• Der aktuelle Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts zeigt: Der Anteil der Geimpften in deutschen Krankenhäusern ist weiter gestiegen.
  • Demnach ist mittlerweile jeder fünfte COVID-Patient auf den Intensivstationen geimpft.
  • Wir erklären, woran das liegt.
Eine Analyse

Die aktuelle Entwicklung erinnert an den vergangenen Herbst. Wieder steigt in Deutschland die Sieben-Tage-Inzidenz rasch an. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab am Samstag den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche mit 100,0 an – so hoch wie zuletzt im Mai.

Auffällig: Der Anteil der Geimpften in deutschen Krankenhäusern ist laut Zahlen des RKI weiter gestiegen, sowohl auf Normal- als auch auf Intensivstationen. Das geht aus dem aktuellen Wochenbericht von Donnerstag hervor (siehe nachfolgende Tabelle). Demnach mussten von Mitte September bis Mitte Oktober (Kalenderwochen 38 bis 41) 946 Corona-Patienten auf der Intensivstation behandelt werden. Davon waren 213 geimpft – was einer Rate von 22,5 Prozent entspricht.

In den davorliegenden vier Wochen (Kalenderwochen 34 bis 37) waren hingegen nur 10,4 Prozent der Corona-Patienten auf der Intensivstation geimpft (162 von 719) – eine Verdoppelung innerhalb eines Monats. Für diese Entwicklung gibt es drei Erklärungen.

Kalenderwochen 34 bis 37
(23.8. bis 19.9.)
Kalenderwochen 38 bis 41
(20.9. bis 17.10.)
Impfquote

63,2%

68,9%

Symptomatische COVID-19-Fälle
(mit Angabe Impfstatus)

133.329

122.565

Wahrscheinliche Impfdurchbrüche
unter symptomatischen COVID-19-Fällen

27.488

41.382

Anteil Geimpfte unter COVID-19-Fällen

20,6%

33,8%

Hospitalisierte COVID-19-Fälle

9.784

5.859

Hospitalisierte COVID-19-Fälle
mit wahrscheinlichem Impfdurchbruch

1.139

1.744

Anteil Geimpfte unter Hospitalisierten

11,6%

29,8%

COVID-19-Fälle auf Intensivstationen

1.356

946

COVID-19-Fälle auf Intensivstationen
mit wahrscheinlichem Impfdurchbruch

141

213

Anteil Geimpfte auf Intensivstationen

10,4%

22,5%

Verstorbene COVID-19-Fälle

719

548

Verstorbene COVID-19-Fälle
mit wahrscheinlichem Impfdurchbruch

162

216

Anteil geimpfte Verstorbene

22,5%

39,4%

Quelle: Robert-Koch-Institut
Hinweis: Das RKI hat im September seine Zählweise geändert, um die Impfeffektivität präziser bestimmen zu können. Seitdem werden nur noch die COVID-19-Fälle berücksichtigt, für die der Impfstatus eindeutig angegeben ist. Die absoluten Zahlen sind damit rückwirkend nur noch bedingt vergleichbar. So führt das Institut im aktuellen Wochenbericht vom 21. Oktober insgesamt 782.349 symptomatische COVID-19-Fälle im Alter von 18 bis 59 auf, die es seit dem 31. Januar gezählt hat. Im Wochenbericht vom 23. September waren es hingegen noch 874.292 Fälle – trotz einer Zählung, die vier Wochen eher endete.

1. Nachlassende Wirkung der Impfstoffe

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte schon im August mit steigenden Impfdurchbrüchen gerechnet. Damit bezeichnen RKI und Bundesregierung Corona-Infektionen mit "klinischer Symptomatik" bei einer vollständig geimpften Person.

"Bei allen Corona-Vakzinen steigt das Risiko eines Impfdurchbruchs nach sechs Monaten an. Wir werden also vermutlich bald mehr Fälle sehen, sobald die Impfung bei etlichen Geimpften in Deutschland mehr als ein halbes Jahr zurückliegt", sagte Lauterbach im Sommer den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Impfdurchbrüche gebe es unabhängig vom verwendeten Impfstoff.

"Die 4. Welle wird weiter gehen", twitterte Lauterbach am Freitag. Ihm zufolge fehle es an einer systematischen Booster-Impfungs-Kampagne.

In Deutschland haben nach RKI-Zahlen vom Freitag bisher 1,5 Millionen Menschen eine solche Auffrischungsimpfung bekommen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt sie ab 70 – laut Statistischem Bundesamt gibt es rund 13 Millionen Menschen in Deutschland, die 70 und älter sind. Das heißt umgekehrt: Die große Mehrheit der Älteren ist zwar geimpft, hat aber ihre Corona-Impfung noch nicht auffrischen lassen.

Laut RKI deuten zudem Analysen darauf hin, dass Menschen, die sich mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson haben impfen lassen (bundesweit immerhin 4,5 Millionen), überdurchschnittlich von Impfdurchbrüchen betroffen sind. Das Vakzin von Johnson & Johnson habe eine – im Unterschied zu den anderen zugelassenen Impfstoffen – "vergleichsweise geringe Impfstoffwirksamkeit gegenüber der Delta-Variante". Deswegen empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.

2. Impfdurchbrüche mit schweren Folgen treffen vor allem Alte (und Vorerkrankte)

Der Präsident der Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI), Gernot Marx, sagte den Funke-Zeitungen, dass Impfdurchbrüche meist Menschen träfen, deren "Immunsystem etwa durch eine Chemotherapie oder eine dauerhafte Kortisonbehandlung geschwächt ist oder die älter als 80 Jahre sind".

Im höheren Alter falle die Immunantwort nach Impfungen insgesamt geringer aus und Impfdurchbrüche könnten häufiger auch zu einem schweren Verlauf führen, heißt es in einer Begründung der Stiko zu Booster-Impfungen.

Das bestätigte auch der Düsseldorfer Infektiologe Tom Lüdde. Ihm zufolge gebe es schwere Verläufe ganz überwiegend bei schwer vorerkrankten, hochaltrigen oder immungeschwächten Menschen. Impfungen verhinderten mit hoher Wahrscheinlichkeit schwere Verläufe, betonte Lüdde.

Das zeigen auch die RKI-Zahlen: Von den 216 geimpften Corona-Toten im Zeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober waren bis auf zwei alle älter als 60 Jahre. Bei den 332 Verstorbenen im selben Zeitraum, die nicht geimpft waren, waren hingegen 29 jünger als 60.

Seit Ende Januar waren von den insgesamt 943 COVID-19-Fällen mit Impfdurchbrüchen, die verstorben sind, 695 (74 Prozent) 80 Jahre und älter. "Das spiegelt das generell höhere Sterberisiko − unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe − für diese Altersgruppe wider", bemerkt das RKI.

3. Steigende Impfquote

Nicht zuletzt ist es pure Mathematik: Je mehr Menschen geimpft sind, desto größer wird auch der Anteil der geimpften Personen, die sich infizieren, deswegen behandelt werden müssen oder in Ausnahmefällen auch sterben. Denn eine Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz.

Allgemein schreibt das RKI, es sei "erwartbar", dass mit der Zeit mehr Impfdurchbrüche verzeichnet werden. Das liege daran, dass immer mehr Menschen geimpft seien und sich das Virus derzeit wieder vermehrt ausbreite, auch weil die Maßnahmen zurückgefahren werden. "Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen."

Zur Veranschaulichung: Selbst bei einer fiktiven Impfquote von 100 Prozent würde es zu Impfdurchbrüchen kommen, da keiner der Corona-Impfstoffe eine Wirksamkeit von 100 Prozent aufweist. Der Anteil der geimpften Personen unter den Infizierten würde dann bei 100 Prozent liegen, da jeder Infizierte auch geimpft ist.

Der große Unterschied zur aktuellen Situation ist aber, dass die absolute Anzahl der infizierten und hospitalisierten Menschen dann insgesamt sehr viel kleiner sein wird. Auch der Anteil schwerer oder tödlicher Verläufe sinkt mit steigender Anzahl an geimpften Personen drastisch.

Das RKI betont in seinen Wochenberichten: "Der bei Weitem größte Teil der seit der 5. KW (Kalenderwoche, Anm.d.Red.) übermittelten COVID-19-Fälle war nicht geimpft." Das Institut schätzt derzeit die Effektivität von Impfungen vor Hospitalisierungen auf etwa 90 Prozent (bei über 60-Jährigen auf 86 Prozent), vor Behandlungen auf Intensivstationen auf 94 Prozent (92 Prozent) sowie vor dem Tod auf 98 Prozent (87 Prozent).

Die Zahlen belegen also: Das wirksamste Mittel vor schweren oder sogar tödlichen Verläufen ist und bleibt die Impfung.

Verwendete Quellen:

  • Wochenberichte des Robert-Koch-Instituts
  • Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP

Anteil der geimpften COVID-19-Patienten auf Intensivstationen gestiegen

Etwa 10 Prozent den Corona-Patienten, die in Deutschland Mitte August bis Anfang September "intensivmedizinisch versorgt" werden mussten, waren gegen das Virus geimpft. Das berichten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe berichteten. In den Monaten zuvor lag der Anteil deutlich niedriger.