Es ist das Atlantis von Großbritannien: Das sagenhafte Reich Lyonesse soll einst im Südwesten der Insel gelegen haben - bis eine schreckliche Flutwelle es verschlang. Der Legende nach gab es dort 140 Kirchen und eine wunderschöne Stadt. Zudem wurde dort Tristan, der Held aus Tristan und Isolde, geboren. Aber warum ging das Land unter?

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Die Fischer von Cornwall machen manchmal seltsame Beute: Sie finden Glasscherben und Mauerreste in ihren Netzen. Sie und andere Bewohner an der Küste hören bei stürmischer See außerdem merkwürdige Geräusche. Aus der Tiefe des Meeres scheinen Kirchenglocken zu läuten.

Das erzählen jedenfalls die Legenden vor Ort - und liefern gleich eine Erklärung für die seltsamen Phänomene mit.

Einst lag demnach an der Südwestspitze Englands ein mystisches Land, das auf keiner Karte mehr zu finden ist. Lyonesse reichte von der südwestlichsten Spitze der Hautpinsel Englands, Land's End, bis zu den 45 Kilometer entfernten Scilly-Inseln.

Heute liegt dazwischen das Meer, damals sollen sich dort riesige Wälder erstreckt haben. Aber Lyonesse ereilte ein tragisches Schicksal, ähnlich wie das sagenumwobene Reich Atlantis: Beide wurden vom Meer verschluckt.

Eine reiche Stadt, die plötzlich verschwand

Lyonesse war der Sage nach ein reiches und fruchtbares Land. Die Bewohner sollen kräftig, hübsch und fleißig gewesen sein. Sie errichteten allein 140 Kirchen in ihrem Reich, deren Glocken bis heute zu hören sein sollen.

Die mächtigste Kathedrale stand in der Stadt City of Lions, dort, wo heute das sogenannte Seven Stones Riff liegt, auf halbem Weg zwischen den Scilly-Inseln und Land's End. Der höchste Punkt von Lyonesse war die kleine Insel St. Michael's Mount, die man bis heute besuchen kann.

Doch im fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschah eine Katastrophe: Der Ozean zerstörte Lyonesse in einer einzigen Nacht. Eine mächtige Flutwelle riss Menschen, Tiere, Wald und Häuser mit sich. Nur die Scilly-Inseln blieben übrig.

Ein einziger Mann soll den Untergang von Lyonesse überlebt haben: Trevelyan war auf der Jagd und irgendwo am Rand des Reichs unterwegs. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig, auf seinem weißen Pferd bis zum höher gelegenen Land's End zu fliehen.

Mehrere Familien in Cornwall verwenden bis heute Wappen, auf denen ein weißes Pferd und das Meer abgebildet sind.

Gottes Zorn oder ein Zauber von Merlin

Aber warum verschlang das Meer Lyonesse? Manche glauben, dass die Menschen arrogant und eitel geworden seien, dafür habe sie Gott bestraft.

Eine Sage aus dem Umfeld der König-Artus-Erzählungen hat eine andere Erklärung: Der Zauberer Merlin beschwor die Flut herauf und zerstörte das sagenhafte Land absichtlich. Die Welle tötete so die Armee von Artus‘ Erzfeind Mordred.

Auch in einer anderen weltbekannten mittelalterlichen Legende spielt Lyonesse eine Rolle: Dort wächst der Ritter Tristan auf, der später mit Isolde eine tragische Liebesgeschichte erlebt. Sie heiratete seinen Onkel, den König von Cornwall.

Tristan und Isolde treffen sich heimlich - bis sie entdeckt werden. Tristan muss fliehen. Als er das Gerücht hört, dass Isolde gestorben sei, fällt er tot um. Vor lauter Kummer stirbt seine Geliebte ebenfalls.

Spuren alter Zivilisationen unter Wasser

Doch all die Geschichten rund um Lyonesse sind noch lange kein Beweis dafür, dass das Land wirklich existierte. Allerdings finden sich sowohl im Ozean als auch an Land Hinweise, dass die Region früher nicht komplett von Wasser bedeckt war.

Vor den Scilly-Inseln sind unter Wasser Spuren uralter Zivilisationen erhalten geblieben, etwa Steinmauern und andere steinzeitliche Monumente. Der Grund: Der Meeresspiegel lag damals bis zu 100 Meter tiefer als heute.

Auf dem Meeresboden vor Land's End entdeckten Forscher außerdem Fossilienreste von Baumstämmen. Sie sind bei extremer Ebbe sogar vom Land aus zu sehen. So erklärt sich wohl der kornische Name von St. Michael's Mount, Karrek Loos y'n Koos: Übersetzt bedeutet das "der graue Fels im Wald".

Aus dem überlieferten Wissen um die in Urzeiten ganz andere Landschaft entspann sich wahrscheinlich über Jahrhunderte die Legende vom Reich Lyonesse.

900 gewaltige Kolosse aus Stein in verschiedenen Stadien der Vollendung stehen auf der abgelegenen Osterinsel im Pazifik mit dem Rücken zum Meer. Warum die Osterinsel-Statuen erschaffen wurden ist ein Rätsel.