Eitelkeiten, Schuldzuweisungen und viel Polemik: Im Bahn-Streik greifen sich die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gegenseitig scharf an. Lässt sich angesichts der erhärteten Positionen beider Seiten überhaupt noch sinnvoll verhandeln? Laut Rhetorikexperte Peter H. Ditko hat GDL-Chef Claus Weselsky gar keine andere Chance, als mit sprachlicher Härte zu agieren. Produktiv sei dieser Weg aber nicht.

In Deutschland stehen die Züge still - und die Deutsche Bahn und die GDL streiten weiter. Polemische Argumentationen prägen die Tarifverhandlungen zwischen beiden Verhandlungspartnern, die Rhetorik nimmt an Schärfe zu. Lassen sich in einer solch aufgeheizten Atmosphäre überhaupt sinnvolle und vor allem schnelle Ergebnisse erzielen? Und welche Ziele verfolgen beide Seiten mit ihrer Sprachwahl überhaupt? Rhetorikexperte Peter H. Ditko versucht sich an Antworten.

Herr Ditko, Bahn und GDL gehen verbal mit offenen Visieren aufeinander los. Was steckt hinter dieser brachialen Rhetorik?

Peter H. Ditko: Es ist der Kampf einer kleinen Gewerkschaft, der es darum geht, mehr Macht zu bekommen. Wir kennen das etwa von der Fluglotsengewerkschaft Cockpit. Es gibt ja die Überlegung, zur Mitte des Jahres ein Gesetz einzuführen, das den kleinen Gewerkschaften diese Macht nimmt (Tarifeinheitsgesetz, Anm. d. Red.). Jetzt versucht die Lokführergesellschaft ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen.

Mit welchen Mitteln? GDL-Chef Claus Weselsky ist nicht gerade für Zurückhaltung bekannt ...

Erstmal muss man sagen, dass das unsinnig so ist. Das sollte in einem anderen Ton passieren, vor allem gegenüber den Bahn-Kunden und gegenüber den Bürgern der Bundesrepublik Deutschland. Stattdessen wird das Ganze in eine unangenehme Sprachform gekleidet. Andererseits vertritt der GDL-Vorsitzende seine Zielgruppe. Und diese Zielgruppe scheint diese markigen Worte im Augenblick hören zu wollen. Er wird aber ein Problem haben, wenn er sich nicht durchsetzen kann. Deswegen wird dieser Machtkampf sprachlich mit aller Härte geführt. Dabei ist seine Rhetorik unschön.

Das heißt?

Das ist das Mittel, das der GDL-Vorsitzende einsetzen will und muss, um in seiner Gewerkschaft die Führung zu behalten. Normalerweise ist es bei solch harten Verhandlungen sinnvoller, weicher und verbindlicher aufzutreten. Das hilft.

Es gibt den Vorwurf, dass sich Weselsky mit dieser Rhetorik profilieren möchte.

Natürlich, hinter dieser Rhetorik steckt ein Machtinteresse des GDL-Vorsitzenden. Er muss gewinnen, sonst ist er seinen Job los. Das ist es, was die Bevölkerung so verärgert. Es geht gar nicht um mehr Lohn, sondern einfach um die Macht dieses einen Mannes.

Das klingt nach Kalkül. Am Ende lassen die Kunden ihren Frust aber an den Bahn-Mitarbeitern ab.

Nicht nur die Bahn-Mitarbeiter, sondern auch die Lokführer werden, wenn sie nicht aufpassen, bald kein einfaches Leben mehr haben. Die Stimmung schlägt um. Ein, zwei Tage Warnstreiks ist der Bahn-Kunde ja schon gewohnt. Aber eine Woche ist er nicht gewohnt. Das schlägt sicher auf die Lokführer um. Und wenn die dann ihre "Prügel" beziehen, wird es auch ihr Vorsitzender schwer haben.

Macht sich die Bahn diese Stimmung in ihrer Argumentation zunutze?

Auf beiden Seiten haben wir dasselbe System. Es wird versucht, dem anderen die Schuld zuzuschieben. Das ist ein Poker. Die Frage ist dabei, wer das meiste Geld hat. Irgendwann wird der GDL das Streikgeld ausgehen. Die Bahn hat genügend davon. Doch jetzt kann der GDL-Vorsitzende nicht mehr zurück. Entweder er setzt sich durch oder er ist seinen Posten los. Deswegen wird sich das Ganze noch mal verhärten.

Geht es auch um Symbolik?

Das ist wie Goliath gegen David. Sobald Verhandlungen gelaufen sind, kommt der GDL-Vorsitzende mit markigen Worten und verärgerter Mimik aus den Gesprächen heraus. Diese Rhetorik wirkt auf den Bürger abstoßend. Die Bahn indes versucht sich freundlicher darzustellen.

Doch die Gespräche am Verhandlungstisch sind gnadenlos ...

Ich denke ja. Die sind momentan so verfahren, dass auch innerhalb der Räume sehr harte Töne gewählt werden. Aktuell sind die beiden Verhandlungspartner auch persönlich sehr zerstritten, so dass ich nicht glaube, dass das angenehm oder freundlich vorgeht…

…und beide Seiten greifen dabei gezielt auf rhetorische Stilmittel zurück, um ihrer Argumentation Nachdruck zu verleihen?

Ob der GDL-Vorsitzende so viel Erfahrung hat, mag ich bezweifeln. Ich glaube nicht, dass die rhetorische Ausbildung dieses Herrn soweit reicht. Er reagiert einfach spontan und aus seiner Emotionalität heraus. Bei der Bahn wird das ganz anders sein. Hier hat man geschulte Kräfte, die diese Verhandlungen seit Jahren führen.

Peter H. Ditko, Jahrgang 1943, ist Geschäftsführer der Deutschen Rednerschule mit Sitz in Berlin, München und Bonn. An seinen Schulen trainieren Sprechwissenschaftlicher und Rhetorik-Absolventen unter anderem Bundestagsabgeordnete für ein sicheres Auftreten bei öffentlichen Reden.