• Städte, Straßen und fast acht Milliarden Menschen: Die Menschheit dominiert derzeit den Planeten.
  • Aber das war nicht immer so.
  • Wie der Mensch so erfolgreich wurde und warum wir uns nur noch bedingt weiterentwickeln können, erklärt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht im Interview.

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In den vergangenen Jahrtausenden hat sich der Homo sapiens, also der kluge beziehungsweise vernünftige Mensch, sehr zu seinem Vorteil entwickelt. Er baute Städte mit Gebäuden und Straßen, befuhr die Meere und eroberte die Lüfte.

Aber bedeutet das auch, dass wir erfolgreicher sind als andere Lebewesen? Und werden wir uns noch weiter entwickeln oder sogar eine neue Art bilden? Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht hat uns diese Fragen beantwortet.

Herr Glaubrecht, würden Sie sagen, dass der Mensch erfolgreich ist?

Matthias Glaubrecht: Woran ermessen Sie Erfolg? Man könnte sagen, wenn jemand besonders lange auf der Erde ist. Dann sind wir ziemlich erfolglos und Dinosaurier eigentlich sehr erfolgreich. Diese Gruppe der Dinosaurier, eine Sammelgruppe von meist großen Reptilien aus dem Erdmittelalter, ist nicht ausgestorben. Die Vögel, eine Linie dieser Sammelgruppe, haben bis heute überlebt. Der Mensch hingegen ist eine Eintagsfliege der Evolution.

Wie meinen Sie das?

Der Homo sapiens ist noch nicht lange dabei. Die frühesten Hominiden-Funde, die wir haben, sind 300.000 Jahre alt. Er ist also vor 300.000 Jahren irgendwo in Afrika entstanden und war in dieser Zeit auch im Norden des Kontinents, wo wir seine Überreste aus Marokko kennen. Afrika ist also der Ursprung unserer Art, des modernen Menschen, von wo aus wir vor etwa 70.000 Jahren ausgewandert sind. Die Gattung Homo selber ist ungefähr zwei Millionen Jahre alt und die Menschheitslinie, für die wir Belege haben, ungefähr sechs bis sieben Millionen Jahre. Es ist erstaunlich, wie sich der Mensch entwickelt hat. Er ist aus primatenhaften Vorfahren entstanden, diese hat es sehr wahrscheinlich schon zu Zeiten der Dinosaurier gegeben. Die ersten, weit entfernten affenartigen Vorfahren haben sich dann nach dem Aussterben der Dinosaurier über mehr als 50 Millionen Jahre bis hin zum Menschen entwickelt. Was man in jedem Fall sagen kann, ist, dass der Mensch in letzter Zeit wahnsinnig erfolgreich ist. Wenn man sich die Zahlen anschaut: Wir sind jetzt bei fast acht Milliarden Menschen. Zusammen mit unserem Nutzvieh und unseren Produkten bringen wir mehr Masse auf die Waage als sämtliche Biomasse der Erde. Und deswegen sind wir auch der beste Wirt, den sich etwa ein Virus wünschen kann.

"Es wurde mehr geliefert, als bestellt war"

Was hat uns so erfolgreich werden lassen?

Auf die Frage gibt es keine simple Antwort. Seit Darwin verweisen wir auf dieselben Faktoren. Das sind unser aufrechter Gang, unsere Beweglichkeit und unsere Fähigkeit, die Hände zu gebrauchen und Werkzeuge herzustellen, sowie unsere Kulturfähigkeit. Das alles kann man in unterschiedlichen Maßen auch bei Tieren beobachten. Man sagt auch, dass die Gehirnentwicklung wichtig ist. Aber der Neandertaler hatte ein größeres Gehirn. Alleine das ist es also auch nicht. Außerdem waren wir, bevor das Gehirn so wurde, wie es heute ist, als Hominiden über fünf bis sechs Millionen Jahre lang schon sehr erfolgreich. Es gibt keine Erklärung dafür, zu welchem Zweck man ein so großes Gehirn bräuchte. Wir können also sagen, dass mehr geliefert wurde, als bestellt war. Unser Gruppenleben war so kompliziert geworden, dass wir dafür vielleicht einfach ein großes Gehirn gebraucht haben. Wir hatten viel größere Vorteile, in Gruppen zu leben und zu überleben. Das ist unsere Hauptaktivität, damit beschäftigen wir uns den ganzen Tag. Das sieht man bis heute daran, wie viele Leute jeden Tag WhatsApp schreiben. Das ist die Fortsetzung davon, was sie früher gemacht haben: Sie saßen zusammen und haben sich etwas erzählt. Wie immer ist es vermutlich eine Kombination der verschiedenen Faktoren, aber unsere Sozialkompetenz spielt sicher eine entscheidende Rolle.

Kann sich der Mensch noch weiterentwickeln?

Da müssen wir die Frage beantworten, was wir mit Evolution meinen. Es gibt zwei wesentliche Evolutionsmechanismen. Sie findet immer in Anpassung auf die Umwelt statt. Evolution ist zum Beispiel, wenn sich ein grauer Esel in Afrika ausbreitet, wo es Krankheiten übertragende Tsetsefliegen gibt, die einen Selektionsdruck aufbauen. Diese Esel- und Pferdeahnen wandeln sich daraufhin und bekommen bedingt durch Mutationen zufällig Streifenmuster eines Zebras. Das neue Muster löst die Kontur dieser Pferdeverwandten auf und dadurch werden sie weniger gestochen. Wer mehr Streifen hat, ist damit besser gegen Krankheiten geschützt. Diesen ersten Prozess nennen wir die Weiterentwicklung in Anpassung auf die Umwelt in einer Linie. Dabei muss keine neue Art entstehen.

Und der zweite Prozess?

Der zweite Prozess ist dann eine Artenbildung durch räumliche Abgrenzung. Dabei werden aus einer Ursprungsart zwei Tochterarten. Zebraart A wohnt zum Beispiel links vom Gebirge und Zebraart B rechts. Wenn Sie mich jetzt fragen, was der Mensch in den letzten Zehntausenden von Jahren evolutiv durchgemacht hat, würde ich sagen, dass er sich in Anpassung an die Lebensumstände in seiner körperlichen Konstitution geändert hat. So haben wir etwa seit vielen Hundert Jahren insgesamt eine immer besser werdende Ernährungssituation. Die Frauen sind besser genährt, damit sind auch ihre Kinder und deren Kinder besser genährt. Das führt dazu, dass wir zum Beispiel größer werden. Es gibt also diesen Prozess einer Veränderung innerhalb der Menschenlinie. Da gibt es auch negative Faktoren, beispielsweise müssen wir immer früher Brillen tragen. Das sind meistens noch keine Evolutionsprozesse, aber Adaptationsprozesse. Die wird es auch weiterhin geben.

"Bei uns findet ununterbrochen Evolution statt, nur keine Artenbildung"

Entsteht aus dem Menschen irgendwann einmal eine andere Art?

Nein, definitiv nicht. Wir brauchen irgendeine Art räumlicher Trennung. Wir haben uns in der Vergangenheit mehrfach voneinander separiert, sind dabei etwa aus Afrika ausgewandert. Jede dieser Volksgruppen, die auf dem Weg entstanden ist, hat irgendeine Art von anderer Physiologie. Aborigines zum Beispiel brauchen die dunklere Hautfarbe gegen das Sonnenlicht, die Menschen in Europa nicht. Das Verlieren der Hautfarbe vor 5.000 bis 6.000 Jahren war ein solcher anpassungsbedingter Evolutionsvorgang. Wir haben uns in einzelne Gruppen differenziert, äußerlich erkennbar etwa über die Hautfarbe. Aber seit wir mit Segelschiffen um die Welt segeln können, verschmelzen die verschiedenen Volksgruppen wieder. Wenn ich das Spiel weiter treibe, dann wird das in den nächsten Tausenden von Jahren eine immer homogenere Menschengruppe. Das ist das Gegenteil von Evolution im Sinne von Artenentstehung.

Welche Art von Evolution halten Sie bei uns derzeit für notwendig?

Bei uns findet ununterbrochen Evolution statt, nur eben keine Artenbildung. Der entscheidende Fortschritt der Evolution bei uns wäre, dass wir so etwas wie kulturelle Evolution vollbringen. Vielleicht finden wir eine Antwort auf neue Umweltanforderungen, die unsere biologischen Eigenschaften überspielt. Dazu zählen unser Egoismus und unser Plündertum. Diese Merkmale haben uns erfolgreich werden lassen. Vielleicht schaffen wir es, dass wir sagen: So geht das nicht weiter. Ob das eine gute Anpassung ist oder möglich, da kann man geteilter Meinung sein. Eine biologische Evolution braucht jedenfalls Jahrhunderttausende, um sich durchzusetzen. Die Zeit haben wir nicht. Wenn wir uns anpassen wollen, dann müssen wir so etwas wie kulturelle Evolution durchlaufen und zwar möglichst alle von uns und schnell. Wie schwierig das ist, lernen wir jetzt in der Pandemie.

Zur Person: Prof. Dr. Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Professor für Biodiversität sowie Direktor des Centrums für Naturkunde an der Universität Hamburg. In seinem Buch "Das Ende der Evolution" befasst er sich mit dem Artensterben und erklärt, warum der Mensch die Existenz aller Lebewesen mit seinem Verhalten gefährdet. Das Interview wurde telefonisch geführt.
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