Durchschnittlich sterben in den USA 87 Menschen pro Tag durch eine Schusswaffe. Moderne Technologien sollen helfen, die Zahl der Opfer zu verringern. Waffenhersteller wollen mit "Smart Guns" verhindern, dass Unbefugte Gebrauch von lizensierten Schusswaffen machen. Ein Deutscher treibt die Entwicklung voran und gerät zwischen die Fronten von US-Waffenlobby und Waffengegnern.

Eine Waffe, die nur von ihrem Besitzer abgefeuert werden kann, soll präventiv Leben retten. Keine Amokläufer mehr, die sich am Waffenschrank der Eltern bedienen. Keine Straftäter, die Polizisten überwältigen, ihnen die Waffe entreißen und wild um sich schießen. Schusswaffen, die eng mit der Identität ihres Besitzers verknüpft sind, und deshalb zu mehr Verantwortung führen. Eigentlich klingt das alles sinnvoll – trotzdem haben "Smart Guns", auf Deutsch auch Signaturwaffen genannt, viele Kritiker.

Wie funktionieren "Smart Guns"?

Schon lange kursieren Ideen zu Schusswaffen, die mit einer Zugangsberechtigung gesichert sind. Nur wer einen Schlüssel oder RFID-Chip besitzt oder den richtigen PIN kennt, kann die Waffe entsichern. Ebenfalls denkbar: der Einsatz biometrischer Daten, etwa dem Scan von Fingerabdrücken, der Iris oder der Netzhaut. Auch in Deutschland werden Signaturwaffen entwickelt. Die Firma Armatix aus Unterföhring bei München hat zum Beispiel die Handfeuerwaffe iP1 im Programm, die über ein personalisiertes Sicherheitssystem verfügt. Nur wenn sich eine zugehörige Armbanduhr in direkter Nähe, also etwa am Handgelenk, befindet, kann die Pistole abgefeuert werden. Der Nutzer gibt an der Uhr einen PIN ein und aktiviert die Waffe dadurch. Uhr und Waffe sind über Radiowellen in Kontakt. Reißt der ab, deaktiviert sich die Waffe.

Ein deutscher Waffenhersteller mit moralischen Ambitionen

In einem Artikel porträtierte die "Washington Post" unlängst den Ingenieur hinter der Armatix iP1. Er heißt Ernst Mauch und wird als Schlüsselfigur der Waffenentwicklung vorgestellt. Mit einer von ihm entworfenen Schusswaffe wurde Osama bin Laden getötet, heißt es, – ein relevantes Detail für die Legendenbildung um den Deutschen. Nach 30 Jahren beim Rüstungsunternehmen Heckler & Koch wechselte Mauch 2006 zu Armatix. Im Interview bekundet er, ihm sei bewusst, dass durch die von ihm entwickelten Waffen unschuldige Menschen ums Leben gekommen seien. Deshalb will Mauch den Gebrauch von Waffen sicherer machen und dabei keine Kompromisse eingehen. Sein nächstes Ziel sei es, amerikanische Polizeikräfte vom Kauf der iP1 zu überzeugen, so ist in dem Artikel zu lesen.

Trotz Mauchs hehren Absichten klingt das alles noch sehr nach Waffenlobbyismus. Umso erstaunlicher, dass sich die US-amerikanische Schusswaffenlobby nicht mit Mauchs Ideen anzufreunden scheint. Die Widerstände gegen Smart Guns seien beträchtlich, berichtet die "Washington Post". Denn durch die Einführung von Smart Guns sähen sich die Waffenfans in den USA in ihren Rechten beschnitten. Das hat mit einem Gesetz zu tun, das 2002 in New Jersey in Kraft getreten ist. Danach dürfen Händler innerhalb einer Umstellungsfrist von drei Jahren nur noch Smart Guns verkaufen, sobald diese staatenübergreifend überall in den USA erhältlich sind. Das ist noch nicht der Fall, würde aber bedeuten, dass alle anderen Schusswaffen vom Markt verschwinden könnten. Das will die National Rifle Association (NRA), die die Interessen der Waffenhersteller vertritt, mit allen Mitteln verhindern, und hat öffentlich bereits Protest eingelegt.

Widerstand gegen die Waffenlobby

Die Organisation Small Arms Survey schätzt, dass es in den USA 270 Millionen Waffen im Privatbesitz gibt – bei 313 Millionen Einwohnern. In einigen Staaten sind Schusswaffen sogar im Supermarkt erhältlich. Pro Tag sterben in den USA circa 80 Menschen durch eine Schusswaffe, wie eine Statistik des Centers of Disease Control and Prevention feststellte. Präsident Obama hat versucht, die Gesetze zu verschärfen. Er wollte Sturmgewehre und andere halbautomatische Waffen verbieten, scheiterte jedoch 2013 in einer Abstimmung im Senat. Es scheint, als sei die Waffenlobby einfach zu mächtig. Allen voran die NRA, die mit viel Geld Einfluss auf die Politik ausübt.

Die Lobbyisten wollen durchsetzen, dass Schusswaffen auch in öffentlichen Gebäuden wie Krankenhäusern, Schulen und Einkaufszentren getragen werden dürfen. Die richtige Antwort auf Amokläufer sei nicht das Verbot von Waffen, so die Meinung der NRA, sondern wenn jeder eine Waffe tragen dürfe, um sich im Notfall verteidigen zu können. Überzeugte Waffenbefürworter werden ihre Revolver nicht durch eine Smart Gun ersetzen wollen. Eine Waffe ist für viele auch ein Statussymbol, ein Ausdruck der verfassungsrechtlich zugesicherten Freiheit auf Selbstverteidigung.

Intelligent ja, aber noch lange nicht sicher

Auch unter Sicherheitsexperten und US-amerikanischen Waffengegnern gibt es anhaltende Kritik gegen das Konzept der "intelligenten Schusswaffe". Die Hauptargumente gegen Signaturwaffen: Die PIN-Eingabe oder andere Sicherheitsmaßnahmen seien nur eine moralische Scheinmaßnahme der Waffenindustrie, sehr umständlich in der Anwendung und zudem manipulierbar. Mit Hilfe von Hochleistungsmikrowellen sei es etwa möglich, eine digital gesteuerte Waffe wie die Armatix iP1 außer Kraft zu setzen. Außerdem könnten in einer Notsituation die Pistolen nicht schnell genug zum Einsatz kommen, Sekunden, die möglicherweise den Besitzer der Waffe, einen Polizisten etwa, das Leben kosten.

Für Pazifisten sind Signaturwaffen keine Alternative, denn es sind immer noch Waffen, die ohne große Schwierigkeiten in den USA für Privatpersonen erhältlich sind. So bleiben Smart Guns vorerst ein Kompromiss, an dem technisch weiter gefeilt werden muss.  © Glutamat