Geiz ist geil? Eben nicht. Besonders nicht bei Lebensmitteln. Die günstigen Preise bei Discountern zahlen nämlich nicht die Kunden mit ihren vermeintlichen Schnäppchen, sondern wir alle. Aber es gibt Möglichkeiten, sich dem Billig-Wahn zu entziehen.

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Eine Gurke: 39 Cent. Das Kilo Schweinebraten, fertig gewürzt: 4,89 Euro. Ein Liter frische Vollmilch: 69 Cent. So steht es im aktuellen Angebot eines deutschen Discounters und so findet man es in vielen anderen Supermärkten auch. Lebensmittel in Deutschland sind günstig.

Doch was, wenn dieser günstige Preis nur die halbe Wahrheit erzählt? Wenn die Lebensmittel nicht nur günstig, sondern zu günstig sind? Der Preis eines Lebensmittels setzt sich aus vielen Faktoren zusammen: den Kosten für die Erzeugung, für den Vertrieb, für das Marketing, für Arbeitskosten, Steuern und so weiter.

Liste der Schäden durch Lebensmittelproduktion ist lang

Was in all den Preisberechnungen fehlt, sind die Kosten für die Schäden, die bei der Produktion an Mensch, Natur und Tieren entstehen. Externe Kosten heißt dieser Effekt im Wirtschaftsjargon und das sind eine ganze Menge.

Bodenerosion, Ausstoß von Treibhausgasen, Verschmutzung der Gewässer, die Auswirkungen von Pestiziden auf Tiere, Menschen und Natur, die Rodung von Wäldern zum Flächengewinn für Tierfutteranbau, Verlust von Artenvielfalt, Überfischung der Meere - die Liste der Schäden, die die Lebensmittelproduktion verursacht, ist lang, die Kosten sind hoch.

So liegen laut Peter Röhrig, dem Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V., kurz BÖLW, zum Beispiel die Kosten, um das Trinkwasser zumindest so zu reinigen, dass die Grenzwerte eingehalten werden, derzeit bei jährlich 1,5 Milliarden Euro. Würde man Nitrat und Pestizide komplett herausfiltern wollen, lägen die Kosten laut Röhrig sogar bei rund 50 Milliarden Euro.

Nachhaltig zu leben ist gar nicht so schwer. Schon kleine Veränderungen können einen großen Unterschied machen.

Der wahre Preis fürs Essen

Für diese Kosten zahlt aber nicht derjenige, der die Schäden verursacht und auch nicht derjenige, der die Produkte kauft - es zahlen alle. Ein Zustand, den auch die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch kritisiert: "Wir fordern seit langem, dass das sogenannte Verursacherprinzip gilt. Das heißt, dass derjenige, der die Umweltkosten verursacht, auch dafür aufkommen muss", erklärt Pressesprecher Dario Sarmadi.

Für die Gurke, den Schweinebraten oder den Liter Milch würde das bedeuten: Sie werden teurer. Wie teuer, das hat vor kurzem eine Studie der Universität Augsburg im Auftrag der Tollwood GmbH für Kultur- und Umweltaktivitäten und der Schweisfurth Stiftung untersucht.

Dabei hat man sich auf drei Umweltfolgen (Stickstoff, Klimagase und Energieerzeugung) konzentriert und deren Kosten für unterschiedliche Lebensmittelkategorien berechnet.

Die Preise, die dabei herausgekommen sind, sprechen eine deutliche Sprache. Bei tierischen Produkten aus konventioneller Haltung beziehungsweise Produktion beträgt der Preisaufschlag auf die Erzeugerpreise 196 Prozent. Bei konventionell hergestellten Milchprodukten liegt der Aufschlag bei etwa 96 Prozent, bei pflanzlichen Produkten noch bei 28 Prozent.

Schäden werden erst spät sichtbar

Legt man die externen Kosten auf den Ladenpreis um, ist der Aufschlag zwar geringer, aber immer noch auffallend. So ergeben sich für konventionelle tierische Produkte Aufschläge in Höhe von 43 Prozent, auf konventionelle Milchprodukte 32 Prozent und auf konventionelle pflanzliche Produkte 6 Prozent.

Die Discounter-Gurke müsste demnach nicht 39 Cent, sondern knapp 41 Cent kosten, der Liter Milch nicht 69 Cent, sondern etwa 91 Cent und der Schweinebraten statt 4,89 Euro etwa 7 Euro. Ein enormer Preisunterschied, den wir aber nicht an der Supermarktkasse serviert bekommen, sondern auf anderem Weg.

Zum Beispiel durch die Abwasserreinigungskosten oder durch Schäden infolge des Klimawandels. Manche dieser Kosten zahlen wir gleich, bei anderen geben wir die Rechnung an unsere Kinder weiter, weil die Schäden erst später sichtbar werden.

"Die Industrie ist Kern des Problems"

Was also tun? Für Dario Sarmadi von Foodwatch ist hier in erster Linie die Politik gefragt. Sie sollte dafür sorgen, dass die externen Kosten auch in den Regalen angezeigt werden, denn nur so hat der Kunde Transparenz.

"Im Supermarkt sollte es ehrliche Preise geben, erst dann kann man eine wirkliche Entscheidung treffen. Natürlich kann man sagen: Leute, kauft mehr Bio, aber das ist immer noch eine soziale und eine Kostenfrage."

Dass die Politik in dieser Sache handelt und tatsächlich dafür sorgt, dass die Lebensmittelindustrie vergleichbare Preise schafft, sieht Sarmadi skeptisch: "Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft kümmert sich einerseits um den gesundheitlichen Verbraucherschutz, gleichzeitig kümmert sich Frau Klöckner aber auch um die Interessen der Landwirtschaft und Ernährungsindustrie. Das ist ein Interessenskonflikt, der sich oft nicht auflösen lässt, denn die Industrie ist in vielen Fällen nicht Teil der Lösung, sondern der Kern des Problems."

Wer nicht darauf warten möchte, dass Politik oder Industrie handeln, kann trotzdem etwas tun, um die Kosten für die Umwelt zu reduzieren. Hier lautet das erste Gebot: Weniger ist mehr. Statt sich täglich ein Brot mit Discounter-Wurst zu schmieren, könnte es auch der gute alte Sonntagsbraten werden. Vom Bio-Metzger, in Ruhe zubereitet und mit Freunden und Familie gemeinsam verspeist.

Die Mär vom deutschen Schnäppchenjäger

Die viel erzählte Mär vom Deutschen, der nur auf den Preis schaut, stimmt ohnehin nicht. Die Deutschen geben zwar nur rund 10 Prozent aller Konsumausgaben für Lebensmittel aus, während es in Frankreich beispielsweise 13 und in Italien sogar 14 Prozent sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Zum einen gebe es laut Dario Sarmadi in Deutschland ein höheres durchschnittliches Einkommen, wodurch der Anteil selbst sinkt. Zum anderen seien in Deutschland Lebensmittel generell viel billiger als in anderen Ländern, was an der großen Macht der Discounter liege.

"In Deutschland ist die Discounter-Dichte viel höher als zum Beispiel in Frankreich. Dadurch entsteht ein Preiskampf nach unten. Das sieht man ganz gut am Unterschied zwischen den Eigenmarken der Discounter und den Produkten der anderen Anbieter. Dieser Unterschied ist in Deutschland besonders groß", erklärt Sarmadi.

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, häufiger zu Bio-Lebensmitteln zu greifen als zur Billig-Ware. Bio-Produkte verursachen zwar auch externe Kosten, aber deutlich geringere. So liegt laut Studie der Ladenpreisaufschlag auf tierische Produkte hier statt bei 43 Prozent "nur" bei 18 Prozent. Bei pflanzlichen Bio-Produkten müsste man für die externen Kosten sogar nur 1 Prozent aufschlagen.

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