In einem Interview verteidigt sich der unter Kinderporno-Verdacht geratene SPD-Politiker Sebastian Edathy: Das von ihm bestellte Material sei legal gewesen – und stehe in der Tradition von Aktbildern, die in der Kunstgeschichte selbstverständlich seien. Doch wann wird ein Nackt- zum Aktbild?

"Ich bin nicht pädophil", sagt Sebastian Edathy. Anfang Februar hatte die Polizei die Wohnung und Büros des SPD-Politikers durchsucht: Er war in Verdacht geraten, kinderpornographisches Material zu besitzen. Der Politiker legte sein Bundestagsmandat nieder und tauchte unter. Nun äußerte er sich in einem Interview zu den Vorwürfen. Immer wieder betont er: "Was ich erworben habe, ist nach deutschem Recht legal" und "Ich bin ein Gegner von Kinderpornographie".

Warum aber besaß er dann Fotos und Videos von nackten Jungen? Aus Interesse an Kunst – so klingt es aus seinen Worten heraus. Edathy spricht davon, dass der männliche Akt eine lange Tradition in der Kunstgeschichte habe. Das stimmt auch: Bereits in der klassischen griechischen Kunst wurde der nackte Körper als Bild absoluter Vollkommenheit und Spiegelbild der göttlichen Ordnung gefeiert.

Doch das bei Edathy gefundene Material kann wohl kaum als Kunst gelten. "Was ein Nacktbild zum Aktbild macht, ist die Intention des Künstlers", sagt der Fotograf und Kunsthistoriker Florian Heine. "Ich habe die Bilder, um die es jetzt geht, nicht gesehen, aber es gab dabei offenbar keinen künstlerischen Anspruch."

Kunst ist nicht automatisch harmlos

Statt um Kunst ging es um Kommerz. Das Unternehmen Azov Films, bei dem Edathy Kunde war, produzierte die Fotos und Videos, um Geld damit zu verdienen. Ein deutscher Kameramann, der sich als Karatelehrer ausgegeben hatte, um die nackten Kinder und Jugendlichen aufzunehmen, soll pro Film zwischen 1.000 und 3.000 Euro bekommen haben – von künstlerischer Intention keine Spur. Es ging bei diesen Bildern nicht wie in der Kunst um die Thematisierung von menschlichen Erfahrungen, sondern um die Darstellung kommerziell verwertbarer Nacktheit. "Weit hergeholt", findet Heine darum die Argumentation von Edathy. "Wenn es ihm um Kunst geht, kann er in ein Museum gehen."

Hinzu kommt, dass auch Kunst nicht automatisch harmlos ist. Immer wieder wird in der Malerei und Fotografie über die Darstellung nackter Kinder diskutiert. So sagte das Essener Folkwang Museum Anfang des Jahres eine Ausstellung des Malers Balthus ab, weil dessen Bilder ein junges Mädchen in eindeutigen Posen zeigten. Andere Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner gerieten in die Kritik, weil sie erotisch aufgeladene Bilder von Kindern malten. Die Grenze zwischen Kunst und pädophilen Abbildungen ist keineswegs eindeutig, der Grat zwischen akzeptierten künstlerischem Tabubruch und Missbrauchsvorwurf schmal.

Edathy-Argumentation verharmlosend

Es mag sein, dass sich Edathy die Fotos und Videos tatsächlich aus ästhetischen Gründen angesehen hat. Laut Experten ist jedoch in vielen Fällen das Betrachten scheinbar harmloser Kinder-Nacktfotos nur ein erster Schritt hin zu härteren Bildern. "Nach unserer Erfahrung ist der Konsum scheinbar natürlicher Nacktbilder oft nur der Anfang, und dann wird weitergesucht im Web", sagt die Psychologin Anna Beckers vom Projekt "Tatgeneigte" der Behandlungs-Initiative Opferschutz (BIOS) in Karlsruhe, wo Menschen Hilfe finden, die befürchten, eine Sexualstraftat zu begehen.

Edathys Argumentation ist auch problematisch, weil sie das Kaufen von Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen verharmlost. Die Umstände, unter denen solche Bilder entstehen, sind oft unklar. In dem Interview sagt Edathy, er könne ausschließen, dass die Personen auf seinen Bildern für andere nicht legale Aufnahmen missbraucht wurden. Das dürfte die Ausnahme sein. "Selbst wer versucht, nur unverfängliche Bilder aus dem Netz zu laden, dazu aber spezielle Anbieter, Foren oder Newsgroups aufsucht, unterstützt die Pornografie-Branche in ihrer vollen Bandbreite", sagt der Sexualpsychologe Christoph J. Ahlers. Meist würden von denselben Kindern ganze Strecken fotografiert, von harmlosen Bildern bis zu sexuellem Missbrauch.

Es wird darum inzwischen diskutiert, den Handel mit Nacktbildern von Kindern und Jugendlichen ganz unter Strafe zu stellen. Bislang sind nur Bilder strafbar, auf denen eine "geschlechtsbetonte Pose" eingenommen wird. Dann wäre wohl auch das Material, das sich Edathy besorgt hat, nicht mehr legal - ob er es aus ästhetischem Interesse betrachtet hat oder nicht.