Ein Bildnis von Maria beginnt plötzlich zu weinen, eine Madonnenstatue vergießt sogar blutige Tränen. Überall auf der Welt passieren angeblich solche Wunder. Aber kann das wirklich wahr sein, oder sind Schwindler am Werk?

Ein Sonntagmorgen im August 1953 in der südsizilianischen Stadt Syrakus. Die 20-jährige Antonia liegt schwanger im Bett und hat schwere Krämpfe. Sie sehe nur noch wie durch einen Schleier, klagt sie gegenüber ihrer Tante und ihrer Schwägerin. Die Frau ist schwanger, ihr Mann ist nicht zu Hause. Die beiden Verwandten beten für die junge Frau. Da kann sie plötzlich wieder ganz normal sehen – und plötzlich tropfen Tränen auf das Bett. Sie fallen aus den Augen der Madonna auf einem billigen Relief, das über dem Bett hängt.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht von der weinenden Madonna. Mehrere Tage und Nächte lang zieht eine ununterbrochen Prozession von Gläubigen an dem Bild vorbei. Es sollen Zehntausende sein. Viele werden Zeugen der Tränen.

Der Bischof schickt eine Expertenkommission, die ein paar Tropfen der Flüssigkeit auffängt. Die chemische Analyse zeigt: Es sind Spuren von Kochsalz darin, so wie auch in Tränenflüssigkeit. Doch so plötzlich wie sie gekommen waren, versiegen die Tränen wieder.

Damit ist das Wunder nicht vorbei: Denn nun verbreitet sich die Nachricht, dass das Madonnenbildnis heilende Kräfte habe. Schwerkranke werden nach Syrakus gebracht und angeblich geschehen unglaubliche Dinge: Seit Jahren gelähmte Greise können wieder gehen, abgestorbene Gliedmaßen tun wieder ihren Dienst, Blinde können sehen, Stumme beginnen zu sprechen. Nun pilgern die Menschen auch aus anderen Ländern nach Syrakus. Mit der Tränenflüssigkeit getränkte Wattebäusche werden verkauft, so dass die Wunder auch in der Ferne wirken.

Innerhalb von nur einem Monat soll es über 300 unerklärliche Heilungen gegeben haben. Der Bischof von Palermo erklärt die Tränen für echt. Die Stadt baut die Wallfahrtskirche Santuario della Madonna delle Lacrime, 11.000 Gläubige finden darin Platz.

Blut weinende Marien und Rosenduft

Immer wieder sollen Marienbilder oder Madonnenstatuen Tränen vergießen oder sogar bluten. Die Gläubigen sehen darin ein Zeichen Gottes oder der Jungfrau Maria, meist verbunden mit einer Warnung. Doch Wissenschaftler sind sicher: Für die Phänomene gibt es entweder eine natürliche Erklärung, oder ein Schwindler hat sie künstlich erzeugt.

Das italienische Städtchen Civitavecchia wird 2005 schlagartig berühmt, als eine 43 Zentimeter große Madonna aus Gips plötzlich Bluttränen weint. Dutzende Zeugen sehen die Tränen, auch der Bischof. Er erklärt im Fernsehen, es handele sich um ein Wunder. Der Vatikan zwingt ihn, die Behauptung zurückzunehmen. Die Tränen werden untersucht, es handelt sich tatsächlich um Blut. Allerdings von einem Menschen, und sogar von einem Mann. Richtig aufgelöst wird der Schwindel aber nie: Der Besitzer gerät in Verdacht, das Blut auf die Statue getropft zu haben. Doch er weigert sich ebenso wie andere Männer in seiner Familie, eine Blutprobe abzugeben.

Das Winchester-Haus hat 2.000 Türen und 10.000 Fenster.

Aber welches Motiv könnte der Mann gehabt haben? Womöglich wollte er Aufmerksamkeit erregen, vielleicht aber er auch den religiösen Tourismus in die kleine Stadt locken. "Dort entsteht ja zumeist eine florierende Wallfahrtsindustrie", sagt Bernd Harder, Sprecher des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken (Gwup): "Aber auch bestimmte katholische Gruppierungen wie Fundamentalisten oder Charismatiker haben ein Interesse an solchen Erscheinungen. Ihnen ist die normale Amtskirche viel zu lasch, zu modern und zu kompromissbereit, sie kämpfen ohnehin für einen strengen, erfahrbaren Glauben voller Wunder und Möglichkeiten."

Alle paar Monate machen irgendwo auf der Welt ähnliche Geschichten Schlagzeilen. Im australischen Dorf Rockingham weint 2002 eine Marienstatue, begleitet von Rosenduft. Im kalifornischen Fresno vergießt eine Statue seit anderthalb Jahren Tränen – seit die Cousine der Besitzerin gestorben ist. Ähnliche Fälle werden aus Kanada und Bolivien gemeldet.

Weinende Madonnen in Deutschland

Auch in Deutschland entdecken Gläubige immer wieder Tränenspuren auf Madonnengesichtern: 2007 ereignet sich angeblich das "Tränenwunder von Heroldsbach". In dem frommen oberfränkischen Ort erklären mehrere Zeugen, eine Marienstatue in einem Pilgerheim habe geweint. Eine Erklärung liefern sie gleich mit: Die Mutter Gottes sei traurig über all das Schlechte auf der Welt. Die chemische Analyse der angeblichen Tränen zeigt: Es sind gar keine. Die Proben weisen einen ähnlichen Natriumgehalt auf wie das Wasser, das im Heim durch die Leitungen fließt. Der Abschlussbericht will zumindest nicht ausschließen, dass jemand Wasser auf die Statue gespritzt hat.

Im bayerischen Traunstein soll 2005 eine Marienfigur aus Gips blutige Tränen absondern. Sie steht in der Wohnung einer sehr gläubigen Frau. Doch die Lokalzeitung lässt das Blut analysieren und stellt fest: Es stammt von einem Menschen. Von wem? Das bleibt offen, weil die Besitzerin keine Blutprobe abgeben will.

Bluttränen aus Spaß verschmiert

Tatsächlich stellen sich die angeblichen Wunder fast immer als mehr oder weniger plumpe Fälschungen heraus. In der sizilianischen Großstadt Messina weint im März 2002 die zwei Meter große Statue des Heiligen Pater Pio blutige Tränen. Tausende Menschen pilgern zu dem Platz. Bei Untersuchungen stellt sich heraus, dass das Blut von einem Menschen stammt. Dann gesteht eine Frau: Ihr drogenabhängiger Sohn habe sich einen Spaß erlaubt und die Augen der Statue mit seinem Blut verschmiert.

Manchmal benutzen Betrüger Tierblut, oder sie tüfteln ausgefeilte Apparaturen aus, bei denen kleine Röhren im Inneren der Statuen zu den Augen führen.

Andere Schwindeleien sind etwas aufwendiger. Der italienische Chemiker Luigi Garlaschelli hat sich darauf spezialisiert, sie zu entlarven. Einige spektakuläre Enthüllungen sind ihm gelungen. Mit einer nachgebauten Attrappe zeigt er, wie eine Fälschung möglich ist: Eine hohle Statue aus Gips oder einem anderen porösen Material ist glasiert und wird so undurchlässig. Durch ein verstecktes Loch füllt man sie mit einer Flüssigkeit. Der Gips nimmt diese auf, aber wegen der Glasur kann sie nicht nach außen austreten. Kratzt man nun die Glasur um die Augen herum weg, treten Tropfen aus, die wie Tränen aussehen.

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Warum glauben Menschen an Bluttränen?

Aber warum glauben manche Menschen bereitwillig an solche Wunder? "Die Sehnsucht, einen 'Beweis' für seinen persönlichen Glauben zu bekommen, ist bei vielen Gläubigen sehr stark", sagt Bernd Harder. "Beim Beten passiert nichts, jedenfalls nichts Greifbares, Sichtbares, Erlebbares - bei solchen 'Wundererscheinungen' schon."

Nach Meinung des Experten kommt aber noch ein weiteres Element hinzu: "'Marienerscheinungen' und 'Wunder' bedienen außerdem die Sehnsucht nach religiösen 'Offenbarungen', die nicht von kirchlichen Autoritäten wie Pfarrern oder Bischöfen vermittelt und gedeutet und erklärt werden, sondern die man selbst unmittelbar sehen und erleben kann."

Tränen beweisen nicht die Existenz Gottes

Die katholische Kirche hält sich bei der Anerkennung der weinenden Madonnen als Wunder zurück, oder äußert sich nur sehr vage und meist eher spät. "Dieses Deutungsvakuum können die Gläubigen so füllen, wie sie es für richtig halten und nicht die Schriftgelehrten", erläutert Harder. "Und für die 'einfachen' Marienanhänger ohne theologische Ausbildung ist die Vorstellung völlig nachvollziehbar, ja sogar zwingend, dass 'ihre' Schutzpatronin in das Weltgeschehen sichtbar eingreift, als 'Mutter' Sorgen äußert bzw. sogar sichtbare Zeichen von Traurigkeit über den Zustand der Welt zeigt."

Dr. Martin Mahner, ebenfalls Experte beim Gwup, fügt hinzu: "Freilich würden weinende Madonnen, so sie echt wären, noch nicht die Existenz des Übernatürlichen beweisen, denn man könnte das nicht unterscheiden vom Wirken humorvoller Außerirdischer, die uns verarschen wollen. Es müsste also viel mehr passieren, bevor das tatsächlich so etwas wie ein Gottesbeweis wäre."

Regenwasser und Harz statt Blut und Tränen

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Manchmal hat das vermeintliche Mysterium auch eine ganz natürliche Erklärung. Im bayerischen Schwandorf weint ein Madonnenbild in einem Reihenhaus 27 Tage lang. Allerdings nur im Winter. Dann stellt sich heraus: Das Dach ist undicht, es bildet sich Kondenswasser in dem ungeheizten Raum, in dem das Bild hängt. Die angeblichen Tränen sind also tatsächlich ganz normales Wasser.

In einem anderen Fall bestehen die Bluttränen aus Harz. Damit waren die künstlichen Augen an der Statue befestigt. Scheint die Sonne auf die Madonna, schmilzt das Harz und tropft herunter.