Dass das Coronavirus in Europa und Deutschland angekommen ist, wirkt sich an einem Ort besonders deutlich aus: an der Börse. Beruhen die Kursverluste der vergangenen Tage auf realistischen Einschätzungen oder verfallen die Anleger einer unbegründeten Panik? Wir sprachen mit dem Finanzmarktökonomen Markus Demary über die Virus-Krise.

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Herr Demary, was beeinflusst eigentlich die Börsenkurse derzeit mehr: das Coronavirus oder die Nervosität der Anleger?

Markus Demary: Es wirkt beides zusammen: eine reale Krisensituation und die Reaktionen der Betroffenen. Zuvorderst ist natürlich das Virus der Auslöser für die Unruhe. Die Regierungen haben Maßnahmen gegen die Verbreitung des Krankheitserregers getroffen, durch die viele Arbeitskräfte ausfallen. Wenige sind krank, aber viele sind in Quarantäne, ganze Unternehmen werden vorübergehend geschlossen. Die Arbeitsausfälle ziehen Produktionsausfälle nach sich. Und die wiederum wirken sich auf nachgelagerte Stufen in der Lieferkette aus. Wenn der Zulieferer nicht liefern kann, kann der Abnehmer auch nicht produzieren. Und wenn in einem Land wie China die Produktion sehr stark eingeschränkt wird, hat das weitreichende Folgen. Wenn dann auch noch Flugzeuge nicht fliegen können oder nicht landen dürfen, dann können selbst die Waren, die noch produziert werden, in der Lieferkette nicht mehr weitergegeben werden.

Und die Anleger vermuten, dass die Situation eskalieren könnte?

Wenn wir wüssten, wie lange diese Situation anhält und wann die Normalität wieder einkehrt, wäre alles halb so schlimm. Weil das aber nicht so ist, setzt die Nervosität ein. Niemand weiß, welches Ausmaß das Problem noch annehmen wird – und das ist auch sehr schwer abzuschätzen. Momentan habe ich zwar den Eindruck, dass die Ausbreitung des Virus eingedämmt wird – aber das ist ja auch medizinisch nicht geklärt. Daraus resultiert eine reale Unsicherheit – und die spiegelt sich in Kursschwankungen wider. Die heftigen Ausschläge an den Börsen zeigen an, dass die Anleger nicht wissen, was kommen wird.

Momentan zeigt die DAX-Kurve deutlich nach unten. Sehen Sie da eine gewisse Übernervosität?

Man kann die Situation vielleicht mit der Schweinegrippe-Epidemie 2009/2010 vergleichen – die konnte nicht eingedämmt werden, trotzdem waren die wirtschaftlichen Folgen nicht sehr drastisch. Insofern sehe ich tatsächlich eine gewisse Übernervosität an den Börsen. Wir sehen im Moment eine große Unsicherheit an den Finanzmärkten, obwohl die schnellen Vorsorgemaßnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus viel mehr Sicherheit schaffen als damals.

Seit die Epidemie in Italien Fuß gefasst hat, scheint diese Unsicherheit deutlich gewachsen zu sein. Ist das nur psychologisch zu erklären oder hat es reale wirtschaftliche Ursachen?

Italien war bei der Überwindung der Banken- und Staatsschuldenkrise im Euroraum weniger erfolgreich als andere ehemalige Krisenländern wie Irland oder Spanien. Das Wirtschaftswachstum lag im letzten Quartal 2019 bei null Prozent. Für Italien besteht folgendes Risiko: Die Epidemie kann eine Rezession auslösen, was angesichts einer Schuldenquote des Staates von 131 Prozent des Bruttoinlandsprodukts möglicherweise die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen in Schwierigkeiten bringen kann.

Müssen wir einen Börsencrash fürchten?

Die Lage ist durchaus ernst, die Epidemie wird zweifelsohne zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums führen. Aber den Vergleich mit dem Kollaps der Lehman Brothers im September 2008, den manche Beobachter aufstellen, halte ich für stark übertrieben.

Als diese Bank im Jahr 2008 zusammenbrach, hatte das globale Folgen und löste die internationale Finanzkrise aus …

… aber es gibt derzeit keinerlei Anzeichen dafür, dass die Banken durch die Corona-Krise in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. Er wird zu einer Rezession kommen, ja, aber es wird eine "normale" Rezession sein, keine schwere Krise wie damals. Der Vergleich hinkt auch insofern, als damals die Banken sich untereinander kein Geld mehr leihen wollten und die Zentralbanken Liquidität in den Markt pumpen mussten – Liquidität ist aber aktuell im Überfluss vorhanden. Die Voraussetzungen sind heute völlig andere: Nach großen Reformen ist das Bankensystem jetzt viel robuster aufgestellt als vor zehn Jahren.

Welche Branchen sind besonders von der Corona-Krise betroffen?

Ich fürchte, dass es zunehmend zu Lieferengpässen mit Produkten aus China kommen wird – ein wichtiger Teil der Zulieferindustrie fällt also aus, gleichzeitig lässt die Nachfrage dieses wichtigen Handelspartners nach. Es kann also sehr viele Branchen in großen Teilen der Industrie auch bei uns treffen – bei weitem nicht nur die Tourismusbranche.

Wie sollte man sich als Anleger jetzt verhalten?

Panik ist nie eine gute Strategie – wichtig ist planvolles Vorgehen. Man sollte vor allem Ruhe bewahren, die Nachrichten verfolgen, sich ein Bild von der Lage machen, die Risiken checken. Zunächst muss man abschätzen: Inwieweit ist meine eigene Anlage eigentlich betroffen? Ein Kurseinbruch birgt immer auch die Chance, billig einzukaufen. Ob man das tut, hängt von der eigenen Risikoeinschätzung und vom Planungshorizont ab. Wer das Geld demnächst braucht, zum Beispiel als Altersversorgung, der sollte derzeit nicht investieren. Wer Zeit hat und warten kann, der kann jetzt sein Portfolio umschichten und neue Werte dazukaufen.

Anlageberater empfehlen oft Investmentfonds mit breit gestreutem Aktienbestand – hilft das in der jetzigen Situation?

Auch wer breit gestreute Investments hat, kann in der derzeitigen Situation Verluste erleiden. Jetzt ist auf jeden Fall ein schlechter Zeitpunkt, um sein Portfolio aufzulösen. Einige Branchen sind anfälliger als andere und daher stärker betroffen. Aber vielleicht greifen die Maßnahmen der Regierungen schnell und die Krise ist bald vorüber. Auf keinen Fall sollte man übereilt handeln.

Wie wird es weitergehen am Aktienmarkt?

Das können derzeit die Mediziner besser abschätzen als die Ökonomen. Ich hoffe, dass im Frühling die Temperaturen steigen – dann wird hoffentlich auch das Infektionsrisiko niedriger ausfallen.

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Dr. Markus Demary ist Senior Economist für Geldpolitik und Finanzmarktökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.