Bauchfrei und mit Hotpants in die Schule? Das geht nicht, befand eine Schule in Horb und verbot "aufreizende Kleidung". Die Feministin und Internetaktivistin Anne Wizorek, bekannt für die Initiative #aufschrei, hält die neue Kleiderordnung für sexistisch. Warum, erklärt sie in unserem Interview.

Zu viel nackte Haut: In einer Werkrealschule in Horb-Altheim (Baden-Württemberg) wurde ein Verbot für "aufreizende Kleidung" verhängt. Als aufreizend gilt dem Brief an die Eltern zufolge ein "bauchfreies Shirt" oder "Hotpants". Wer sich dem Verbot widersetzt, muss den Rest des Schultages ein "großes T-Shirt" anziehen.

Die Anordnung wurde nach einem Bericht des "Schwarzwälder Boten" von Schulleiterin Bianca Brissaud auf Bitte vieler Lehrer - weibliche und männliche - erlassen. Die Begründung der Direktorin für den Schritt: Die Schülerinnen und Schüler sollen auf den Start ins Berufsleben vorbereitet werden.

Die Aufregung über das Verbot ist groß. Auf ihrem Twitter-Kanal kritisiert Anne Wizorek das Hotpants-Verbot. Die Berliner Netz-Feministin erreichte 2013 mit ihrer Twitter-Initiative #aufschrei eine breite Öffentlichkeit und ist seitdem eine gefragte Ansprechpartnerin zum Thema Gleichberechtigung der Geschlechter.

Frau Wizorek, was stört Sie an dem Verbot für "aufreizende Kleidung" an einer Realschule in Baden-Württemberg?

Anne Wizorek: Diese Kleiderordnung wird zwar geschlechtsneutral formuliert, zielt aber in erster Linie auf Mädchenkleidung ab, eben bauchfreie Tops oder Hotpants. Mädchen sind also hauptsächlich betroffen, wenn diese Ordnung umgesetzt wird. Das bedeutet aber einen Doppelstandard. Mädchen werden zu Sexualobjekten degradiert, obwohl es nur um bequeme Kleidung bei heißen Temperaturen geht.

Wie beurteilen Sie die Argumentation der Gegner der knappen Kleidung?

Wir reden von Mädchen, die teilweise noch Kinder sind und sexualisiert werden. Ihnen wird eingeredet: Wenn ihr viel Haut zeigt - was auch immer das bedeuten mag -, dann lenkt ihr die Jungs ab und die können nicht lernen. Mädchen wird auf diese Weise eingeredet, dass es nicht okay ist, wie sie rumlaufen und mit ihrem Körper umgehen - oder im schlimmsten Fall sogar noch Schuld daran wären, wenn es zu Übergriffen oder ähnlichem kommen würde.

Darf eine Schule Ihrer Meinung nach von ihren Schülern eine Kleiderordnung verlangen?

Kleiderordnung an sich sehe ich nicht als Problem. In manchen Kleiderordnungen wird ja auch zum Ausdruck gebracht, dass T-Shirts mit Nazi-Ideologie oder rassistischen Sprüchen nicht in Ordnung sind. Das finde ich total okay. Der Ansatz, der hier gebracht wird, sorgt aber in erster Linie dafür, Mädchen zu beschämen. Es gibt ja mehrere Schulen, die das so handhaben - auch bei Spaghetti-Tops und Mini-Röcken. Wenn den Mädchen dann auch noch ein großes T-Shirt zum Tragen gegeben wird, werden sie an den Pranger gestellt und ausgegrenzt. Das kann den gewünschten Schulfrieden, der als Begründung angegeben wird, sicher nicht herstellen.

Was könnte in Ihren Augen eine Lösung sowohl für die Schulleitung und Lehrer als auch für die Schülerinnen und Schüler sein?

Vor allem sollte ein offener Dialog geführt werden. Darin sollte klargemacht werden, dass ein bauchfreies Top und eine kurze Hose bei heißen Temperaturen nichts sind, was man als "aufreizend" bezeichnen kann. Mädchen darf nicht eingeredet werden, dass sie ein Störfaktor sind. Auf allen Ebenen muss daher offen besprochen werden wie ein respektvoller Umgang miteinander aussieht.

Also stört Sie vor allem die Formulierung "aufreizend"?

Wir reden von Kindern, von jungen Mädchen, denen bereits durch diese Kleiderordnung die Botschaft gesendet wird: Ihr seid nur Sexualobjekte, ihr seid nur dazu da, dass euch Jungs und Männer anschauen. Wenn ihr euch nicht die "richtigen" Sachen anzieht, lenkt ihr diese auch noch ab. Dabei wird überhaupt nicht diskutiert, was vielleicht für die Mädchen ein angenehmes Schulklima wäre. Es wird auch ignoriert, dass Mädchen in diesem Alter genauso einen Sexualtrieb haben, aber sich trotzdem nicht komplett ablenken lassen von allem anderen. Hier herrscht eindeutig ein Doppelstandard.

Was ist für Sie Sexismus?

Sexismus bedeutet, dass Männern und Frauen bestimmte Verhaltensweisen und Stereotype zugeordnet werden, die aber dazu führen, dass es ein Machtgefälle gibt. Dabei geht es immer darum, den ungleichen gesellschaftlichen Status zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten. Dieses Machtgefälle sieht dann zum Beispiel so aus, dass Männer das starke Geschlecht sind und Frauen das schwache. Sexistische Stereotype dienen also dazu, dieses Machtgefälle zu zementieren.

Anne Wizorek wurde im Januar 2013 als Initiatorin des Hashtags "Aufschrei" bei Twitter bekannt, der auf die Diskriminierung von Frauen aufmerksam machen wollte. Später wurde #aufschrei mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. 2014 veröffentlichte Wizorek das Buch: "Weil ein Aufschrei nicht reicht - Für einen Feminismus von heute" (Fischer-Verlag).