Ob Flatrate-Sex im Wellnesstempel oder die flüchtige Nummer auf dem Straßenstrich: Deutschland gilt in Europa wegen seiner liberalen Prostitutionsgesetze als El Dorado für Freier. Experten warnen: Frauen werden immer öfter als Sex-Ware behandelt, die Zwangsprostitution blüht.

Das angeblich älteste Gewerbe der Welt entwickelt sich selbst heute noch weitestgehend im Dunkeln. Aktuell weiß niemand genau, wie viele Frauen und Männer in Deutschland ihren Körper gegen Geld anbieten. Schätzungen variieren zwischen 150.000 und 700.000, 95 Prozent davon sollen Frauen sein. Genaue Zahlen kennt jedoch niemand, die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte. Rund 12 Milliarden Euro werden jedes Jahr schätzungsweise umgesetzt - bargeldlos und weit weg von öffentlicher Kontrolle. So verwundert es kaum, dass das Geschäft mit der Lust viele zwielichtige Geschäftemacher und Kriminelle auf den Plan ruft.

Eigentlich war alles anders geplant: Um in legale Bahnen zu lenken, was vorher im verborgenen geblüht hat, hatte die rot-grüne Regierung 2002 eines der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas verabschiedet. Prostitution ist seitdem legal und gilt als reguläres Gewerbe. Zudem wird den Prostituierten ein Recht eingeräumt, die Freier auf Zahlung zu verklagen.

Verboten ist weiterhin der Sex mit Minderjährigen, zudem können einzelne Kommunen Sperrgebiete einrichten, in denen Prostitution nicht erlaubt ist. Auch ein Paragraf zum Schutz vor Ausbeutung wurde in das Gesetz aufgenommen. Ziel war es, das Geschäft mit dem schnellen Sex aus dem Zwielicht zu holen. Zwangsprostitution sollte erschwert und die rechtliche Situation von Huren verbessert werden.

Gesetz verfehlte die Wirkung

Die Folgen sahen jedoch anders aus: Bordelle und riesige Wellness-Sex-Clubs erlebten einen Aufschwung. Flatrate-Sex-Angebote befeuern seitdem die "Geiz ist geil"-Mentalität vieler Freier. Anstatt eines Rückgangs der Zwangsprostitution sehen Experten und Kriminalisten einen deutlichen Anstieg, die Billigangebote lassen die Frauen immer stärker zur Ware verkommen. Leistungsdruck und respektlose Freier gehören zum Alltag. Mittlerweile beobachten Experten sogar einen regelrechten Sex-Tourismus aus den Ländern, die Prostitution verboten und Freier unter Strafe gestellt haben.

Auch der Fiskus verdient gut am Sex-Business, will aber deutlich mehr. Erst im Februar forderte der Bundesrechnungshof ein härteres Durchgreifen der Finanzämter, wenn es um die Besteuerung des Sex-Gewerbes geht. Je nach Art der Steuer müssen Prostituierte einen Teil der Einnahmen an Bund oder Kommune abführen. Einige Städte haben bereits eigene Sexsteuern eingeführt und Behörden schicken ihre Kontrolleure mittlerweile auch ins Rotlichtmilieu. Bisher ist die Steuermoral der Prostituierten eher schlecht. Auch den Weg in die Lohn, Kranken-, Arbeitslosen-, und Rentenversicherung finden nur wenige. Offenbar ist es oft immer noch die Angst, offiziell als Hure abgestempelt zu werden und die komplizierten Bescheide und Anträge, die Prostituierte von den gesetzlichen Leistungen abhalten.

2014 soll das Prostitutionsgesetz endlich überarbeitet werden

Nun scheint sich allerdings etwas zu tun: Seit Jahren wird die Forderung laut, das Prostitutionsgesetz erneut auf den Prüfstand zu bringen. Passiert ist bisher wenig. Offiziellen Stellen zufolge will die Bundesregierung jedoch 2014 endlich eine Novelle des Gesetzes anpacken, um die offensichtlichen Missstände zu beseitigen. Vor allem für ausstiegswillige Frauen fordern Experten einen deutlich besseren Schutz: Bisher droht Zwangsprostituierten aus Nicht-EU-Ländern die Abschiebung. Deshalb werden immer wieder Forderungen laut, ein Bleiberecht und Zeugenschutz für Opfer einzuführen, die gegen Menschenhändler aussagen.

Letztlich bleibt abzuwarten, welchen Weg der Gesetzgeber einschlagen wird. Schon jetzt ist klar, dass unter anderem Kontrollen erleichtert, Gewerbeauflagen eingeführt und die Zwangsprostitution erschwert werden soll. Besonders die Flatrate-Angebote sind Experten ein Dorn im Auge. Ob am Ende ein äußerst restriktives Gesetz herauskommt wie in Schweden, das Freiern von Zwangsprostituierten strafrechtlich verfolgt oder weiter ein liberaler Weg verfolgt wird, ist völlig offen.