• Mittlerweile sind Tausende Corona-Mutationen im Umlauf.
  • Ist es daher auch möglich, sich mit zwei Varianten gleichzeitig anzustecken?
  • Der Mediziner Martin Weskott klärt auf.

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Dass Viren mutieren, ist keine neue Erkenntnis. Auch das Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich ständig verändert, seitdem es erstmals nachgewiesen werden konnte. Mittlerweile konnten mehr als 12.000 Corona-Mutationen festgestellt werden, sogenannte Punktmutationen in den Virusgenen.

Nicht jede dieser Mutationen wirkt sich auf das Verhalten des Virus aus. Einige hingegen schon. So kann eine Mutation das Coronavirus etwa ansteckender machen, wie beispielsweise die zuerst in Großbritannien nachgewiesene Corona-Variante B.1.1.7.

Besorgniserregende Coronavirus-Varianten in Deutschland

Besonders besorgniserregende Coronavirus-Varianten werden als "Variant of Concern" (VOC) bezeichnet. Dazu zählen in Deutschland aktuell laut Robert-Koch-Institut (PDF) folgende Varianten:

  • B.1.1.7: Diese Variante wurde erstmals im Jahr 2020 in Großbritannien nachgewiesen. Innerhalb von nur drei Monaten hat sie sich in Deutschland ausgebreitet und die Urform des Coronavirus weitgehend verdrängt. Die VOC B.1.1.7 ist die verbreitetste Corona-Variante in Deutschland. Sie gilt als ansteckender als das ursprüngliche Coronavirus. Ob B.1.1.7 auch gefährlicher ist, ist jedoch umstritten.
  • B.1.351: Diese Corona-Variante wurde erstmals im Dezember 2020 in Südafrika entdeckt. Forscherinnen und Forscher blicken besorgt auf diese Mutante, da sie teils dem Immunsystem entkommen kann (Immune Escape) und Untersuchungen auf einen reduzierten Immunschutz nach einer Impfung oder einer überstandenen Infektion mit dem Coronavirus B.1.351 hinweisen. Eine erneute Ansteckung mit der Variante nach überstandener Infektion scheint möglich zu sein. Impfstoffhersteller arbeiten bereits an modifizierten Impfstoffen.
  • P.1: Die Corona-Mutante P.1 wurde erstmals in Manaus im Amazonas nachgewiesen. Sie ähnelt der Variante B.1.351. P.1 sorgte im ohnehin von der Corona-Pandemie gebeutelten Brasilien für eine neue Welle an Infektionen und gilt dort als vorherrschende Variante des Coronavirus. Da bereits ein großer Teil der brasilianischen Bevölkerung mit der Wildform des Coronavirus infiziert war, hoffte man auf eine Herdenimmunität. P.1 weist jedoch eine Immune-Escape-Mutation auf, mit der das Coronavirus das Immunsystem zu umgehen versucht. Nach heutigen Erkenntnissen ist P.1 ansteckender als der Wildtyp des Coronavirus SARS-CoV-2 und eine Ansteckung kann wohl auch nach einer überstandenen Infektion erneut auftreten. Es gibt Hinweise auf eine verminderte Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die Corona-Mutante, jedoch soll eine Impfung das Risiko eines schweren Verlaufs nach einer Ansteckung mit P.1 senken.

Sorge bereitet aktuell auch die in Indien entdeckte Doppel-Mutante B.1.617. Diese trägt zwei Mutationen des Spike-Proteins in sich, das das Coronavirus benötigt, um an menschlichen Zellen anzudocken. Noch gilt die indische Mutante jedoch nicht als VOC.

Sind Corona-Mutationen gefährlicher?

Ob die neuen Varianten des Coronavirus gefährlicher sind, kann noch nicht abschließend bewertet werden. Steigt jedoch die Zahl der Neuinfektionen durch hochansteckende Varianten, steigt ergo auch das Infektionsgeschehen und mit ihm das Risiko schwerer Verläufe – und die Entstehung neuer Mutanten wird begünstigt.

Forschende befürchten neue Escape-Mutanten, die sich offenbar entwickeln könnten, wenn die Infektionen parallel zum Impfgeschehen stark steigen. Denn um sein Fortbestehen zu sichern, passt das Virus sich veränderten Bedingungen an. Sind viele Menschen bereits geimpft oder haben Antikörper entwickelt, steht das Coronavirus quasi unter Druck, sich neue Vorteile zu verschaffen. Auch eine Super-Mutante, die auf keinen bereits entwickelten Impfstoff reagiert, kann nicht ausgeschlossen werden.

Ansteckung mit mehreren Corona-Varianten möglich?

Angesichts der vielen Corona-Mutationen kommt die Frage auf, ob man sich mit zwei Varianten des Coronavirus gleichzeitig anstecken kann. Martin Weskott ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin. Er erklärt: "Grundsätzlich ist das möglich. In der Praxis kommt es aber wohl eher selten vor, dass zwei verwandte Virusstämme zeitgleich beispielsweise den Rachenraum besiedeln und beide dann Krankheitssymptome hervorrufen."

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Müssten für einen so außergewöhnlichen Fall besondere Gegebenheiten herrschen? "Denkbar wäre es etwa bei deutlich immunkompromittierten oder immungeschwächten Patienten, zum Beispiel unter Chemotherapie stehende Krebspatienten oder bei angeborenen Störungen der Immunantwort", erklärt Weskott.

"Unter Cortisoneinnahme wäre es ebenfalls denkbar, aber wie aktuelle Untersuchungen zeigen, können insbesondere als Aerosol inhalierte Corticoide dank ihrer Entzündungshemmung sogar vor schweren Verläufen bei COVID-19-Infektionen schützen."

Und wie sieht es mit der Ansteckung aus – wäre ein mit zwei Corona-Varianten infizierter Mensch besonders ansteckend? "Bei den erwähnten Gruppen liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine höhere Viruskonzentrationen in und auf der Schleimhaut vor. Die Viren können dann auch leichter auf Menschen in der Umgebung übertragen werden. Bei diesen Personen sind schwere Verläufe sehr wahrscheinlich."

Allein die Besiedlung mit zwei Virusvarianten machten eine höhere Übertragung oder einen schwereren Krankheitsverlauf jedoch noch nicht wahrscheinlicher.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Martin Weskott, Facharzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin
  • RKI.de: Bericht zu Virusvarianten zu SARS-CoV-2 in Deutschland
  • Pharmazeutische-Zeitung.de: Schutz vor B.1.351 schützt auch vor anderen Varianten
  • aerzteblatt.de: SARS-CoV-2-Varianten: Evolution im Zeitraffer
  • mpg.de: Spike-Protein des neuen Corona-Virus ist flexibler als gedacht
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RKI: Anteil der Coronavirus-Variante B.1.1.7 nimmt weiter zu

Der Anteil von Coronavirus-Varianten, die als besorgniserregend eingestuft werden, ist weiter angestiegen. Zurückzuführen sei dies ausschließlich auf die zuerst in Großbritannien entdeckte Variante B.1.1.7. Das berichten Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts (RKI).