Hunderte Kletterrouten weltweit tragen beleidigende oder diskriminierende Namen. In der Klettergemeinde wird vor allem in den USA und Australien darüber diskutiert, diese zu ändern. Doch ganz so einfach ist das nicht.

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Wer eine Kletterroute als erstes begeht, darf ihr in der Regel einen Namen geben: So ist es Tradition. Allerdings hat diese Tradition nicht immer nur harmlose Namen wie "The Nose" ("Die Nase" am El Capitan im Yosemite-Tal), "Open Air" ("Freiluft" in den Kitzbüheler Alpen) oder "Eternal Flame" ("Ewige Flamme" am Trango Tower in Pakistan) hervorgebracht. Weltweit gibt es Hunderte sexistische, rassistische, homophobe und anderweitig beleidigende Namen für Kletterrouten.

Immer wieder entstanden regional Diskussionen, häufig wenn es - etwa in Australien - um Routen auf heiligen Bergen ging. Anfang 2020 entspann sich eine Debatte in Monterrey, einem Kletter-Hotspot in Mexiko. Eine 250 Meter lange neue Route erhielt Mitte Februar den Namen "Tinder P***y", was zu einem Aufschrei in der dortigen Klettergemeinde führte. Auf Druck der Gemeinde ließen sich die Erstbegeher überzeugen und gaben der Route einen anderen Namen.

Was in der Klettergemeinde in Einzelfällen immer wieder debattiert wurde, hat es nun im Rahmen der "Black Lives Matter"-Debatte zu größerer Aufmerksamkeit gebracht: Sollen beleidigende Namen beibehalten werden, weil sie nun mal einfach so heißen? Oder soll sich auch die Sprache am Berg verändern?

Für Ulf Fuchslueger hat die Sensibilität für das Thema auch mit der steigenden Popularität des Sports zu tun. Er selbst klettert seit Kindertagen und betreut als Marketingchef die weltweite Routen-Datenbank und Community-Plattform "The Crag".

"Früher waren die Routen höchstens in ein paar Kletterführern abgedruckt", sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Heute sei Klettern auch ein Familiensport. "Und wenn du mit deinem Zwölfjährigen klettern gehst und die Route trägt den Namen 'Rape that Bitch', ist das nicht so toll."

Was als beleidigend eingeschätzt wird, ist oft nicht eindeutig

"The Crag" hat rund 750.000 Routen in seiner Datenbank. Einige Hundert davon hätten "echtes Potenzial", als beleidigend gesehen zu werden, schätzt Fuchslueger. Die meisten wirklich fiesen Beispiele seien 30, 40 Jahre alt.

"Damals war die Klettergemeinschaft klein, ein rebellisches Team. Niemand dachte darüber nach, dass jemand diese Namen sehen könnte." Viele der Namen seien aus "dummen Geschichten" entstanden, glaubt er. "Wenn man eine Route als erstes begeht, ist man sicher euphorisch. Oft sind die Leute jung und denken vielleicht, das sei lustig."

Fuchsluegers Portal filtert beleidigende Namen aus, wenn sie von Nutzern gemeldet werden, und zeigt stattdessen generische Routennamen an. Auch das Kletterportal "The Mountain Project" setzt auf Hilfe aus der Community. Seit Juli wurden über 2.000 diskriminierende Routennamen gesammelt, nun macht man sich Gedanken, wie damit weiter verfahren werden soll, wie es auf der Website heißt.

Trotzdem ist das Problem nicht behoben, wenn die offensichtlich beleidigenden Routennamen einmal verschwunden sind. "Slope" bezeichnet beispielsweise in der Kletterwelt einen runden Griff, an dem man sich nicht so richtig festhalten kann. Aber "Slopes" ist auch ein abwertender Begriff für Asiaten in Australien, wie Fuchslueger selbst erst lernen musste. "Das ist eines der großen Probleme bei einer mehrsprachigen Plattform wie 'The Crag': Dass wir uns schwertun, beleidigende Namen zu identifizieren. Wenn man aus einem anderen Kulturkreis stammt, fehlt oft der Hintergrund."

Kletterrouten: Mehrdeutige Namen, falsche Intentionen

Ist eine Route einmal benannt, lehnen sich die Titel ihrer Nachbarrouten meist an ihren Namen an. Doch oft weiß deren Erstbegeher gar nicht, was der ursprüngliche Gedanke war.

Wie komplex das Thema ist, zeigt sich am Beispiel von "The Slavery Wall" in Wyoming. Ihr Spitzname stammt von der ersten Route auf dem Fels, "Happiness in Slavery" - einem Song der Band Nine Inch Nails.

Zwar bezieht sich das Lied auf einen französischen Erotikroman und nicht auf die Sklavenzeit in den USA, und auch Namensgeber Aaron Huey dachte nach eigenen Angaben nicht an die Sklaverei. Doch Nachbarrouten erhielten in der Folge Namen, die sich sehr wohl auf die Zeit der Sklaverei bezogen - und als beleidigend eingeschätzt wurden.

"The Slavery Wall" wurde inzwischen umbenannt in "Downpour Wall", und auch zahlreiche Routen auf dem Fels erhielten neue Namen.

Ein Klub von weißen, privilegierten Männern

Die Klettergemeinde ist jedoch gespalten, was das Thema angeht. Da gibt es diejenigen, die offener sind für Namensänderungen, und andere, die von der Diskussion nichts wissen wollen. "Aber es kommen auch Erstbegeher zu uns und sagen: 'Ich habe mir damals nicht so viel gedacht dabei, als ich die Route benannt habe, und finde es nicht so toll, dass der Name jetzt mit meinem Namen assoziiert wird. Bitte benennt sie um'", schildert Fuchslueger.

Am Ten Sleep Canyon (Bild) wurden bereits mehrere Routen umbenannt.

Ein Teil des Problems: Zwar ist der Klettersport offener und populärer geworden - dominiert wird er aber immer noch von jungen weißen Männern.

Wie akut das Thema in den USA ist, lässt der Rücktritt von Duane Raleigh erahnen. Der 60-Jährige zog sich Anfang Juli 2020 als Chefredakteur und Verleger des US-Klettermagazins "Rock and Ice" zurück. In seiner Begründung schrieb Raleigh: "Wir waren jung und konnten klettern und Risiken eingehen, weil wir Freiheiten hatten, die das nicht-weiße Amerika nicht hat. Wir waren Teil einer Kultur, die ich bedauere."

Weiße Privilegien hätten dazu geführt, dass es diese "Bruderschaft" gab. "Wir konnten uns unangemessen aufführen und quasi alles machen, ohne Konsequenzen zu fürchten. Im Grunde existiert dieser weiße, männlich dominierte Klub noch immer auf der ganzen Welt."

Raleigh entschuldigte sich auch dafür, in jüngeren Jahren zwei Routen mit beleidigenden Namen versehen zu haben, eine davon mit dem N-Wort. Er habe sie zwar geändert, aber viel zu spät reagiert.

Thema schwappt auch nach Europa

Zwar wird die Diskussion um diskriminierende Routennamen aktuell vor allem im englischsprachigen Raum geführt, doch auch in Europa - etwa in Spanien - gibt es Bestrebungen, Namen zu ändern. Allein in Deutschland finden sich beispielsweise rund zehn Routen, in deren Namen das N-Wort vorkommt.

Der Handlungsspielraum von Alpen- oder Klettervereinen ist allerdings beschränkt, schließlich ist es am Ende der Erstbegeher, der einer Route den Namen gibt. Und auch Kletter-Portale können das Problem allein nicht lösen: Sie sind auf den Input aus der Community angewiesen.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Infos zur Methode. Mehr Infos zum Datenschutz.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Ulf Fuchslueger
  • Rockandice.com: Misogyny on the Rocks: The "Tinder P****" Dilemma
  • Rockandice.com: An Apology From the Publisher
  • Climbing.com: Ten Sleep Route Names Changed to Honor Racial Justice Movements
  • Thecrag.com: Discussion: Offensive Names on theCrag
  • Desnivel.com: ¿Habría que cambiar los nombres de vías ofensivos?