Das Szenario, das Polizei und Bundeswehr in Baden-Württemberg üben, ist düster: Terroristen verüben einen Anschlag in Konstanz. Ein Sprengsatz explodiert, Schüsse fallen, Menschen sterben.

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Um 9.19 Uhr bricht die Hölle los. An einem Auto explodiert ein Sprengsatz. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Dann peitschen Schüsse durch die Luft. Passanten schreien durcheinander, laufen um ihr Leben, suchen Schutz hinter Gebäuden. Vier Männer mit Sturmhauben und Maschinenpistolen rennen die Straße entlang, feuern in die Menge. Verletzte liegen regungslos am Boden.

Anschlag in der Fußgängerzone

Es ist nur eine Übung auf dem Truppenübungsplatz in Stetten am kalten Markt in Baden-Württemberg, aber die Eindrücke gehen unter die Haut.

Hier wird am Samstagvormittag nur mit Platzpatronen geschossen, die Statisten tragen Schutzbrillen aus Plastik. Aber das Szenario soll realistisch sein: Ein Terroranschlag mehrerer schwer bewaffneter Täter in der Konstanzer Fußgängerzone wird simuliert. Das Szenario spielt in einer Bundesrepublik, in der es seit Monaten Terroranschläge mit vielen Toten gibt. Die Polizei ist deshalb so überlastet, dass sie die Bundeswehr zu Hilfe ziehen muss.

Vorbereitungszeit: ein Jahr

Rund 2500 Teilnehmer wirken mit bei der BWTEX (Baden-Württembergische Terrorismusabwehr Exercise). Ein Jahr lang haben sich die Behörden auf die Übung vorbereitet. Eine Anti-Terror-Übung von Polizei und Bundeswehr in der Größe und Form habe es noch nie in Deutschland gegeben, heißt es aus dem baden-württembergischen Innenministerium - und das nur wenige Tage nach dem antisemitischen Attentat von Halle.

Im schwäbischen Hinterland wird erstmals ein kompletter Übungslauf simuliert – vom ersten Schuss bis zur Behandlung auf dem OP-Tisch. Dominik Becker, Dienstgruppenleiter im Polizeirevier Konstanz, erreicht beim Übungsdurchlauf am Vormittag zuerst die Gefahrenzone. "Meine Kollegen und ich wurden direkt beschossen", erzählt der 38-Jährige. Er ist seit zwölf Jahren bei der Polizei. Man wisse, dass es eine Übung ist. "Aber irgendwann beginnt dieser Tunnelblick, dann beginnt man, die Situation sehr ernst zu nehmen."

Sanitäter üben während der Terrorismusabwehr-Übung den Abtransport eines Verletzten mit einem Hubschrauber.

Die Polizei fordert die Hilfe der Bundeswehr an. Ein Transportpanzer Fuchs und ein Boxer rollen heran, um Verletzte aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Einsatz der Bundeswehr im Inland ist im Grundgesetz streng geregelt und politisch hochumstritten. Die Polizei muss stets klar das Kommando im Inland haben. In Stetten sichern Soldaten die Sammelstelle der Verletzten und helfen bei der Sprengstoffentschärfung. Auf Terroristen schießen sie nicht. "Polizei schützt - Bundeswehr unterstützt", bilanziert Brigadegeneral Andreas Henne. "Das konnten sie heute hautnah miterleben."

30 Polizeibeamte aus Rheinland-Pfalz mimen die Terroristen. Die anderen Teilnehmer erhalten vorher kaum Anweisungen. "Da gilt das freie Spiel der Kräfte", sagt Gerd Plankenhorn, Referent im baden-württembergischen Innenministerium. "Wir machen keine Show für Gäste hier, sondern wollen sehen, wie unsere Konzepte funktionieren."

Um 09:41 Uhr ist die Gefahr gebannt

Nach einigen qualvollen Minuten rücken schließlich Spezialkräfte an. Schwer bewaffnete SEK-Polizisten seilen sich von einem Hubschrauber in die Gefahrenzone ab, dann fallen viele Schüsse. Um 9.41 Uhr der erlösende Funkspruch: Die Täter sind bekämpft.

Bereits 2017 hat die Bundeswehr mit der Polizei gemeinsam den Kampf gegen den Terror geübt, allerdings nur am grünen Tisch. Bei der sogenannten GETEX offenbarten sich Mängel in der Kommunikation. Bundeswehr und Polizei sprechen nicht immer die gleiche Sprache. So gibt es etwa auf Stabsebene einen Glossar, der bei der Übersetzung hilft, weil oft Begriffe wie "Objektschutz" unterschiedliche Bedeutungen haben für Soldaten und Polizisten. (best/dpa)

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