Ein 40 Jahre alter Softwareentwickler wird auf dem Weg nach Hause Opfer einer tödlichen Giftspritzenattacke. Jahrelang gibt es kein Weiterkommen in dem mysteriösen Cold Case bis es neue Erkenntnisse gibt.

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Der Regenschirmmord gehört zu den rätselhaftesten Kriminalfällen Deutschlands. Im Sommer 2011 wird Christoph Bulwin auf der Straße hinterrücks von einem Unbekannten angegriffen. Der Mann trifft den Familienvater im Vorbeigehen mit einer an einem Regenschirm befestigten Spritze ins Gesäß. Die Attacke bleibt nicht ohne Folgen: Sechs Wochen später fällt Christoph Bulwin ins Koma, zehn Monate nach dem Überfall ist er tot.

Die Polizei tappt lange im Dunklen, sogar einen Suizid ziehen die Ermittler in Betracht. Erst die Verbindung zum spektakulären "Pausenbrotmörder" bringt den Fall 2019 wieder ins Rollen. Im Jahr 2022 wird der Fall in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" thematisiert, es gehen rund 300 Hinweise ein.

Schließlich sichert das Team um Kriminaloberkommissarin Romey Leonhardt im Mai 2023 neue DNA-Spuren am Tatwerkzeug. Das erzählt Leonhardt im Dezember 2024 im Podcast "Aktenzeichen XY … Unvergessene Verbrechen" mit dem Moderatoren-Duo Rudi Cerne und Conny Neumeyer. Die Kommissarin hat große Hoffnung, dass die vergleichsweise neuen Spuren zur Klärung des Falls beitragen werden. "Im Rahmen der Cold-Case-Ermittlungen will man alles noch einmal auf Anfang setzen", erklärt sie. "Oft tut ein gewisser Zeitabstand gut." Auch soll an die Angehörigen und den Täter das Zeichen gegeben werden, dass die Tat nicht vergessen ist.

Stechender Schmerz im Gesäß

Also alles auf Anfang, zurück ins Jahr 2011: Christoph Bulwin ist zweifacher Familienvater und lebt im Landkreis Celle ein beschauliches Leben. Der 40-Jährige arbeitet in Hannover als Softwareentwickler und Datenbankadministrator bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, kurz IG BCE. Am Freitag, dem 15. Juli 2011 macht er sich nach Feierabend auf den Weg zu seinem Auto.

Später wird er sagen, dass ihm zu dem Zeitpunkt bereits ein Mann mit Basecap, Sonnenbrille und Regenschirm in der Hand auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgefallen war. Er bemerkt jedoch nicht, dass der Unbekannte ihm folgt.

Plötzlich spürt Christoph Bulwin einen stechenden Schmerz in seiner linken Gesäßhälfte der Unbekannte hatte ihn im Vorbeigehen mit seinem Regenschirm berührt. Bulwin nimmt sofort die Verfolgung auf und kann bei einem anschließenden Handgemenge an der Spitze des Regenschirms etwas abreißen, der Angreifer entkommt jedoch.

Zurück bleibt ein mit schwarzem Klebeband umwickeltes Röhrchen, in dem eine Spritze mit einer hellen Flüssigkeit steckt. Christoph Bulwin ruft die Polizei und wird in ein Krankenhaus gebracht. Ihm wird eine Blutprobe entnommen und eine HIV-Prophylaxe mit nach Hause gegeben. Aber Christoph Bulwin muss das Mittel absetzen, die Nebenwirkungen sind zu stark. Er erholt sich, zunächst scheint alles normal.

Rapide Verschlechterung

Sieben Tage später verschlechtert sich sein Zustand jedoch dramatisch: Der 40-Jährige leidet an Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit. Im Krankenhaus werden erhöhte Entzündungswerte gemessen – noch immer ist nicht klar, um welche Flüssigkeit es sich in der Spritze handelte. Erschwert wird die Untersuchung dadurch, dass der Stoff sich mittlerweile verflüchtigt hat.

Christoph Bulwin geht es immer schlechter. Inzwischen gehen alle davon aus, dass er vergiftet wurde, die Quecksilberwerte in seinem Blut übersteigen das 2.000-fache des Toleranzwertes. Anfang August – rund sechs Wochen nach der Tat – fällt er ins Koma. Zur gleichen Zeit kommen die Ermittler dem Gift auf die Spur: Es handelt sich um Dimethylquecksilber, eine hochgefährliche Substanz, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann, zu schweren Kopfschmerzen führt und sich in den Nieren ablagert.

Regenschirmmord: Täter besitzt großes Fachwissen

Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: Woher kommt dieser extrem gefährliche, aber schwer zu beschaffene Stoff? Ein Hinweis ergibt sich daraus: Der Täter muss offenbar großes Fachwissen haben, um den Stoff herzustellen und sich dabei selbst nicht zu verletzen.

Für Christoph Bulwin kommen diese Erkenntnisse zu spät: Am 9. Mai 2012 stirbt der Softwarenentwickler an einem epileptischen Anfall, nach monatelangem Leiden als Pflegefall in einem Heim.

Auch wenn zu dem Zeitpunkt einiges über den Täter bekannt ist, es sogar von Zeugen eine genaue Täterbeschreibung gibt (40-50 Jahre, 1,75-1,85 Meter, schlank, hager, pockennarbiges Gesicht, spricht Deutsch ohne Akzent), geraten die Ermittlungen ins Stocken.

Das Verfahren wird 2013 sogar zunächst eingestellt, die Ermittler gehen von Selbstmord aus. Eine Lebensversicherung und Spuren am Armaturenbrett von Bulwins Auto sollen diese These begründen.

Fall wird neu aufgerollt

Doch 2019 kommt wieder Bewegung in den Fall: Im nur anderthalb Stunden von Hannover entfernten Bielefeld wird der "Pausenbrotmörder" zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Klaus O. hat über Jahre hinweg seine Arbeitskollegen mit Spuren von Blei, Cadmium und Quecksilber vergiftet. Die Stoffe strich er in der Pause heimlich auf ihre Brote oder streute sie in die Getränke. Zwei Kollegen wurden schwer nierenkrank, ein 26-Jähriger starb nach drei Jahren im Wachkoma. Zu einem möglichen Motiv schwieg der Täter beharrlich.

Wegen der Verabreichung von Quecksilber gerät nun auch der Giftanschlag auf Christoph Bulwin ins Visier der Ermittler. Der Fall wird neu aufgerollt.

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Zufallsopfer, Geheimdienstopfer?

Noch einmal wird das persönliche Umfeld des Opfers untersucht, doch es gibt keinen Hinweis auf Streitereien oder Feinde. Auch die nähere Untersuchung seines Arbeitsplatzes – schließlich wird Quecksilber im Bergbau verwendet – bringt keine eindeutigen Ergebnisse, obwohl Kommissarin Leonhardt davon ausgeht, dass diese Nähe kein Zufall ist. War der Täter also selbst Opfer der Gewerkschaft und fühlte sich womöglich schlecht behandelt?

War Christoph Bulwin lediglich ein Zufallsopfer, ein Verwechslungsopfer? Oder hatte er sich als Software-Spezialist über das Darknet eine neue Identität aufgebaut? All diese Untersuchungen führten bisher ins Leere.

Die spektakulärste Theorie ist die Verbindung zum Geheimdienst. Tatsächlich erinnert die Tat an das berühmte Regenschirmattentat von 1978, als der bulgarische Schriftsteller und Regimekritiker Georgi Markow vermutlich von einem Geheimdienstmitarbeiter mit einer Regenschirmspitze am Bein getroffen wurde.

Bei dem Angriff wurde eine 1,5 Millimeter große Kapsel mit dem extrem tödlichen Pflanzengift Rizin injiziert. Der Schriftsteller starb nur vier Tage später an Herzversagen. Auch in diese Richtung wird ermittelt, wie Leonhardt bestätigt.

Obwohl bisher kein Verdächtiger festgenommen wurde, ist die Kriminalkommissarin optimistisch, dass die neuen DNA-Spuren am Tatwerkzeug zur Aufklärung des Falls führen werden - zumal eine Sache sicher ist: Der "Pausenbrotmörder" war es nicht, seine DNA klebt laut Leonhardt nicht am Röhrchen.

Verwendete Quellen