Depressionen, private Probleme, Schulden: Leistungssportler fallen nach der Karriere oft tief. Ex-Radprofi Jan Ullrich ist beileibe nicht der erste, wohl aber einer der dramatischeren Fälle. Der Deutsche Olympische Sportbund will künftig schon früher helfend eingreifen.

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Siege, jahrelanger Ruhm und zahllose Freunde prägen die Karrieren von erfolgreichen Sportlern, Preisgelder und millionenschwere Werbeverträge ihre jeweiligen Konten.

Doch viel schwerer, als im Rampenlicht zu stehen, scheint der Abgang, das Leben danach. Private Probleme, Geldsorgen oder sogar zwei vorübergehende Festnahmen wie zuletzt bei Ex-Radprofi Jan Ullrich dokumentieren den oft tiefen Fall von einstmals gefeierten Helden.

Je größer der Ruhm, desto krasser der Absturz

Je größer der Ruhm und die gefeierten Erfolge, desto brachialer ist oft der Absturz, wenn es nicht mehr um die sportlichen Fähigkeiten geht.

Beispiele für Probleme bei der Karriere nach der Karriere gibt es einige. Bei dem früheren Tennis-Star Boris Becker wurden private Verfehlungen und seine finanzielle Situation stets öffentlich ausgetragen.

"Seit über 30 Jahren lebe ich öffentlich. Dafür zahlt man einen Preis", sagte der 50 Jahre alte Becker jüngst in einer ARD-Dokumentation. Der frühere Wimbledon-Sieger ist in der Tennis-Szene weiter bestens etabliert, trainierte zwischenzeitlich Novak Djokovic und ist heute als TV-Experte und Chef des deutschen Herren-Tennis tätig.

Sein Privatleben mit all den Höhen und Tiefen geistert jedoch noch immer durch die Medien - so wie jüngst, als die Trennung von seiner Frau Lilly bekannt wurde und es zu einem Polizeieinsatz bei den Beckers kam.

Jan Ullrichs Absturz vor den Augen der Öffentlichkeit

Noch weitaus drastischer ist die Situation von Jan Ullrich. Nach einem Zwischenfall mit Schauspieler und Nachbar Til Schweiger, der in einer vorübergehenden Festnahme Ullrichs endete, entschuldigte sich der 44-Jährige öffentlich.

"Die Trennung von Sara und die Ferne zu meinen Kindern, die ich seit Ostern nicht gesehen und kaum gesprochen habe, haben mich sehr mitgenommen. Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue", sagte der Tour-de-France-Sieger von 1997 der "Bild"-Zeitung vom Montag.

Ullrichs Ehefrau Sara war dem Bericht zufolge mit den drei gemeinsamen Söhnen nach Deutschland gezogen. Ullrich kündigte in der "Bild"-Zeitung an: "Aus Liebe zu meinen Kindern mache ich jetzt eine Therapie." Er bestreite aber, süchtig zu sein, schrieb die Zeitung.

Einen Tag, bevor er sich in Therapie begeben wollte, der nächste Knall: Ullrich soll eine Escortdame gewürgt haben, wurde daraufhin erneut festgenommen, mutmaßlich unter Alkohol- und Drogeneinfluss. Eigentlich hätte er noch am Freitag auf freien Fuß gesetzt werden sollen, doch aufgrund seines körperlichen Zustands gab es am Ende keine andere Option: Noch am Abend wurde "Ulle" mit dem Rettungswagen in eine Klinik gebracht und in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Noch unbestätigten Medienberichten zufolge hat er die Psychiatrie am Samstag wieder verlassen und soll nun seine Therapie beginnen.

DOSB will auch Ex-Sportler unterstützen

Beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ist man sich des Problems bewusst. "Es gibt oft Schwierigkeiten, von der öffentlichen Bühne des Spitzensports ins normale Leben umzusteigen", sagt DOSB-Projektleiter Sven Baumgarten.

Dafür sei ein Betreuungssystem notwendig. "Das können wir über die Laufbahnberater und die Sportpsychologen der Olympiastützpunkte leisten."

2013 hatte der DOSB ein Zehn-Punkte-Programm zur Dualen Karriere eingeführt. Nicht nur aktive Sportler sollen von dem System profitieren, sondern auch frühere Stars wie Ullrich, die heute mit Problemen zu kämpfen haben. "Wenn ein weltbekannter Sportler anfragt, wird er sicherlich nicht weggeschickt", sagt Baumgarten.

Der DOSB will künftig schon während der Karriere das Leben danach stärker thematisieren. "Eine Prämisse ist, dass wir sagen: Das Ende der Sportkarriere ist ein Bestandteil der Sportkarriere", argumentiert Baumgarten. Detailliert und mit entsprechender Vorbildung soll der Schlussstrich geplant und der direkte Sprung ins weitere Berufsleben ermöglicht werden.

Es gehe nach der Karriere nicht nur um eine finanzielle Absicherung, sondern gerade bei Top-Sportlern auch um eine erfüllende berufliche Tätigkeit. Auch Sportstars mit riesiger Reichweite und Millionengagen sollten schon während ihrer Karriere vorsorgen, ist der DOSB-Projektleiter überzeugt. (ank/dpa)

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