen. Sind die bearbeiteten Aufgaben nicht besonders schwierig, ist es relativ einfach, sie im Tandem zu bewältigen. Studien zeigen jedoch, dass Menschen in Führungspositionen bei zunehmenden Schwierigkeiten eher einem einzigen Ziel den Vorrang geben, während sie in Positionen mit geringem Einfluss weiterhin versuchen, mehrere Prioritäten zu halten.

Was ist die Folge?

Diese Doppelstrategie wurde mit einem Leistungsrückgang in Verbindung gebracht, was bedeutet, dass die wichtigsten Aufgaben nicht auf höchstem Niveau erfüllt werden. Anschließend sollten Sie deshalb die Aufgaben nach dem zu ihrer Erfüllung erforderlichen Aufwand bewerten und die Liste regelmäßig überarbeiten und realistisch bleiben. Der vertraute Austausch mit Freunden und Familienangehörigen kann dabei unterstützend wirken.

Sind Frauen anfälliger dafür, sich zu viel zuzumuten?

Nicht unbedingt. Ich würde sogar sagen, dass Frauen grundsätzlich stärker sind. Es gibt aber einen bedeutenden Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen machen Überforderung oft mit sich selbst aus. Sie glauben öfter, dass eine Situation nur mit ihnen zu tun hat. Wenn Dinge nicht funktionieren, neigen Frauen dazu, die Fehler bei sich selbst zu suchen, Männer suchen da vielleicht eher die Schuld bei anderen. Diese Last kommt für Frauen dann allerdings noch on top hinzu.

Nicht nur Politiker kennen es, dass Posten an sie herangetragen werden - da gibt es auch den Vorstandsposten im Fußballverein oder die Arbeit im Elternbeirat. Wie ringt man sich bei solchen Angeboten zu Entscheidungen durch und sagt im Zweifelsfall auch Nein?

Man muss sich seine aktuelle Lebenssituation gut anschauen. Dazu können Fragen zählen, wie: Führe ich ein selbstbestimmtes und sinnerfülltes Leben? Pflege ich positive Beziehungen und liebe ich meine berufliche Situation? Habe ich viel Freizeit? Verdiene ich ausreichend Geld? Steht hier schon etwas auf wackeligen Beinen, hat man relativ schnell die Antwort, ob man sich noch mehr zumuten sollte. Man muss auch die eigene Persönlichkeit berücksichtigen: Passt eine Führungsposition, in der ich Entscheidungen treffen muss, zu mir? Bin ich jemand, der ohne geregelte Abläufe zurechtkommt? Wir haben nur eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten, deshalb sollten wir uns fürsorglich entscheiden, wie wir sie verbringen möchten. Wir stellen uns diese Frage viel zu selten.

Mit Zeit kommt Rat

Gibt es Tipps, die helfen, Entscheidungen zu treffen?

Wir funktionieren tatsächlich oft aus dem Bauch heraus. Wichtig ist aber, sich für eine Entscheidung Zeit zunehmen. Nur so können wir aus verschiedenen Perspektiven auf eine Situation schauen sowie Vor- und Nachteile abwägen. Wir neigen aber im Alltag dazu, schnelle Entscheidungen zu treffen. Das wird auch immer wieder gefordert. Es ist aber ratsam, sich Zeit einzuräumen, um Abstand zu gewinnen. Nur so können wir uns klar werden, wie wir die Frage: "Was will ich?" beantworten.

Gibt es noch etwas, dass man von dem Fall Anne Spiegel lernen sollte?

Ja. Unsere Kinder brauchen uns – um groß zu werden und mit der Welt zurechtzukommen. Wenn wir hier zu viel Zeit durch den Beruf verlieren, wird man das später in der Kindesentwicklung merken. Eltern sollten so oft es geht Zeit mit ihren Kindern verbringen. Der Fall Spiegel zeigt deshalb, dass wir zurückrudern sollten. Es darf nicht nur um höher, schneller, weiter gehen – Glück, gute Beziehungen und Zufriedenheit müssen wieder in den Fokus. Eine Frau, die so viel leisten muss, wie unsere Familienministerin, kann aus meiner Sicht nur bedingt eine gute Mutter, Ehefrau oder Spitzenpolitikerin sein. Wenn sie in allen Rollen so gefordert ist, kann sie nichts zu 100 Prozent machen. Das führt zu innerer Unzufriedenheit und der Spagat kann nicht gelingen.

Aber muss es nicht möglich sein, ein Ministeramt und Mutterrolle zu vereinbaren? Schließlich profitiert die Politik doch davon, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven Regierungsverantwortung übernehmen.

Es besteht in Deutschland nicht nur seitens der Mütter weniger Vertrauen in das staatliche Betreuungssystem als in anderen Ländern. Es hält sich auch seitens der Gesellschaft eine gewisse Skepsis aufrecht, wenn Mütter ihre Kinder ganztags in einer Kinderbetreuung unterbringen. So hat das Bild der guten Mutter in Deutschland einerseits "utopische" und andererseits "unterordnende Züge", denn die, durch das Bild der guten Mutter geprägte gesellschaftliche Forderung, die Kinder selbst zu betreuen, ist mit der Forderung nach Unabhängigkeit schwer für die Frauen vereinbar.

Was muss passieren?

Hinsichtlich der Aufgabenverteilung in der Familie und Möglichkeiten der flexiblen Arbeitsgestaltung im Beruf ändern sich die Einstellungen bei jungen Paaren und Arbeitgebern zunehmend, sie scheitern allerdings noch an der Umsetzung der neuen Vorstellungen. Es ist aus meiner Sicht unerlässlich, das ideale Bild einer guten Mutter in Deutschland und in den verschiedenen Berufsfeldern zu relativieren und Schuldgefühle sowie das Gefühl von "Nichtbestehen" vor sich selbst und vor anderen zu verringern. In diesem Zusammenhang sind wir alle gefragt.

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Über den Experten: Prof. Dr. René Paasch ist Professor für Sportpsychologie und Life Coaching und Studiengangsleiter für die angewandte Psychologe (Bachelor) an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport am Standort in Unna. Als freiberuflicher (Sport-) Psychologe arbeitete er bereits für Juventus Turin, AC Pisa, VfL Bochum, Schalke 04 und Bayer Leverkusen.
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