Am 28. Oktober feiert Anton Schlecker seinen 75. Geburtstag. Wir blicken noch einmal auf den Schlecker-Skandal mit der Pleite, den wirtschaftlichen Auswirkungen und den Folgen für die Mitarbeiter zurück.

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War das Dilemma möglicherweise schon viel früher abzusehen, spätestens aber Ende 2010, als Schlecker hohe Investitionen ankündigte, um durch Umgestaltungen den Umsatzrückgang aufzuhalten? 2011 häuften sich Berichte über eine finanzielle Schieflage, Schlecker reagierte mit Entlassungen und schloss Filialen.

2012 dann der finale Schock mit der Insolvenzanmeldung von Schlecker sowie der Schlecker-Tochter Ihr Platz. Betroffen waren letztendlich insgesamt über 6.000 Filialen mit mehr als 30.000 Mitarbeitern. Auch wenn zunächst die Rede davon war, dass sich Schlecker über ein Insolvenzverfahren sanieren wolle, so war es ein Sterben auf Raten.

Für die Beschäftigten eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Es folgten Darlehensanfragen, Investoren kamen ins Spiel, doch letztlich scheiterten alle Rettungsversuche.

Aufstieg und Fall eines Imperiums

Der Aufstieg verlief kometenhaft: 1975 eröffnete Schlecker seinen ersten Drogeriemarkt. Nur zwei Jahre später betrieb er bereits über 100 Drogerien, 1984 waren es 1.000, und ab 1994 war er Marktführer.

Schlecker beschäftigte zeitweise mehr als 50.000 Angestellte. Zum Zeitpunkt der Insolvenz 2012 waren es noch ca. 27.000, davon 90 Prozent Frauen, viele jenseits der 50 oder Alleinerziehende, allesamt nunmehr arbeitslos, viele mit noch ausstehenden Lohnzahlungen, von Entschädigungen oder Abfindungen ganz zu schweigen.

Warum sah keiner die Katastrophe kommen?

Ungewöhnlich für einen Konzern mit einem zeitweiligen Umsatz von fünf Milliarden Euro war die Rechtsform: Anton Schlecker war "Eingetragener Kaufmann". Daher gab es keine Bilanzpflicht, das bedeutete fehlende Transparenz und kaum Kontrollmöglichkeiten.

Der Betriebsrat bekam Informationen meist nur über den Klageweg, und dann auch nur rückwirkend und keine in die Zukunft gerichtete Vorausschau. "Die Mitbestimmung war gleich null", so die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Christel Hoffmann.

Der Nachteil dieser Rechtsform für Anton Schlecker: Er haftete mit seinem Privatvermögen.

Die Politik ließ die Mitarbeiter im Stich

Die Folgen für die Beschäftigten hätte man durch die Einrichtung einer Transfergesellschaft, wie vom Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz angeregt, abmildern können. Teile der CDU, die FDP sowie der damalige FDP- Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sprachen sich dagegen aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel halte "Transfergesellschaften für ein veraltetes arbeitsmarktpolitisches Instrument aus vergangenen Zeiten der Massenarbeitslosigkeit", so Regierungssprecher Steffen Seibert. Diese Einschätzung sollte sich als teuer erweisen: Die gesamtfiskalischen Kosten für die nach einem Jahr noch arbeitslosen ehemaligen Beschäftigen beliefen sich auf knapp 190 Millionen Euro, die beantragte Kreditbürgschaft für die Einrichtung einer Transfergesellschaft sollte nur knapp 80 Millionen Euro kosten.

Wie vom Insolvenzverwalter befürchtet, kam es nach der Absage der Auffanggesellschaft zu mehr als 3.000 Kündigungsschutzklagen, mit der Folge, dass potenzielle Investoren absprangen.

Die langfristigen Folgen für die Beschäftigten

Ende 2013 waren noch mehr als 9.000 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter arbeitslos gemeldet. 2014 waren es noch 6.000.

2.000 hatten einen Job bei "Rossmann", 800 bei "dm" bekommen, andere in fremden Branchen, teilweise befristete Arbeitsverträge und einem Gehalt unterhalb des Tarifs des Einzelhandels. Zirka 150 machten sich selbständig.

Auf Initiative des Ver.di Landesbezirks Baden-Württemberg wurde Mitte 2012 der Solidaritätsfonds "Schlecker-Frauen" eingerichtet, um materielle Notlagen zu lindern. Die Mittel des Fonds, ca. 73.000 Euro, kamen durch Spenden zusammen. Auf Antrag erhielten Betroffene einmalige Zuwendungen von maximal 400 Euro.

Der Prozess und die strafrechtlichen Folgen

Lars und Meike Schlecker wurden 2017 zu Haftstrafen verurteilt und legten Revision ein. Vergeblich, der BGH bestätigte im April 2019 das Urteil. Beide sind nun wegen Insolvenzverschleppung, Untreue sowie vorsätzlichem Bankrott rechtskräftig zu zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt, die Strafe kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden.

Anton Schlecker bekam eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren und eine Geldstrafe in Höhe von 54.000 Euro. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz konnte im Prozess glaubhaft machen, dass Anton Schlecker bis zum Schluss an eine Rettung seines Unternehmens glaubte.

Das Verfahren gegen Schleckers Frau Christa wurde eingestellt, nachdem sie 60.000 Euro an eine gemeinnützige Organisation überwiesen hat, die Summe, die sie 2012 noch für einen Beratervertrag erhalten hatte, als das Unternehmen bereits insolvent war.

Die Urteilsbegründung

Der Vorsitzende Richter Roderich Martis warf der Familie vor, die Restsubstanz der Firma geplündert zu haben. Spätestens Anfang 2011 hätte ihnen als studierte Betriebswirte klar gewesen sein müssen, dass die Finanzlücke von 60 Millionen Euro nicht mehr gestopft werden konnte; Anton Schlecker hatte kein liquides Privatvermögen mehr für den Ausgleich der Forderungen. Von 2008 bis Ende 2011 hatten sich die Verluste von 82 Millionen auf 205 Millionen Euro erhöht, während der Umsatz massiv zurückging.

Vermutlich sah die Familie bereits 2009 die drohende Insolvenz kommen. Zu diesem Zeitpunkt überschrieb Schlecker die Familienvilla an seine Ehefrau. Weitere Vermögenswerte wurden ab 2011 übertragen und Gelder aus der Fima abgezogen. 2012 überwiesen die beiden Kinder je drei Millionen Euro vom Firmenkonto auf ihr Privatkonto.

Das Ausmaß der Pleite

Alles in allem wurden mehr als 30.000 Mitarbeiter entlassen und über 6.000 Filialen geschlossen. Vom einstigen Marktführer ist nichts mehr übrig. Über 20.000 Gläubiger haben Forderungen in Höhe von über einer Milliarde Euro angemeldet, so das Handelsblatt, von denen 700 Millionen anerkannt sind, der Rest ist strittig.

Viele der Gläubiger, darunter auch Mitarbeiter mit offenen Lohnzahlungen, dürften leer ausgehen. Der Insolvenzverwalter betreut die Restabwicklung und versucht, noch einige Hundert Millionen Euro mit Kartellklagen gegen frühere Lieferanten einzutreiben, daher dauert das Verfahren weiter an.

Quellen:

  • Jörg Reitzig: Folgen der Schlecker-Pleite für die Beschäftigten, Ein Beitrag zur Bilanzierung einer der größten Insolvenzen, Arbeitspapier der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, Nr. 4 - Februar 2017
  • Rüdiger Bäßler: Schlecker-Prozess - Sie wussten, was sie taten, Zeit Online
  • Insolvente Drogeriemarktkette - Schlecker-Erben müssen ins Gefängnis, Zeit Online
  • Martin-W. Buchenau: Drogerie-Pleite - Kinder des Schlecker-Gründers müssen in Haft, Handelsblatt
  • Stefan Mayr: Schlecker-Prozess - Ehemalige Mitarbeiter wollten Haft für Anton Schlecker, Süddeutsche Zeitung, SZ.de
  • Stefan Mayr: Schlecker-Prozess - Ich kann den Insolvenzgläubigern nur sehr wenig Hoffnung machen, Süddeutsche Zeitung, SZ.de
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