852 Menschen starben beim Untergang der estnischen Fähre MS Estonia am 28. September 1994. Noch heute fragen sich viele Angehörige der Opfer, was damals wirklich passiert ist. War es ein Unfall bei schwerem Seegang? Oder hat doch etwas anderes das Schiff zum Sinken gebracht? Eine Dokumentation liefert neue Hinweise - und könnte schwere Konsequenzen für den Filmemacher haben.

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Die fünfteilige Dokumentationsserie mit dem Titel "Estonia - fyndet som ändrar allt" (Estonia - Der Fund, der alles verändert) hat in Schweden für mächtig Aufsehen gesorgt. Die Streaming-Plattform D-Play hatte die Dokumentation am Montag, dem 26. Jahrestag des Untergangs der Ostsee-Fähre MS Estonia veröffentlicht.

Die Dokumentarfilmer hatten mithilfe eines Tauchroboters neue Aufnahmen von dem Wrack gemacht und dabei ein vier Meter hohes und 1,20 Meter breites Loch im Schiffsrumpf entdeckt.

MS Estonia
Diese Aufnahme zeigt das Loch, das die Filmemacher mit ihrem Tauchroboter am Wrack der MS Estonia entdeckt haben.

Das schwedische "Aftonbladet" veröffentlichte als erstes Blatt die Bilder und scheuchte damit nicht nur die schwedische Bevölkerung auf, für die das Schiffsunglück bis heute eine Art kollektives Trauma darstellt. Mehr als 500 der 852 Todesopfer waren Schweden. Fünf Deutsche starben. Nur 94 Tote konnten geborgen werden, mehr als 750 Opfer liegen bis heute mit dem Schiffswrack vor der Südküste Finnlands auf dem Grund der Ostsee.

Was passierte mit der MS Estonia?

Es war das schreckliche Ende einer vermeintlichen Routinefahrt von Tallinn nach Stockholm. In der Nacht war auf halber Strecke bei rauer See plötzlich Wasser in das Schiff eingedrungen. Die meisten Passagiere, die sich unter Deck aufgehalten hatten, schafften es nicht mehr nach draußen. Einige erfroren in der kalten Ostsee.

Soldaten der finnischen Armee tragen Opfer des MS-Estonia-Unglücks.
Soldaten der finnischen Armee tragen Opfer des MS-Estonia-Unglücks. (Archivbild)

Was genau damals passierte, darüber wird seit Jahren gestritten. Laut dem offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997 ist das abgerissene Bugvisier die Ursache für den Untergang gewesen. Doch laut "Süddeutscher Zeitung" hatten die Inspektoren der an der Untersuchung beteiligten Länder das Wrack selbst nie untersucht, was die Zweifel in der Bevölkerung nährte.

Die Bugklappe der MS Estonia (Archivbild)
Die Bugklappe der MS Estonia (Archivbild)

Nun keimt wieder Hoffnung auf, dass das neue Filmmaterial endlich Licht ins Dunkel bringen könnte. Die schwedische Havariekommission sichtete die Filmaufnahmen, teilte der stellvertretende Generaldirektor der Kommission, Jonas Bäckstrand, der Deutschen Presse-Agentur mit.

Löfven: "Schweden lügt nicht über den Estonia-Untergang"

Der schwedische Regierungschef Stefan Löfven versicherte am 30. September, die neuen Informationen ernstzunehmen. Zunächst müssten sich die fachkundigen Behörden die neuen Aufnahmen anschauen, sagte er vor Reportern in Stockholm. Angesichts der Vorwürfe, Schweden sage in dem Fall nicht die Wahrheit, machte er zugleich klar: "Schweden lügt nicht über den Estonia-Untergang." Es sei wichtig, in der Hinsicht zusammenzuarbeiten.

Zuvor hatte bereits Estlands Regierungschef Jüri Ratas angesichts der neuen Unterwasseraufnahmen von bedeutenden neuen Informationen, die zuvor nicht erörtert worden seien und eine klare Antwort erforderten, gesprochen. "Eine neue technische Untersuchung der neuen Umstände der Estonia muss durchgeführt werden", sagte er.

Estland würde den Prozess als Flaggenstaat des Schiffes leiten. "Unser Wunsch ist es, dass die Wahrheit definitiv ans Licht kommt", sagte Ratas.

Der frühere estnische Staatsanwalt und Estonia-Ermittler Margus Kurm hatte zuletzt in einem Interview gesagt, die neuen Informationen deuteten darauf hin, dass die Fähre wahrscheinlich aufgrund eines Zusammenstoßes mit einem U-Boot gesunken ist. Andere Experten glauben, das Loch könnte auch erst unter Wasser entstanden sein. Gründe gibt es jedenfalls genug, das Wrack noch einmal eingehend zu untersuchen.

Filmemacher Evertsson drohen Konsequenzen

Für den Filmemacher Henrik Evertsson und ein Mitglied seiner Crew könnte die Dokumentation jedoch auch noch persönliche Konsequenzen haben. Er muss sich vor Gericht verantworten.

Mehrere Länder, darunter Schweden und Estland hatten die Estonia 1995 zu einem Seegrab erklärt. Evertsson habe mit seinen Aufnahmen die Grabruhe gestört. Darauf drohen bis zu zwei Jahre Haft.

Evertsson hat jedoch bereits seine Verteidigung parat. Wie "Sueddeutsche.de" schreibt, habe die Crew extra ein deutsches Tauchschiff gechartert, um die Estonia zu untersuchen, da Deutschland das Gesetz zur Grabesruhe nie unterzeichnet habe. (ska/dpa)