Sinkende Ölpreise, erhöhte Terrorgefahr, steigende Flüchtlingszahlen. Das Jahr 2015 ist von Krisen geprägt. Was erwartet unsere Wirtschaft im Jahr 2016?

Gute Aussichten: Die Wirtschaft wächst, die Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit bleibt vorerst unverändert. Deutsche Unternehmen blicken zuversichtlich auf das neue Jahr. Das Deutsche Wirtschaftsinstitut (DIW) in Berlin rechnet mit einem Wachstum von 1,7 Prozent. Grund dafür sind unter anderem die staatlichen Ausgaben für Flüchtlinge etwa durch den Neubau von Wohnungen. "Die Ausgaben für Geflüchtete werden in den kommenden Jahren wie ein massives Konjunkturprogramm wirken", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des DIW.

Derzeit sorgen die tiefen Rohölpreise für ein weiteres "kleines Konjunkturprogramm", äußert Bundesbankpräsident Jens Weidemann gegenüber der "Wirtschaftswoche". Dies würde die Lebenshaltungskosten der Haushalte und Produktionskosten der Unternehmen entlasten. Wer weniger für Strom und Benzin zahlt, hat am Ende des Monats mehr Geld für andere Dinge frei.

Die Wachstumsprognosen sind allerdings gleichzeitig mit Vorsicht zu genießen. Von einer "Wellblechkonjunktur" spricht das Institut für Weltwirtschaft in Köln (IW Köln). "Die Investitionstätigkeit kommt nicht richtig in Schwung. Ein solides Wachstum braucht aber Investitionen", erklärt Galina Kolev vom IW Köln. Grund sei die weiterhin besorgniserregende Entwicklung der Schwellenländer – etwa die schweren Rezessionen in Russland und Brasilien sowie die rückläufige Wachstumsdynamik aus China.

Kauflust trotz Krisen

Ungeachtet aller weltweiten Krisen steigt die Kauflust der Deutschen womöglich auch im neuen Jahr weiter an, so die Prognose der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die anhaltende Jobsicherheit sei ein wichtiger Grund für die seit Monaten hohe Bereitschaft der Verbraucher zu größeren Anschaffungen wie Autos, Möbeln oder teuren Urlaubsreisen. Schließlich meldete die deutsche Industrie allein im verarbeitenden Gewerbe knapp 5,4 Millionen Mitarbeiter und erreichte damit Ende August einen neuen Höchststand seit 2005. Aber auch steuerliche Maßnahmen wie die Erhöhung des Grund- und Kinderfreibetrags und das kräftige Rentenplus erhöhen die verfügbaren Einkommen.

Mehr Löhne

Im Schnitt bis zu fünf Prozent mehr Lohn als geplant, so viel zahlen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern im kommenden Jahr. Das geht aus einer Gehaltsstudie des Personaldienstleisters Robert Half hervor. Besonders Spezialisten in den Branchen IT, Finanz- und Rechnungswesen seien derzeit hoch gefragt und dürften sich über mehr Geld in der Tasche freuen. "Wer entsprechend qualifiziert ist, kann sich seinen Job oft aussuchen und die Unternehmen müssen um die besten Köpfe ringen", erläutert Sven Hennige von Robert Half im "Handelsblatt". Auch die von Experten prognostizierte niedrige Inflationsrate von 1,25 Prozent wird 2016 dafür sorgen, dass die Beschäftigten tatsächlich von ihren steigenden Löhnen profitieren.

Auch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro zu Jahresbeginn trägt Ökonomen zufolge zu den deutlichen Verdienstzuwächsen bei. Besonders profitierten davon Beschäftige mit eher unterdurchschnittlichen Löhnen.

Aufschwung am Arbeitsmarkt

Die Zahl der Menschen ohne Job steigt um rund 120.000, so die Prognose des IW Köln. Durch den vermutlich weiterhin starken Zustrom von Flüchtlingen bleibt die Erwerbslosigkeit aber auf einem niedrigen Niveau. Das liegt auch daran, dass von den rund 300.000 neu in den Arbeitsmarkt eintretenden geflüchteten Menschen laut IW Köln immerhin rund 80.000 eine Stelle finden dürften und ein weiterer Teil arbeitsmarktpolitische Maßnahmen durchlaufen wird.

"Trotz weltwirtschaftlicher Turbulenzen erwarten die Arbeitsagenturen keine negativen Konsequenzen für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit", sagt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und Strukturanalysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Obwohl Schwellenländer wie China ins Schlingern geraten sind, geht der deutsche Arbeitsmarktaufschwung weiter", betont Weber. Die Arbeitslosenquote bleibt fast unverändert bei rund 6,4 Prozent.

Neue Stellen

Insgesamt rechnet der IW Köln mit 43,25 Millionen erwerbstätigen Menschen – einem Plus von 0,5 Prozent gegenüber 2015. Das Wirtschaftsforschungsinstitut geht davon aus, dass rund 28 Prozent der deutschen Firmen ihre Mitarbeiterzahlen 2016 erhöhen.

Den größten Zuwachs erwarten IW Köln und das IAB bei Dienstleistern. Darunter fallen etwa Unternehmensberater, Werbeagenturen, Steuerberater, Architekten, Wirtschaftsprüfer und Marktforscher. Außerdem profitiere das Baugewerbe, dort sollen laut IAB neue Stellen entstehen – nicht zuletzt wegen der niedrigen Hypothekenzinsen.